Die Armen sollen im Land bleiben

Viele Angehörige der afghanischen Polit-Elite haben ihre Familien ins sichere Ausland umgesiedelt.

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Die Kinder des afghanischen Präsidenten Ashraf Ghani leben in den USA. (Foto: AFP)

Anfang des Monats fand in Berlin die Afghanische Kulturwoche statt. Gleichzeitig wurde das hundertjährige Jubiläum der deutsch-afghanischen Freundschaft gefeiert. Aus diesem Grund reiste der afghanische Präsident Ashraf Ghani persönlich in die deutsche Hauptstadt. Während Ghanis Rede mit Bundeskanzlerin Angela Merkel wurde allerdings schnell deutlich, dass Kultur an diesem Tag nur eine Nebenrolle spielen wird. Stattdessen ging es um die Sicherheitslage in Afghanistan und um all jene Menschen, die aus dem Land am Hindukusch tagtäglich fliehen und auf eine bessere Zukunft in anderen Ländern hoffen, zum Beispiel in Deutschland.

Seit einiger Zeit deutet die deutsche Bundesregierung an, dass Flüchtlinge aus Afghanistan, die in Europa nach Geflüchteten aus Syrien weiterhin an zweiter Stelle stehen, nicht erwünscht seien. Der Tenor in Berlin ist weiterhin eindeutig: Zu viel Entwicklungshilfe sei in das Land geflossen, weshalb es nicht sein könne, dass Deutschland weiterhin Afghanen aufnehmen müsse.

Dabei werden die gegenwärtigen Zustände am Hindukusch weiterhin ignoriert. So wurde Ende September die Provinzhauptstadt des nördlichen Kunduz zeitweilig von Taliban-Kämpfern erobert. Selbiges scheint den Aufständischen nun auch im südlichen Helmand zu gelingen. Mindestens neunzig Angehörige der afghanischen Nationalarmee wurden dort in den letzten Tagen getötet. Zum gleichen Zeitpunkt scheint auch die Sicherheitslage in der Hauptstadt Kabul zu eskalieren, was unter anderem jüngste Raketenangriffe nahe des Präsidentenpalastes deutlich machten.

Zudem spielt die NATO im Land weiterhin eine eskalierende Rolle. Die Berichte von US-amerikanischen Drohnen-Angriffen nehmen kaum ab. Um wen es sich bei den Opfern handelt, bleibt jedoch weiterhin im Dunkeln. Schon vor einigen Monaten betonte Michael T. Flynn, ein ehemaliger General der US-Armee und vormaliger Direktor des militärischen Geheimdienstes DIA, dass der Drohnen-Krieg mehr Terroristen produziere als töte.

Flynn, der unter anderem im Irak sowie in Afghanistan stationiert gewesen ist, wurde aufgrund seiner kritischen Haltung im vergangenen Jahr von seinem Posten gedrängt. Eine ähnliche Meinung vertritt auch Brandon Bryant, ein ehemaliger Drohnen-Pilot der US-Armee. Laut Bryant, der an der Ermordung von 1626 Menschen mitgewirkt hat, ist der Drohnen-Krieg ein „Werkzeug“ in den Händen rekrutierender Terroristen.

„Geh nicht, bleib hier. Es könnte keine Rückkehr geben!“

Kurz gesagt: Der Krieg ist in Afghanistan überall alltäglich, weshalb die massiven Fluchtwellen nachvollziehbar sind. Die Schlangen vor dem Passamt in Kabul sind weiterhin lang. Täglich stellt die Behörde Tausende von Pässe (laut letzten Angaben 6000 pro Tag) aus, die viele Menschen benötigen, um das Land anfangs über legale Wege, etwas über den Iran oder Pakistan, zu verlassen.

Da viele Afghanen sich Deutschland als Ziel ausgesucht haben, versucht die deutsche Regierung seit einigen Wochen, dem mittels einer Propagandakampagne auf den Straßen großer Städte sowie in den Sozialen Netzwerken entgegenzuwirken. Doch schon zuvor begann die afghanische Regierung in Kabul mit einer ähnlichen Kampagne, um vor allem junge Menschen vor einer Flucht abzuhalten.

Mit dem Slogan „Geh nicht, bleib hier. Es könnte keine Rückkehr geben!“, wendete sich die Regierung medial direkt an die Betroffenen. Zusätzlich zur Regierungskampagne hat sich in den Sozialen Netzwerken eine Aktion namens „Afghanistan braucht dich“ gebildet. Deren Unterstützer verbreiten Fotos von sich, auf denen sie mittels Plakaten an die Menschen appellieren, nicht das Land zu verlassen.

