Wenn Krankenhäuser zum Ziel werden

Allein im vergangenen Monat wurden zwei Krankenhäuser der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ zum Ziel der USA oder eines ihrer Verbündeten. In beiden Fällen ließ die Berichterstattung zu wünschen übrig – und von einer ausführlichen Aufklärung fehlt weiterhin jede Spur.

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Vor Kurzem veröffentlichte MSF die Liste ihrer getöteten Kollegen aus Kunduz. Mindestens 30 Menschen kamen bei dem Angriff auf das Krankenhaus ums Leben. (Foto: MSF)

Etwa einen Monat ist es her, als die afghanischen Taliban die Provinzhauptstadt des nordafghanischen Kunduz einnahmen. Der zeitweilige Fall von Kunduz war nicht nur für das Versagen der afghanischen Zentralregierung in Kabul symbolisch, sondern vor allem für die NATO-Streitkräfte, die seit vierzehn Jahren das Land besetzen. Auch im Laufe der Gefechte in Kunduz kamen diese Streitkräfte schnell zum Einsatz. Da die Operationen der afghanischen Armee erfolglos schienen – durch deren vorhergehende Massenflucht kam es überhaupt erst zur Eroberung der Stadt – eilten US-amerikanische Kampfjets herbei und bombardierten vermeintliche Stellungen der Aufständischen.

Tatsächlich wurde allerdings schnell klar, dass auch Zivilisten Opfer des Bombenhagels wurden, was Zeugen vor Ort bestätigten. Dies geschah allerdings, wie so oft in Afghanistan, im Schatten der Weltöffentlichkeit. Diese richtete ihren Fokus erst auf die Rolle der NATO in Kunduz nachdem die besagten Kampfjets ein Krankenhaus vor Ort, nämlich jenes der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ (MSF) gezielt angriffen. Mittlerweile ist klar, dass mindestens dreißig Menschen dabei getötet wurden, zahlreiche weitere wurden teils schwer verletzt. Kurz nach dem Angriff berichteten lokale Journalisten von mehr als fünfzig Toten. Die endgültige Opferanzahl lässt sich jedoch nicht sagen. Auch MSF betont, dass eine Bergung von möglichen weiteren Toten aufgrund der Zerstörung nicht möglich sei. Sämtliche Opfer gehörten entweder zum Krankenhauspersonal oder waren Patienten. Laut MSF wurde auf einigen von ihnen selbst dann noch gezielt geschossen, als diese versuchten zu fliehen. Die MSF-Klinik war das einzige im Norden Afghanistans, welches sich auf die Behandlungen von Kriegsverletzungen spezialisiert hatte. Mittlerweile hat sie ihre Pforten geschlossen, das ausländische Personal wurde abgezogen.

Kurz nach dem Angriff sprach MSF umgehend von einem Kriegsverbrechen. Andere Organisationen, unter anderem auch die UN, zogen nach und verurteilten den Angriff scharf. Währenddessen wussten internationale Medienhäuser, die jahrelang auf den Krieg in Afghanistan eingestimmt hatten und diesen immer wieder beschönigten, teils nicht, wie sie auf den Angriff reagieren sollten. Die „New York Times“ machte auf sich aufmerksam, indem sie plump „Airstrike Hits Doctors Without Borders Hospital in Afghanistan“ („Luftangriff trifft MSF-Krankenhaus in Afghanistan“) titelte. Am darauffolgenden Tag sah der Titel bezüglich des Bombardements wie folgt aus: „US IS BLAMED AFTER BOMBS HIT AFGHAN HOSPITAL“ („Nachdem Bomben ein afghanisches Krankenhaus trafen, werden USA verantwortlich gemacht“). In beiden Fällen wird nicht klar, dass US-Streitkräfte tatsächlich für den Angriff verantwortlich waren, obwohl es zum gegebenen Zeitpunkt schon bekannt war. Nur sehr zögerlich hoben auch weitere Medien, etwa CNN, hervor, dass die Täter mehr oder weniger im Weißen Haus sitzen.

Ähnlich verhielt man sich auch in Europa. Während man in den Tagen zuvor von mordenden und plündernden Taliban-Kämpfern in Kunduz schrieb – und das auch noch ohne konkrete Beweise vorzulegen – wurde das Bombardement auf das Krankenhaus nur nüchtern zur Kenntnis genommen.

Ähnlich reagierte die Politik, wenn überhaupt. Dies war vor allem seitens der Regierungssprecher in Berlin der Fall. Diese wollten auf der täglichen Bundespressekonferenz nicht einsehen, warum der Angriff als Kriegsverbrechen bewertet werde. Man wolle erst einmal abwarten, hieß es. Und natürlich wollte man den Verbündeten in Washington nicht verärgern.

