Die vergessenen Malalas

Am vergangenen Freitag hielt Malala Yousafzai, jenes Mädchen, welches im vergangenen Jahr von einem Extremisten in den Kopf geschossen wurde, ihre Rede vor der UNO. Der sogenannte „Malala Day“ wurde seitens der Medien ausgiebig gefeiert. Dabei setzte man ein weiteres Mal auf eine oberflächliche Berichterstattung und drängte Hintergrundfakten beiseite.

Malala Yousafzai vor der UN (Foto: EPA)

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Ein Jahr Trauer – Das Massaker von Kandahar

Genau vor einem Jahr geschah eines der schrecklichsten Massaker seit Beginn des Afghanistan-Einsatzes. Siebzehn Menschen wurden in einem Dorf in Kandahar kaltblütig ermordet. Bei ihnen handelte es sich überwiegend um Frauen, Kinder und Greise. Als Täter wurde den Medien ein US-Soldat namens Robert Bales vorgestellt. Diesem Mann wird bald sicherlich eine Strafe widerfahren, doch mit Gerechtigkeit wird sie nichts zu tun haben.

Opfer im Dorf Panjwai, Kandahar (Quelle: APP)

Opfer im Dorf Panjwai, Kandahar (Quelle: AP)

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Der Sündenbock

Vor acht Monaten kam es zu eines der grausamsten Massaker des Afghanistan-Kriegs. In zwei kleinen Dörfern in der Provinz Kandahar wurden siebzehn Zivilisten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen und brutal ermordet. Die meisten Opfer waren Kinder, Frauen und ältere Menschen. Nun hat der Prozess gegen den angeblichen Täter Robert Bales begonnen. Allem Anschein nach wollen die USA den Fall schnell hinter sich bringen. Was wirklich in jener Nacht geschah, soll unter den Tisch gekehrt werden. Das Märchen, dass Bales die Tat allein ausgeführt haben soll, hat sich schon längst durchgesetzt.

Schon damals wurden einige Stunden nach dem Massaker alle möglichen Geschichten, ob sie nun der Wahrheit entsprachen oder nicht, über Robert Bales in Umlauf gebracht. Bales sollte als alkoholkranker, psychisch labiler Mann dargestellt werden, der schwere Zeiten hinter sich hatte. Seine Ehe scheiterte und der Irak-Krieg, an dem er auch teilnahm, traumatisierte ihn. Als sein Kamerad in Afghanistan sein Bein verlor, hielt es Bales nicht mehr aus. Die Nacht darauf schlich er sich aus dem Lager und begab sich in das nahe gelegene Dorf, um dort Amok zu laufen. Nachdem Bales mehrere Menschen im Dorf ermordet hatte, ging er wieder ins Hauptquartier. Dieses verließ er kurze Zeit später ein zweites Mal, um in ein anderes Dorf zu gehen und noch einmal zu morden. So lautet bis heute die offizielle Version.

Diese Version steht im krassen Gegensatz zu den Zeugenberichten aus Kandahar. Ich hatte schon in der Vergangenheit des Öfteren erwähnt, dass die Dorfbewohner berichteten, dass es sich keinesfalls um einen Einzeltäter gehandelt hat. Kinder und Jugendliche erzählten unter anderem, dass ihre Eltern von mehreren US-Soldaten aufgeweckt und per Kopfschuss getötet wurden. Außerdem lag der Verdacht nahe, dass diese Soldaten unter Alkoholeinfluss standen.

Das afghanische Untersuchungsteam, welches damals kurz nach dem Massaker vor Ort war, berichtete, dass mindestens zwei weibliche Opfer vor ihrer Ermordung sexuell missbraucht wurden. Um Spuren zu verwischen, versuchten die Soldaten, die Leichen dieser Frauen zu verbrennen. Die Hinterbliebenen der Opfer verlangen bis heute Gerechtigkeit. Stattdessen hat die US-Regierung sie mit 50.000 Dollar „entschädigt“. Man fragt sich, was Menschen wie Mohammad Wazir, der in jener Nacht fünf Töchter und einen Sohn verlor, mit diesem Geld anfangen sollen.

Shakeba Hashimi, eines der Mitglieder der damaligen Kommission, ist bis heute der Meinung, dass mindestens fünfzehn bis zwanzig Soldaten an dem Massaker beteiligt waren. Zeugenberichten zufolge wurden über dem Gebiet sogar Hubschrauber gesichtet. Auch der russische Nachrichtensender RT berichtete damals von mehreren US-Soldaten. Die Ergebnisse des Untersuchungsteams und die zahlreichen Zeugenaussagen wurden von den USA komplett ignoriert. Robert Bales wurde sofort ausgeflogen und der Weltöffentlichkeit verkaufte man eine Geschichte, die alles andere als der Wahrheit entspricht.