Unterstützung fanden derartige Aktionen und Aufrufe auch von afghanischen Politikern. So wendete sich der ehemalige Präsident des Landes, Hamid Karzai, schon vor Monaten an seine Mitbürger und forderte diese im patriotischen Tonfall auf, ihrem Land nicht den Rücken zu kehren. Glaubwürdig wirkte das Ganze allerdings nicht. Während Karzai zwar selbst weiterhin in Kabul lebt, leben die meisten seiner Verwandten im Ausland, vor allem in den Vereinigten Staaten. Einer seiner Brüder führt dort unter anderem eine Fastfood-Kette. Auch andere Mitglieder der Karzai-Familie verweilen im Ausland. Und zufälligerweise liefen ihre Geschäfte besonders in jenen Jahren gut, in denen Hamid Karzai im Präsidentenpalast saß.

Die Kinder des afghanischen Präsidenten leben in den USA

Karzai ist kein Einzelfall. Bei genauem Hinsehen wird deutlich, dass zahlreiche Mitglieder der afghanischen Polit-Elite ihre Familien schon längst ins sichere Ausland geschafft haben, während sie den unteren Schichten weiterhin predigen, im von Krieg heimgesuchten Land zu bleiben. An oberster Stelle hierfür steht wohl der gegenwärtige Präsident höchstpersönlich. So leben die Kinder Ashraf Ghanis weiterhin in den USA, was nicht verwunderlich erscheint, da Ghani selbst dort viele Jahre seines Lebens verbrachte.

Ein weiteres Beispiel ist Abdul Rashid Dostum, ein berüchtigter Kriegsfürst und gegenwärtiger Vizepräsident des Landes. Da sich Dostum aufgrund seiner usbekischen Abstammung einige Jahre im Asyl in der Türkei aufhielt – und dort unter anderem über viele Immobilien verfügt – , lebt sein näherer Verwandtenkreis hauptsächlich in Ankara. Der Fall von Dostum ist exemplarisch für jene von anderen Kriegsfürsten, die sich im Laufe der vergangenen Jahre viele Feinde gemacht und deshalb ihre Verwandten ins Ausland geschafft haben.

Auch die anderen Familien-Mitglieder von Ghanis Kabinett leben außerhalb des Landes, sprich, dort, wo sie keine gepanzerten Fahrzeuge oder schwer bewaffnete Eskorte benötigen. So wohnt die Familie des Regierungschefs Abdullah Abdullah in Indien, während jene seines zweiten Vizepräsidenten, Sarwar Danish, im Iran verweilt. Zudem lebt die Familie von Noor ul Haqq Ulumi, dem gegenwärtigen Innenminister des Landes, in den Niederlanden. Auch zahlreiche andere Minister und Geheimdienstchefs reisen regelmäßig ins Ausland, um dort ihre Familien, die nicht selten im Luxus leben und teure Universitäten besuchen, zu besuchen.

„Wie viele Ihrer hochrangigen Politiker haben Söhne auf dem Schlachtfeld?“

Derartige Umstände fielen US-Militärs schon vor Jahren auf und verärgerten diese dementsprechend. „Mein Vater ist 86. Er hat einen Neffen, der in Khost kämpft und einen weiteren in Shindand. General Parkers Sohn (Anmerkung: Gemeint war der britische General Nick Parker.) verlor sein Bein in Helmand. Wie viele Ihrer hochrangigen Politiker haben Söhne auf dem Schlachtfeld?“, fragte General Stanley A. McChrystal, damaliger Kommandeur der NATO in Afghanistan, bei einem Treffen mit Hamid Karzai. Seine Frage wurde mit einem bedrückenden Schweigen entgegnet.

Dabei sind die Zustände in Afghanistan keineswegs ein Einzelfall, sondern typisch für Entwicklungsländer, in denen instabile Verhältnisse vorherrschen. Nicht selten wird die politische Elite derartiger Staaten vom Westen an die Macht gehalten, während viele Regierungsmitglieder doppelte Staatsbürgerschaften besitzen. Zudem reicht ihre Macht kaum über die Grenzen der Landeshauptstadt hinaus, weshalb sie im Falle einer Eroberung durch aufständische oder extremistische Gruppierungen den nächsten Flieger gen Ausland wohl kaum verpassen würden.

Diese Tatsache wird natürlich auch von der restlichen Bevölkerung, sprich, von der absoluten Mehrheit des Landes, wahrgenommen, weshalb deren Verachtung für jene, die wortwörtlich „gleicher“ sind, nachvollziehbar ist. Ein potenzieller Flüchtling, vor wenigen Wochen noch vor dem Passamt auf seine Dokumente wartete, brachte etwa seine Wut – und die vieler anderer – wie folgt auf den Punkt: „Ihre Kinder studieren im Ausland und sie selbst sind von Bodyguards umgeben und leben in ihren Bunkern. Und wir, die hier tagtäglich leiden, sollen hier bleiben? Ich spucke auf solche Präsidenten und Minister!“

Erstveröffentlichung: telepolis

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