Wem gehört Rumi?

Afghanistan, Iran und die Türkei streiten sich, während Hollywood Whitewashing vorgeworfen wird, weil DiCaprio den berühmten, muslimischen Dichter Rumi darstellen soll.

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Foto: Rumi

Vor einigen Tagen gab Hollywood bekannt, einen Film über das Leben des berühmten muslimischen Poeten und Sufi-Mystikers Dschalal ad-Din Mohammad Balkhi, auch bekannt als Rumi, zu drehen. David Franzoni, einer der bekanntesten Drehbuchautoren der Industrie, meinte, dass der geplante Film den negativen Stereotypen, die Muslime heutzutage ausgesetzt sind, entgegenwirken solle. In der Rolle des Rumi sieht Franzoni Leonardo DiCaprio, während dessen Mentor, der Mystiker Schams-e Tabrizi, von Robert Downey Jr. dargestellt werden soll. „Das ist das Niveau von dem wir hier sprechen“, so Franzoni in einem Interview.

Franzoni wusste wahrscheinlich nicht, was für ein Shitstorm seine Pläne in den Sozialen Netzwerken auslösen würde. Unter dem Hashtag #RumiWasntWhite brachten Zehntausende von Menschen, viele von ihnen mit muslimischem Hintergrund, ihren Unmut zum Ausdruck. Ihr Vorwurf liegt weiterhin eindeutig im Raum: Die US-amerikanische Filmindustrie will Rumi – einen der bedeutendsten Personen der islamischen Geschichte, jemanden, der aus dem heutigen Afghanistan stammt – durch einen weißen Amerikaner mit italienisch-deutschen Wurzeln darstellen.

Dadurch, so die Kritiker, beansprucht das „weiße“ Hollywood die zivilisatorischen Ansprüche anderer rassifizierter Gruppen ein weiteres Mal für sich. Die Rede ist vom sogenannten Whitewashing. Tatsächlich scheint diese Praxis in Hollywood nichts Neues zu sein. Immer wieder herrscht die Kritik, die US-amerikanische Filmindustrie würde Minderheiten – allen voran schwarze Menschen – benachteiligen. Dies war etwa auch bei der diesjährigen Oscarverleihung der Fall. Ein Blick auf viele Filme macht deutlich, dass afroamerikanische Schauspieler oftmals die Rollen jener Figuren einnehmen, die ihren Stereotypen entsprechen, etwa die von Kriminellen oder Sklaven. Währenddessen übernehmen weiße Darsteller die Rollen von bekannten historischen Figuren, biblischen Propheten oder gar ägyptischen Göttern.

Medial hat sich mittlerweile auch das optische Stereotyp eines Muslims durchgesetzt. Dementsprechend ist es wenig überraschend, dass Personen, die diese verkörpern, in vielen Filmproduktionen nicht selten in die Rolle des „Terroristen“ oder eines anderen Antagonisten schlüpfen. Es liegt auf der Hand, dass durch diese Praxis gewisse Machtmechanismen in Gang gesetzt werden.

Rumi soll nicht mit einem orientalisch wirkenden Mann aus einem heutigen Kriegsgebiet in Verbindung gebracht werden, sondern mit Leonardo DiCaprio. Dass dieser ein guter Schauspieler ist, steht für viele Menschen außer Frage. Ebenso jedoch auch die Tatsache, dass er das privilegierte Produkt der Industrie schlechthin ist.

Jenseits ethnischer und nationaler Grenzen

Es ist allerdings nicht nur der Streit um Rumis Hautfarbe, der in diesen Tagen geführt wird. Seit langem wird nämlich auch versucht, dem großen Sufi-Meister, der im 13. Jahrhundert lebte, eine nationale Identität aufzudrücken.

Konkret beanspruchen drei Staaten Rumis Erbe für sich: Iran, Afghanistan und die Türkei. Wie bereits erwähnt, stammt Rumi aus dem heutigen Afghanistan. Sein Geburtsort Balkh liegt im Norden des Landes. Im Laufe seines Lebens verschlug es Rumi nach Konya, sprich, in die heutige Türkei, wo er viele Jahre verbrachte und verstarb. Währenddessen stellt der Iran sich in den Mittelpunkt, weil Rumi seine Werke in persischer Sprache verfasste.

Nun wurden sowohl der Iran als auch die Türkei bei der UNESCO vorstellig. Die beiden Staaten haben ein gemeinsames Interesse daran, Rumis Lebenswerk offiziell als ihr Kulturerbe aufzulisten. Afghanistan, wo der Mystiker bis zum heutigen Tage einen enormen Einfluss hat, wurde dabei außen vor gelassen. Die afghanische Regierung reagierte prompt und brachte ihre Kritik vor der UNESCO zum Ausdruck. In Rumis Geburtsort Balkh fanden sogar Demonstrationen statt.

Da zu Rumis Lebzeiten nationale Kategorien nicht existierten, erscheint es kaum möglich, ihn in eine solche einzuordnen. Fakt ist jedoch die Tatsache, dass die persische Sprache nicht nur den Iran, sondern ganz Zentralasien beeinflusst hat. Dies schließt sowohl Afghanistan als auch das im Norden angrenzende Tadschikistan ein.

Viele Afghanen betrachten das Agieren des Irans in diesem Kontext als eine Art Kulturraub. „Rumi ist nur ein weiteres Beispiel, wie der Iran versucht, afghanische Kultur zu stehlen“, meinte etwa der afghanische Journalist Ali Latifi auf Twitter. Andere Journalisten und Aktivisten verbreiteten Bilder von Rumis zerfallenem Geburtshaus in Balkh, um auf dessen Herkunft aufmerksam zu machen.

Für Rumi selbst hätten die gegenwärtigen Diskussionen um seine Person wohl keine Rolle gespielt. Er lehnte jegliche Grenzen und Separationen ab. Über ethnische und nationale Unterschiede hätte er wahrscheinlich den Kopf geschüttelt. Umso wahrer dürfte wohl die Aussage sein, dass Rumi all jenen gehört, die auf dieser Welt wandeln und denen er sein einzigartiges Werk hinterlassen hat.

Erstveröffentlichung: Telepolis

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