Dieser Verbündete agierte allerdings äußerst fragwürdig, was vor allem mit der Tatsache zu tun hatte, dass er seine Sicht der Dinge innerhalb kürzester Zeit ganze vier Mal änderte. Zuallererst war man sich nicht sicher, ob tatsächlich ein Krankenhaus bombardiert wurde, allerdings beteuerte man, dass US-Soldaten gefährdet waren. Kurz darauf hieß es, die Bombardements hätten lediglich nahe des Krankenhauses stattgefunden, außerdem war die Rede von „Kollateralschäden“. Dies wurde ein weiteres Mal revidiert, indem behauptet wurde, die Luftangriffe sei von der afghanischen Armee beordert worden. Auch diese Version wurde verändert. Später hieß es, US-Soldaten vor Ort hätten nach Luftunterstützung gefordert, nachdem sich die afghanische Armee dafür aussprach.

Dieses Wirrwarr macht allerdings deutlich, dass in diesem Fall tatsächlich nicht nur die USA die Schuldigen sind. Den afghanischen Streitkräften war das MSF-Krankenhaus schon seit längerem ein Dort im Auge, da es – wie man es eben von Ärzten erwartet – eine völlig neutrale Rolle einnahm und alle Menschen, auch Taliban-Kämpfer, behandelte. So kam es auch dazu, dass im vergangenen Juli afghanische Spezialkräfte einen Einschüchterungsversuch unternahmen, indem sie die Klinik stürmen und sie durchsuchten.

Auch die Opfer des Bombardements in Kunduz wussten, wer in erster Linie für den Angriff verantwortlich war. „Verflucht sollt ihr sein mit euren Bomben, durch die Menschen in Kunduz leiden und mit Blut und Staub bedeckt werden“, lautete etwa der letzte Facebook-Eintrag von Dr. Ehsan Osmani, einem der getöteten Ärzte, der sich dadurch wütend an die Regierenden in Kabul richtete.

Seither ist mehr als ein Monat vergangenen. „Ärzte ohne Grenzen“ spricht weiterhin von einem klaren Kriegsverbrechen und hat einen ausführlichen Bericht vorgelegt, der ihre Sicht der Dinge mit teils schockierenden Details darlegt. So wird ein weiteres Mal hervorgehoben, dass alle Kriegsparteien, vor allem die NATO sowie die afghanische Armee, die genauen Koordinaten der Klinik kannten. Des Weiteren wird darauf hingewiesen, dass das Gebäude weder zum gegebenen noch zu einem anderen Zeitpunkt als „Taliban-Basis“ fungierte, wie es seitens einiger afghanischer Politiker und Militärs hieß und dass sich keine „feindlichen Kämpfer“, ein Ausdruck, der nach derartigen Angriffen oft und gerne seitens der USA verwendet wird, im Krankenhaus befanden. Im Vordergrund des Berichtes steht auch die Neutralität der Organisation sowie ihre vorrangige Arbeit, die in erster Linie darin besteht, Menschen zu helfen.

Des Weiteren besteht MSF vehement auf eine unabhängige Untersuchung des Angriffs. Diese steht allerdings weiterhin aus. US-Präsident Barack Obama hat sich zwar für das Bombardement entschuldigt, das war es aber dann auch schon und wird wahrscheinlich auch so bleiben. Druck auf die USA ist nicht vorhanden. Seine Verbündeten, wie etwa die Bundesrepublik, haben ihren Standpunkt zum Ausdruck gebracht. Das Thema ist abgehackt.

Alle Bomben töten und zerstören

Nichtsdestotrotz könnte man meinen, dass der Angriff auf ein MSF-Krankenhaus ein Einzelfall sei. Dem ist allerdings nicht so. Am 27. Oktober, sprich, nur wenige Wochen nach dem Angriff in Kunduz, wurde nämlich eine weitere Einrichtung von MSF bombardiert. Diesmal befand sich das Ziel in Saada, einer nördlichen Provinz des Jemens. Ausgeführt wurde der Angriff von saudischen Kampfjets.

Im vergangenen März hat Saudi-Arabien eine großangelegte Intervention im Nachbarland gestartet. Als Grund hieß es, man müsse die schiitischen Huthi-Rebellen, die kurz zuvor den Präsidenten abgesetzt hatten, zurückdrängen, da diese angeblich vom ebenfalls schiitischen Iran gesteuert werden. Saudi-Arabien und Iran tragen seit Jahrzehnten eine Art Kalten Krieg in der islamisch geprägten Welt aus und kämpfen um die Vorherrschaft in der Region. Während Riad meint, für alle sunnitischen Muslime zu sprechen, gibt Teheran vor, alle schiitischen Muslime zu repräsentieren.

