Fluchtpunkt Afghanistan

Zehntausende Afghanen sind geflohen. Was kaum einer weiß: Für ähnlich viele Flüchtlinge aus der Region ist Afghanistan das Ziel. Sie flüchten vor Kämpfen und US-Drohnen.

Flüchtlinge nahe Kabul. (Foto: Rahmat Gul/ AP/ dpa)

In Afghanistan eskaliert die Sicherheitslage. Das laufende Jahr gehört zu den blutigsten seit langem. Laut der UN starben 2015 bereits mindestens 5.000 Zivilisten durch Kämpfe und Anschläge. Getötet wurden sie nicht nur von Aufständischen, sondern auch von Soldaten der afghanischen Armee sowie regierungstreuen Milizen.

Neben dem Krieg beherrscht die Armut das Land. Viele Afghanen wissen nicht, wovon sie leben und ihre Familien ernähren sollen, die Zahl der Bettler, Prostituierten und Diebe nimmt rasant zu. Zehntausende sind auf dem Sprung, das Land zu verlassen und zu fliehen. Vor Beginn des Krieges in Syrien stellten Afghanen weltweit die höchste Zahl an Flüchtlingen. Mehr als ein Zehntel der Bevölkerung ist auf der Flucht. In Europa machen sie nach den Syrern die zweitstärkste Gruppe der Flüchtlinge aus.

Die jüngsten Ereignisse in der nordafghanischen Provinz Kundus haben die Situation noch zusätzlich verschärft. Denn dass die Taliban die Provinzhauptstadt Kundus zeitweilig einnehmen konnten, zeigt, dass die Regierung in Kabul ohne Hilfe der westlichen Truppen nicht in der Lage ist, für Sicherheit und Stabilität im Land zu sorgen. Und das nach 14 Jahren Krieg der USA und ihrer Verbündeten im Land.

Was aber vollständig in den Hintergrund gerät, ist die Tatsache, dass Afghanistan mittlerweile selbst zum Ziel von Flüchtlingen geworden ist. In Städten wie Kabul leben Zehntausende Menschen, hauptsächlich aus Pakistan, zusammengepfercht in heruntergekommenen Lagern. Sie gehören zu den Ärmsten der Armen.

 Shahid Gul stammt ursprünglich aus Nordwaziristan, einer pakistanischen Gebirgsregion an der Grenze zu Afghanistan. Seit etwa einem Jahr lebt er gemeinsam mit seiner Familie, die aus seiner Ehefrau, den drei Kindern, seinem Bruder sowie dessen Frau und Kindern besteht, in einem Zelt in Kabul. Gul und seine Familie sind vor den Kämpfen in Waziristan geflohen, einem der Schauplätze des US-amerikanischen Drohnenkrieges. Es sind jedoch nicht nur die Drohnen, die dort die Menschen terrorisieren, sondern auch Taliban und andere militante Gruppierungen sowie die pakistanische Armee.

„Die Drohnen bestimmten unseren Alltag. Meine Kinder sind traumatisiert und haben immer noch Angst, draußen zu spielen“, berichtet Gul. Seit 2001 gab es in Waziristan über 500 Drohnenangriffe. Doch selbst wenn sie keine ihrer Raketen abschießen, sind die Todesmaschinen immer präsent und schweben am Himmel umher. Ziel sind laut der US-Regierung Taliban-Kämpfer oder Anhänger von Al-Qaida, doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Bei der absoluten Mehrzahl der Drohnenopfer in der Region handelt es sich um Zivilisten. Laut dem Bureau of Investigative Journalism (TBIJ) konnten lediglich vier Prozent der Todesopfer als Al-Qaida-Mitglieder identifiziert werden. Für Menschen wie Gul, die aus der Region stammen, sind solche Nachrichten nichts Neues.

