Muslime und Islam: Schlimmer als Krebs und Kokain

Schon seit Jahren steht der Vorwurf im Raum, Muslime sowie der Islam im Allgemeinen würden medial in einem besonders schlechten Licht dargestellt werden. Empirisch wurde dieser Kritik allerdings kaum nachgegangen. Oft war es mehr ein Gefühl, eine alltägliche Wahrnehmung, die man dank reißerischer Schlagzeilen und Panik machenden Talkshows immer wieder bestätigt sah. Eine im letzten Jahr veröffentlichte Studie macht nun allerdings deutlich, dass die Vorwürfe nicht aus der Luft gegriffen sind. Der Islam, so lässt die Berichterstattung führender Medien schlussfolgern, ist etwas Schlimmes – schlimmer etwa als Krebs, Kokain und andere negative Dinge.

THE NEW YORK TIMES

Foto: AFP

16 Labs, eine in Kanada ansässige Beratungsfirma, analysierte in diesem Kontext die Berichterstattung der New York Times, dem Flaggschiff des US-amerikanischen Journalismus. Ein weiterer Grund für die Auswahl der Times war die Tatsache, dass alle Artikel der letzten Jahre im Archiv frei zugänglich sind, während dies etwa bei anderen bekannten Blättern, etwa der Washington Post, nicht der Fall ist. Untersucht wurde die Berichterstattung vom Zeitraum 1990 bis 2014. Insgesamt wurden über 2,6 Millionen Titelzeilen quantitativ analysiert.

Dabei wurde nicht nur die Annahme bestätigt, dass der Islam negativ dargestellt wird. Vielmehr wurde auch deutlich, dass diese negative Darstellung auch anderen Themen gegenüber eindeutig überwiegt. So ist der Islam etwa in 57 Prozent der untersuchten Überschriften negativ konnotiert, was damit selbst die Darstellung von Krebs (34 Prozent) und Kokain (37 Prozent) in den Schatten stellt. In diesem Kontext fokussierte sich die Studie speziell auf Begriffe, mit denen man Negatives assoziiert.

„Unsere Studie hat eindeutig gezeigt, dass die angewandte Sprache in Bezug auf den Islam und seine Anhänger besonders negativ ist. Ein durchschnittlicher Leser, der dem über mehrere Jahre hinweg ausgesetzt ist, könnte dadurch sehr wohl den Eindruck haben, dass der Islam tatsächlich schlimmer sei als Krebs“, meint etwa Owais Arshad, einer der Autoren der Studie.

Ein weiterer wichtiger Punkt war der Vergleich mit den zwei anderen abrahamitischen Religionen: Christentum und Judentum. Auch in diesem Fall fiel das Ergebnis eindeutig aus. Im Durchschnitt wurden beide um zwanzig Prozent positiver dargestellt als der Islam.

Nichts Neues im Westen

Erwähnenswert ist auch die Tatsache, dass der Islam und Muslime nicht etwa erst seit 2001 im Fokus der Medien stehen, sondern dies auch in den Jahren zuvor schon der Fall war. Hauptgrund hierfür ist, wie auch in der Studie ausgeführt wird, unter anderem die Tatsache, dass mit dem Fall des Eisernen Vorhanges ein langjähriger Feind des US-amerikanischen Imperiums wegfiel und somit ein neues ideologisches Ziel in Form des Islams ausgemacht werden musste.

Einschlägige Ereignisse sorgten lediglich für einen Anstieg der negativen Islam-Berichterstattung. 2014 wurde der Islam etwa durchschnittlich in 5,4 Überschriften am Tag erwähnt, was einen Anstieg von ungefähr 1.000 Prozent im Vergleich zum Vorjahr darstellte. Als Grund hierfür wird unter anderem der Aufstieg des sogenannten Islamischen Staates (IS) in Irak und Syrien genannt.

Ebenfalls erwähnenswert sind jene Begriffe, die in der Berichterstattung am häufigsten in Erscheinung treten und deshalb von der breiten Masse mittlerweile mit dem Islam und Muslimen assoziiert werden: „Rebellen“ und „militant“. Auch die restlichen 23 Wörter, die in diesem Zusammenhang genannt werden, haben eine negative Konnotation.

Das Ergebnis der Studie ist nicht überraschend. „Als wir mit unserer Arbeit begannen, dachten wir keineswegs, dass eine negative Islam-Berichterstattung der New York Times ein überraschendes Ergebnis darstellen würde“, meint etwa Usaid Siddiqui von 416 Labs.

Islam-Berichterstattung steht in Zusammenhang mit westlicher Sicherheitsdoktrin

Ähnlich Ergebnisse wären wohl auch in Europa alles andere als überraschend. Schon vor einem Jahr kam der Schweizer Auswertungsdienst Media Tenor zum Schluss, dass der Islam besonders schlecht in Medienberichten wegkomme. Analysiert wurden zahlreiche Medien aus dem Zeitraum 2001 bis 2014.

„In Anbetracht der gegenwärtigen Umstände in Europa, sprich, der Stimmung, die gegen Flüchtlinge und Migranten gemacht wird sowie des Aufstieges von rechtspopulistischen Parteien, wären ähnliche Ergebnisse keineswegs eine Überraschung – vor allem in Deutschland oder Frankreich“, betont Owais Arshad.

Der allseits bekannte Literaturwissenschaftler Edward Said kritisierte schon in den 1980er Jahren den westlichen Islam-Diskurs in den Medien und wies darauf hin, dass Muslime und Araber in den meisten Fällen lediglich als Ölversorger oder potenzielle Terroristen dargestellt werden würden. Diese „kruden Karikaturen der islamischen Welt“, so Said, seien notwendig, um allen voran militärische Aggressionen in den jeweiligen Regionen zu rechtfertigen.

Saids Worte finden Anklang in der aktuellen Studie. So wird etwa deutlich, dass die mediale Sprache bezüglich des Islams und Muslimen stets sehr militaristisch ist und mit sicherheitspolitischen Themen in Verbindung gebracht wird. Auch zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist es mehr als offensichtlich, dass die Islam-Berichterstattung mit westlicher Sicherheitsdoktrin und der damit verbundenen militärischen Aggressionen in Nahost – etwa in Form der Bombardements der Anti-IS-Koalition oder Drohnen-Angriffen in Jemen und Somalia – in Einklang gebracht wird.

Nichtsdestotrotz sind die Autoren der Studie jedoch der Meinung, dass die New York Times nicht vorsätzlich handelt. Dennoch, so führen die Autoren weiter aus, wird aufgrund der Sprache der Berichterstattung ein Bild vom Islam geschaffen, welches die gesamte Religion sowie all ihre Anhänger für die Taten Einzelner verantwortlich macht.

Mehr Journalisten mit muslimischen Hintergrund als Korrektiv?

In Anbetracht einer solch problematischen Berichterstattung stellt man sich die Frage, ob und auf welche Art und Weise dem entgegengewirkt werden kann. Die Autoren der Studie empfehlen unter anderem, mehr Redakteure und Journalisten mit muslimischem Hintergrund anzustellen. Dadurch könnte eine bemerkbare Veränderung der Berichterstattung sowie des Diskurses im Allgemeinen bewirkt werden.

Davon ist die New York Times allerdings noch weit entfernt. Das Kernteam des Blattes beinhaltet keinen einzigen Journalisten mit muslimischem Hintergrund. Ähnlich sieht es in zahlreichen anderen Redaktionen aus. Die Meinungsmacher – auch in Deutschland – sind meistens immer noch weiß und bürgerlich.

Erstveröffentlichung: Telepolis

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