Die saudischen Angriffe im Jemen haben in den letzten Monaten Tausende von Menschen das Leben gekostet. Regelmäßig sind Zivilisten die Ziele. Mittlerweile wurden mehrere Hochzeitsgesellschaften angegriffen, etwa vor wenigen Wochen als durch ein solches Bombardement mindestens 130 Menschen den Tod fanden. Kurz darauf wurde eine weitere Hochzeit bombardiert, was mindestens fünfzehn Menschen das Leben kostete.

Durch den Angriff auf das MSF-Krankenhaus in Saada wurden mindestens sechs Menschen verletzt. Ein weiteres Mal sprach die Organisation von einem Kriegsverbrechen und wies darauf hin, dass die Koordinaten der Klinik den Saudis bekannt gewesen waren. Zum gleichen Zeitpunkt leugneten die saudische Seite, überhaupt ein Krankenhaus angegriffen zu haben.

Dabei war das Szenario gleich wie jenes in Kunduz: Die Klinik wurde aus der Luft mehrfach gezielt angegriffen. Zum Sündenbock wurden in diesem Fall keine Taliban sondern die Huthi-Rebellen, welche die Region zum damaligen Zeitpunkt kontrollierten, gemacht. Wie die Klinik in Kunduz war jene in Saada die einzige in der Region, die schwere Verletzungen behandeln konnte. Aufgrund der zahlreichen Kriegshandlungen wurden dort allein seit Mai wurden 3.400 Verletzte behandelt. Laut MSF wurde die Einrichtung durch den Angriff vollständig zerstört.

Im Vergleich zu Kunduz fand jedoch im Fall des Krankenhauses in Saada nahezu keine Berichterstattung statt. Dies betrifft im Übrigen den Krieg im Jemen im Allgemeinen. Was für ein Ausmaß die dortige Zerstörung in den wenigen Monaten erreicht hat, wird völlig ausgeblendet. Sowohl in Deutschland als auch in den USA hat dies einen Grund: Saudi-Arabien gehört zum „wichtigsten strategischen Partner in der Region“, wie es immer wieder heißt. Aus diesem Grund wird die saudische Bombenallianz im Jemen nicht nur von den Golfstaaten oder der Türkei unterstützt, sondern auch von den USA und europäischen Staaten. Dies hat nicht nur geostrategische Gründe – wie gesagt, laut der offiziellen Narrative verteidigen sich die Saudis nur gegen den iranischen Einfluss – sondern auch mit der Tatsache, dass Riad sowohl von den USA als auch von Deutschland mit Waffen beliefert wird.

Sowohl Kunduz als auch Saada wurden verdrängt. Die empörten Aufrufe von MSF scheinen zu verhallen. Dass die USA oder ihre Verbündeten Krankenhäuser, die laut Völkerrecht nie zum Ziel gemacht werden dürfen, selbst wenn sich Rebellen, Terroristen, Bewaffnete, Aufständische oder wer auch immer in ihnen aufhalten, mutwillig zerstören, scheint ohne viel Kritik zur Kenntnis genommen zu werden.

Zum gleichen Zeitpunkt sind jene russischen Angriffe in Syrien, die Berichten zufolge in den letzten Wochen mehrere lokale Krankenhäuser trafen, im Fokus der Medien. Es gibt nämlich nicht nur jene, die meinen, russische Bomben seien auf irgendeine Art und Weise besser als amerikanische, sondern auch jene, die meinen, sie seien schlechter – und deshalb mehr über sie berichten. Dabei wird vergessen, dass es keine guten oder schlechten Bomben gibt, sondern sie allesamt auf dieselbe Art und Weise zerstören und töten.

*Erstveröffentlichung: NachDenkSeiten

Update: Mittlerweile kam eine US-Untersuchung zum Schluss, dass das Gebäude „versehentlich“ angegriffen wurde. Verantwortlich will dafür aber niemand gewesen sein. Ausführliches dazu hier.

Ein Gedanke zu „Wenn Krankenhäuser zum Ziel werden

  1. Gut, dass Sie das beleuchten.
    Es wird deutlich, dass die beiden Seiten in all diesen Konflikten un Kriegen immer dieselben sind: Auf der einen Seite diejenigen, die behaupten, mit Waffen etwas erreichen zu können und sie dementsprechend einsetzen, egal ob Taliban oder westliche Streitkräfte, Saudis oder Huthis.
    Und auf der anderen Seite die Zivilisten und Opfer der Kriege sowie diejenigen, die ihnen helfen wollen, wie die Ärzte ohne Grenzen.

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