Nun soll diesem Mann in Washington der Prozess gemacht werden. Der Richter hält Bales für zurechnungsfähig, demnach könnte ihn auch die Todesstrafe erwarten. Die Zeugen aus Kandahar werden nicht in den Zeugenstand gerufen. Dies war natürlich vorherzusehen. De facto ist der ganze Prozess bedeutungslos, denn der wahre Tathergang wurde erfolgreich vertuscht. Der Sündenbock namens Robert Bales wird sicherlich bestraft, doch diese Strafe hat nichts mit Gerechtigkeit zu tun.

Neue Märchen über Robert Bales

Mittlerweile wurde der Soldat, der angeblich für das Massaker von Kandahar verantwortlich ist, wegen 17-fachen Mordes angeklagt. Obwohl einige US-Politiker die Todesstrafe nicht ausschließen wollen, liegt es doch auf der Hand, dass Bales wahrscheinlich nicht eine Hinrichtung zu erwarten hat.

Währenddessen wollen die US-Ermittler in Afghanistan neue Tatsachen über das Massaker entdeckt haben. Sie sind zum Schluss gekommen, dass Robert Bales zuerst in ein Dorf ging, dort Menschen ermordete und danach wieder ins Hauptquartier zurück kehrte, bevor er ein anderes Dorf überfiel und dort sein Massaker fortsetzte. Deshalb sollen auch die Tatorte so weit voneinander entfernt sein.

Dass solche „Ermittlungen“ seitens der Amerikaner oft unglaubwürdig erscheinen, ist nichts Neues. Dieses Mal jedoch haben sie sich mal wieder selbst übertroffen! Anstatt nur einen einzigen afghanischen Zeugen anzuhören, bevorzugen es die US-Ermittler neue, krude Thesen zu verbreiten. Hauptsache Robert Bales bleibt weiterhin der Einzeltäter, der Sündenbock, der für alles verantwortlich zu machen ist.

Währenddessen wurden die Hinterbliebenen in Kandahar mit lächerlichen 50 000 Dollar von den USA „beschädigt“. Verletzte erhielten jeweils 11 000 Dollar. Man fragt sich, was dieses Geld den Menschen dort bringen soll. Sie haben während ihrer Anhörung (http://www.youtube.com/watch?v=SbueAcJYMZo / http://www.aljazeera.com/indepth/features/2012/03/201231862852921747.html) immer wieder gesagt, dass sie nichts anderes auf dieser Welt wollen, nichts Materielles, außer die gerechte Bestrafung der Täter. Weiterhin hat jeder von ihnen noch einmal deutlich wiederholt, dass es keineswegs eine einzelne Person war und dass mehrere Schüsse gleichzeitig abgefeuert wurden. Des Weiteren verstehen die Angehörigen der Opfer nicht, wie es sein kann, dass nun ein einzelner „Verrückter“ den Afghanen und den Menschen weltweit als Täter vorgeführt wird. Abgesehen davon, dass dies eine Lüge sei, ist es unverständlich, warum die US-Armee solche „Verrückten“ unter ihren Soldaten habe und wie es sein könne, dass ein „Verrückter“ mitten in der Nacht unbeaufsichtigt sein Quartier verlassen könne.

Die Amerikaner haben diese Anhörung ignoriert und bis jetzt kein Wort darüber verloren. Sie stehen weiterhin zu ihrer Version. Dass Robert Bales sich tatsächlich ein zweites Mal unbeaufsichtigt ins Hauptquartier begab und danach wieder zum Morden aufbrach, ist mehr als nur unwahrscheinlich.

Anstatt die Wahrheit einzugestehen, werden weiterhin Fakten vertuscht. Die Menschen in Kandahar lassen sich jedoch nicht mit Geld entschädigen. Was soll zum Beispiel Mohammad Wazir, der fünf Töchter und einen Sohn in dieser Nacht verlor, mit diesem Geld anfangen? Den anderen Hinterbliebenen geht es nicht anders. Wie sollen sie ihr Leben fortsetzen? Ihre Qualen müssen unvorstellbar sein.

Während in den meisten Medien nicht einmal die Namen der Ermordeten erwähnt werden, werden die Afghanen ihre Opfer niemals vergessen.

Deshalb sollte an Khudadad, Payenda, Robina, Schatarina, Zahra, Nazia, Masuma, Farida, Palwascha, Nazia, Esmatullah, Faisullah, Essa Mohammad, Akhtar Mohammad, Mohammad Daoud und Nazar Mohammad stets erinnert werden.

