Bis zum Schluss gegen das System


Muhammad Ali ist von uns gegangen. Der Mann, der als Cassius Marcellus Clay Jr. das Licht der Welt erblickte, war in vielerlei Hinsicht einzigartig. Er war nicht nur der größte Sportler des 20. Jahrhunderts, sondern auch ein vorbildlicher Systemkritiker. Seine Art des Widerstandes ist schon längst in die Geschichtsbücher eingegangen. Ein Umstand, den ihm einige auch nach seinem Tod übel nehmen. Ein etwas anderer Nachruf.

Muhammad Ali and Malcolm X

Muhammad Ali und Malcolm X 

„Boxlegende Cassius Clay ist verstorben. 1964 bestand Clay darauf, Muhammad Ali genannt zu werden, nachdem er zum radikalen Islam konvertiert war.“ Mit diesen Worten verkündete der französische Sender „France2“ den Tod Muhammad Alis. Es gibt drei Gründe, warum diese Meldung vor Widerwärtigkeit trieft. Zum einen wird Ali, der viel mehr war als eine „Boxlegende“, lediglich zu einer sportlichen Persönlichkeit heruntergebrochen. Zum anderen wird Alis abgelegter Name, Cassius Clay, sein „Sklavenname“ wie er ihn selbst bezeichnete, bewusst hervorgehoben. Zu guter Letzt, und das ist womöglich das Widerwärtigste am Ganzen, wird Alis Konvertierung zum Islam negativ in den Vordergrund gestellt und direkt mit Extremismus und Radikalität in Verbindung gebracht.

Muhammad Ali und der Islam – das war eine Beziehung, die vielen Menschen, auch vielen, die seine sportlichen Erfolge feierten, nicht gefiel. Dies ist nicht verwunderlich. Alis Konvertierung war unter anderem auch ein Protestakt gegen das bestehende politische System. Er bot den rassistischen Eliten die Stirn. Im Grunde genommen wollte er allen Afroamerikanern klar machen, dass sie falsche, einst von ihren Sklavenhaltern ausgewählte Namen tragen würden. Anfangs nannte er sich noch Cassius X, später dann letztendlich Mohammad Ali. Die beiden Namen gehören zu den wichtigsten Persönlichkeiten der islamischen Geschichte: Mohammad, der Prophet des Islams sowie Ali, der vierte Kalif und Mohammads Schwiegersohn und Vetter.

Ali hielt viel von seinem Namen. Als man ihn anfragte, seinen Namen auf dem bekannten Walk of Fame zu verewigen, erteilte Ali eine Absage. Er wies darauf hin, dass er es nicht hinnehmen könne, wenn Menschen auf seinem Namen, dem Namen des heiligen Propheten, tagtäglich mit ihren Füßen hin und her trampeln würden. Heute ist Muhammad Ali der einzige Name des Walk of Fame, der an der Wand hängt. Andere würden aufgrund einer solchen Haltung heutzutage womöglich schnell als „Islamisten“ denunziert werden.

Doch Ali machte keinen Hehl aus seiner Religion. Er war gewiss kein Fanatiker, doch er trug sie mit Stolz zur Schau – und fand immer die richtigen Worte, wenn Medien und Politiker den Islam und seine 1,3 Milliarden Anhänger angriffen, vor allem seit den Angriffen des 11. September 2001. Seine letzten Kämpfe bestritt Ali nicht im Ring, sondern vor allem verbal gegen die Extremisten des IS oder Islamhasser wie Donald Trump. Mit Letzterem wurde er erst vor Kurzem auf dümmliche Art und Weise verglichen. Der ehemalige Boulevard-Reporter und CNN-Moderator Piers Morgan meinte gestern, über Twitter darauf hinweisen zu müssen, dass Ali „weitaus mehr rassistische Dinge über weiße Menschen gesagt habe als Trump jemals über Muslime“. Es sind Momente wie diese, in denen man für einen Shitstorm Dankbarkeit empfindet.

Alis Kampf war immer auch ein Kampf für die Unterdrückten und Benachteiligten – seien es nun Muslime, Schwarze oder etwa auch Palästinenser oder Vietnamesen. Sein Handeln richtete sich stets gegen Ungerechtigkeit und Ausbeutung. Zum Höhepunkt seines Erfolgs biederte er sich nicht dem System an, sondern stellte sich dagegen, indem er das amerikanische Blutbad in Vietnam lautstark kritisierte und so zu einem der berühmtesten Kriegsdienstverweigerer der Geschichte wurde. Auf diese Art und Weise wurde er zum Symbol eines globalen Widerstandes, der bis heute andauert.
Wer all diese Dinge im Kontext von Ali nicht benennt und stattdessen versucht, seine muslimische Identität, seinen afroamerikanischen Widerstand sowie seine politisch-philosophische Seite im Allgemeinen kleinzureden, wird dabei nicht nur seiner Person nicht gerecht, sondern agiert als Lautsprecher jener, die Ali stets kritisiert hat.

Umso weniger glaubwürdig ist natürlich nun, dass ausgerechnet jene Macht habenden Privilegierten und Unterdrücker in Erscheinung treten und Muhammad Ali mit ihrer heuchlerischen Rhetorik zu würdigen versuchen. An oberster Stelle dieser Doppelmoral lässt sich jener Mann finden, der mit Ali nichts außer der Hautfarbe gemeinsam hat: US-Präsident Barack Obama. Gemeinsam mit der First Lady würdigte Obama in einem Statement Ali und lobte dessen Schaffen.“Ein Mann, der für uns kämpfte“, hieß es darin unter anderem.

Ausgerechnet Obama, ein Mann, der tagtäglich Menschen via seiner Todesdrohnen in Stücke zerfetzen lässt und als einer der Folterfürsten von Guantanamo in die Geschichte eingehen wird, maßt es sich an, an Ali zu erinnern. Alles, wofür Muhammad Ali stand, negiert sich mit dem Handeln eines Barack Obama. Vietnam ist Afghanistan. Der Unterdrückte ist nicht nur der schwarze Mann, sondern jeder, der unter dem Imperium leidet. Aus Rassentrennung wurde Menschentrennung. Der Rassismus hat sich internationalisiert – ob nun in Brooklyn, im Mittelmeer oder im Westjordanland. So war es damals schon und so ist es auch geblieben.

Genauso wie sein Leben schafft auch Alis Ableben Bewusstsein für all diese tragischen Umstände, die es weiterhin zu bekämpfen gibt. Entgegen der kurzsichtigen Schlagzeilen hat der „Champ“ jedoch keinen einzigen Kampf verloren, auch seinen letzten nicht.

Vor Jahren meinte Ali in einem Interview folgendes: „Manche Menschen dachten, ich sei ein Held. Manche Menschen sagten, das, was ich tat, war falsch. Aber alles, was ich tat, geschah bei meinem vollsten Bewusstsein. Ich habe nicht versucht, eine Führungsfigur zu sein. Ich wollte nur frei sein“. Diese Freiheit hat Ali nun erlangt. Denn während wir weiterhin Gefangene sind, ist er nun tatsächlich frei.

Erstveröffentlichung: NachDenkSeiten

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