Die pakistanische Armee führt einen gnadenlosen Krieg

Die pakistanische Regierung in Islamabad toleriert die völkerrechtswidrigen Angriffe seit langem. Daneben führt sie ihren eigenen Krieg in Waziristan. Seit Juni vergangenen Jahres findet dort eine großangelegte Operation der pakistanischen Armee statt. Offizielles Ziel ist, militante Gruppierungen wie die pakistanischen Taliban (TTP), Al-Qaida oder die usbekischen Kämpfer der Islamischen Bewegung Usbekistans (IMU) zu bekämpfen. Auch hier widerspricht allerdings die Realität der offiziellen Regierungsversion. In den vergangenen Monaten wurden in Waziristan Tausende Menschen von der pakistanischen Armee getötet und nahezu allesamt als „Terroristen“ deklariert. Augenzeugenberichte und Menschenrechtsorganisationen widersprechen dem und verweisen auf zahlreiche Menschenrechtsverbrechen, etwa in Form von Folter, zivilen Opfern und Tausenden Vertriebenen. Das Interesse der Medien ist jedoch gering. „Waziristan ist vergessen“, stellt Shahid Gul bitter fest.

Die Menschen in Waziristan sind Paschtunen. Durch die koloniale Grenzziehung im 19. Jahrhundert wurden sie von Afghanistan getrennt. Von ihren Stammesbrüdern jenseits der Grenze unterscheiden sie sich kaum. In Afghanistan werden sie weiterhin als Afghanen betrachtet. Als im vergangenen Jahr mehr als 6.000 Menschen Waziristan verließen, wurden sie in Afghanistan mit Blumen, Tee und Süßigkeiten empfangen.

Außer den Menschen aus Waziristan leben in den Lagern in Kabul auch afghanische Binnenflüchtlinge. Nach UN-Angaben wurden seit Beginn der NATO-Intervention 2001 mehr als 600.000 Menschen im Land vertrieben. Die meisten von ihnen stammen aus den südlichen und östlichen Provinzen, wo der Krieg am stärksten tobt. Und auch dort führen die USA ihren Drohnenkrieg. Afghanistan ist das am meisten von Drohnen bombardierte Land der Welt. Die Aussagen von Afghanen aus dem Osten oder Süden des Landes decken sich oftmals mit jenen der Flüchtlinge aus Waziristan.

Auch im Norden des Landes spitzt sich die Lage zu

Ein weiterer, womöglich noch größerer Fluchtfaktor sind die heftigen Gefechte zwischen der afghanischen Armee und Aufständischen. Allein im Juni vergangenen Jahres führten solche Gefechte in der Provinz Helmand zu einem Exodus von über 2.000 Familien. Schätzungen zufolge stammen die meisten Vertriebenen aus dieser Provinz.

Mittlerweile spitzt sich allerdings auch im Norden des Landes die Situation zu. Nachdem Taliban-Kämpfer kurzzeitig die Hauptstadt der Provinz Kundus erobert hatten und die afghanische Armee eine Gegenoffensive startete, lieferten sich beide Seiten heftige Gefechte, begleitet von US-amerikanischen Luftanschlägen, die mittlerweile zahlreiche Zivilisten getötet haben. Für scharfe Kritik sorgte dieBombardierung eines Krankenhauses der Organisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) mit mindestens 22 Toten. Durch die Gefechte wurden in den letzten Tagen mindestens 6.000 weitere Menschen vertrieben.

In der Hauptstadt Kabul erwartet die Flüchtlinge äußerste Not. Es gibt so gut wie keine Unterbringungsmöglichkeiten, vor allem die hygienischen Zustände in den Zeltlagern sind katastrophal und stellen eine Brutstätte für alle möglichen Krankheiten und Seuchen dar. Die Menschen leben in völliger Armut und sind sich selbst überlassen. Die meisten Männer versuchen, als Tagelöhner über die Runden zu kommen. Viele Frauen und Kinder betteln auf den Straßen.

Zur gleichen Zeit verlassen viele Menschen, vor allem aus wohlhabenderen Schichten, das Land. Sie verkaufen ihre Grundstücke und Häuser sowie Hab und Gut und machen sich auf den Weg. Ihr Ziel, angetrieben von den Entwicklungen vor allem in Deutschland, ist Europa. Für Shahid Gul und die anderen Flüchtlinge in den Lagern in Kabul bleibt das eine Wunschvorstellung. „Wir müssen uns jetzt auf den harten Winter vorbereiten“, sagt er.

Erstveröffentlichung: ZEIT Online.

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