Sie alle verloren ihr Leben in jener Nacht und die Täter laufen immer noch frei und unbehelligt herum.

Neue Erkenntnisse zum Massaker von Kandahar

Die westlichen Medien verbreiten seit einigen Stunden neue Erkenntnisse über „ihren Einzeltäter“. So soll „der Amokläufer von Kandahar“ den Namen Robert Bales tragen und ein „sanftmütiger Familienvater“ sein. Bales soll ich kurz nach 9/11 freiwillig für die Armee gemeldet haben und war vor seinem Afghanistan-Einsatz schon drei Mal im Irak stationiert. Dort soll er schreckliche Sachen erlebt und Verletzungen davon getragen haben. Die US-Armee meint außerdem, dass der werte Herr Bales Ehe- und Alhokolprobleme hätte und einen Tag vor „seinem Amoklauf“ erlebt habe, wie ein Kamerad sein Bein verlor. Dies soll ihn schließlich dazu geführt haben, in einem Dorf in Kandahar sechzehn Menschen umzubringen. Während der Tat stand der Soldat anscheinend unter Alkoholeinfluss. Abgesehen davon wurde Bales in der Vergangenheit schon mehr als zwölfmal für seine Tapferkeit und für sein gutes Verhalten von der Army ausgezeichnet.
Familie und Freunde des Soldaten sind bestürzt. Sie beschreiben ihn als guten Menschen und Familienvater.
Die USA will aber nicht an ihrer offiziellen Version zweifeln. Warum sie überhaupt derart labile Menschen mit Alkoholproblemen in den Krieg schicken, ist eine andere Frage. Bales‘ Anwalt, der seinen Mandanten noch nie getroffen hat, ist der Meinung, dass „der Krieg den Soldaten zu dem gemacht hat, was er nun ist“. Außerdem gibt er die Schuld für die Tat nicht seinen Mandanten, sondern meint, dass die US-Regierung, die diesen Krieg angezettelt hat, dafür verantwortlich zu machen ist. Bales soll nur als einzelner Sündenbock herhalten.

Nichtsdestotrotz steht die Version der USA weiterhin im krassen Gegensatz zu den Zeugenberichten aus Kandahar. Dort hieß es, wie schon hier mehrfach erwähnt wurde, dass die Tat keinesfalls von einem einzelnen Soldaten begangen wurde. Zeugen, unter denen sich auch Kinder und Jugendliche befinden, sagten unter anderem aus, dass ihre Eltern und Geschwister von mehreren Soldaten aufgeweckt wurden und dann durch einen Kopfschuss getötet wurden. Des Weiteren standen die Soldaten wahrscheinlich unter Alkoholeinfluss.
Das afghanische Untersuchungsteam in Kandahar hat mittlerweile festgestellt, dass mindestens zwei weibliche Opfer vor ihrer Ermordung sexuell missbraucht wurden.
Die Amerikaner zeigen sich den Medien gegenüber zwar kooperativ und wecken den Anschein, den Fall so schnell wie möglich lösen zu wollen, trotzdem zeigt die Realität etwas anderes. So beschwerte sich das afghanische Untersuchungsteam sowie Präsident Hamed Karzai über die schlechte Zusammenarbeit der Amerikaner.
Shakeba Hashemi, Mitglied des Untersuchungsausschusses in Kandahar, ist der Meinung, dass 15 bis 20 US-Soldaten an dem Massaker beteiligt waren. Sogar Hubschrauber wurden über das Gebiet gesichtet. Diese Erkenntnisse gehen aus Zeugenberichten hervor.

Das afghanische Volk besteht weiterhin auf ein Gerichtsverfahren in Afghanistan. Robert Bales, der wahrscheinlich wirklich nur als Sündenbock propagiert wird, befindet sich mittlerweile in den USA. Angeblich sogar in einem Hochsicherheitstrakt. Wann es zum besagten Prozess kommt, steht noch in den Sternen.

Im Großen und Ganzen stinkt die Geschichte zum Himmel. Die Beweislage ist mittlerweile eindeutig genug und lässt die Einzeltäter-Theorie fallen. Trotzdem wollen die westlichen Medien nichts davon wissen. Sogar der russische Nachrichtensender RT berichtete von mehreren US-Soldaten, die an dem Massaker beteiligt gewesen sein sollen.
Der zuständige US-General betrachtet den Amoklauf als Einzelfall und meint, dass er nicht den „Werten und Standards der US-Armee entspreche“.

Zynischer geht es wirklich nicht mehr.