Schlange stehen für eine Zukunft

Afghanen machen nach den Syrern die zweitgrößte Flüchtlingsgruppe aus. Die erste Hürde vor der Ausreise ist für viele schon der Passantrag.

Vor der Passstelle in Kabul. (Foto: dpa)

Die Warteschlange vor dem Passausstellungsamt in Kabul ist lang. Jeden Tag kommen mehrere hundert, manchmal sogar tausend Menschen mit allerlei Dokumenten unter dem Arm. Manche von ihnen stehen schon nachts an, um einen guten Platz zu ergattern. Letztendlich wollen sie jedoch nur eines: raus aus Afghanistan.

Dafür benötigt man aber den neuen Reisepass, den viele Afghanen noch nicht haben. Der alte, handgeschriebene Pass ist seit letztem Jahr ungültig. „Wir bearbeiten im Durchschnitt 2.000 Anträge pro Tag“, sagt einer der Beamten. „Das sind alles potenzielle Flüchtlinge. Die meisten von ihnen wollen nach Europa“, fügt er hinzu.

Bis zum vergangenen Jahr machten Menschen aus Afghanistan weltweit die größte Gruppe von Flüchtlingen aus. Damals befanden sich rund 2,6 Millionen Afghanen, fast ein Zehntel der Gesamtbevölkerung des Landes, auf der Flucht. Gegenwärtig sind sie nach den Syrern die zweitgrößte Gruppe. Allein von Januar bis August 2015 beantragten über 40.000 Afghanen Asyl in Europa.

Die täglichen Szenen am Passausstellungsamt machen deutlich, dass diese Tendenz steigen wird. „Ich will nicht mehr in Krieg und Armut leben“, meint etwa der 19-jährige Faisal, der ungeduldig in der Schlange steht. Faisal studiert in Kabul. „Hier ist alles korrupt. Egal wie gut man ist, man bekommt keinen Job ohne die richtigen Beziehungen“, sagt er. Wenn er seinen Reisepass hat, will er zuerst in die Türkei fliegen. „Von dort aus kämpfe ich mich dann nach Europa durch“, sagt er.

Laut der NGO Transparency International gehört Afghanistan weiterhin zu den korruptesten Staaten der Welt. Die Vetternwirtschaft im Land floriert seit Jahren. In nahezu jeder Institution hat die Korruption Fuß gefasst. Darunter leiden vor allem junge Menschen aus unteren Schichten, die zwar oft eine gute Ausbildung vorweisen können, allerdings nicht die jeweiligen Kontakte haben.

Außerdem befindet sich die afghanische Wirtschaft in einem katastrophalen Zustand. Gemeinsam mit einem Großteil der internationalen Truppen sind auch viele Investoren abgezogen. Die Preise für Grundnahrungsmittel sind in die Höhe geschossen, genauso wie die Anzahl der Arbeitslosen, Bettler, Diebe und Prostituierten.

Es herrscht weiterhin Krieg

Es ist allerdings nicht nur die stagnierende Wirtschaft, die Armut erzeugt. In Afghanistan herrscht weiterhin Krieg. Vergangene Woche nahmen die Taliban die Stadt Kundus im Nordosten ein. Einige Tage später wurde die Stadt von Regierungstruppen weitgehend zurückerobert. Am Samstag wurden bei einem US-Luftangriff auf ein Krankenhaus der Stadt 19 Menschen getötet.

Allein im ersten Halbjahr 2015 wurden laut UN mindestens 5.000 Zivilisten getötet. Auch das Jahr zuvor war ein blutiges Jahr. 2014 wurden in Afghanistan mehr Kinder getötet als im Irak, in Syrien oder in Palästina.

„Es ist nicht so schlimm, dass ich keinen anständigen Job habe. Allerdings will ich nicht, dass meine Kinder mit Bomben und Raketen aufwachsen“, meint etwa Jawed, der gemeinsam mit Frau und Kind aus der naheliegenden Provinz Paghman angereist ist, um seinen Passantrag einzureichen.

Für viele Afghanen ist schon der neue Pass eine große Hürde. Abgesehen vom langen Warten wird eine Gebühr von 5.000 Afghani, rund siebzig Euro, pro Kopf erhoben. Für eine afghanische Durchschnittsfamilie ist das ein kleines Vermögen. Wer jedoch die richtigen Beamten schmiert – und das machen vor allem Reiche – wird durchgewunken und erhält seinen Pass innerhalb kürzester Zeit. Andere müssen mindestens zwei Monate darauf warten.

Die Ärmsten trifft man allerdings nicht am Passausstellungsamt. Sie bleiben sich selbst überlassen. Viele von ihnen verscherbeln ihr überschaubares Hab und Gut, um Menschenschmuggler bezahlen zu können, die sie in den Iran bringen. Dort leben über eine Millionen afghanische Flüchtlinge – die Dunkelziffer dürfte um einiges höher sein.

Im Iran sind Afghanen Diskriminierung ausgesetzt. Außerdem werden sie oft als billige Arbeitskräfte ausgebeutet. Manche von ihnen schickt die iranische Regierung gar nach Syrien und verpulvert sie dort als Bashar al-Assads Kanonenfutter. Außerdem werden afghanische Flüchtlinge regelmäßig schon an der Grenze von iranischen Sicherheitskräften erschossen. Doch in der Hoffnung auf ein besseres Leben nehmen viele diese Risiken in Kauf.

Hoffnungen haben auch die Menschen vor dem Passausstellungsamt. Die jüngsten Nachrichten aus Europa haben auch hier die Runde gemacht. Dass Deutschland seine Grenzen geöffnet und viele Flüchtlinge freundlich empfangen hat, weiß fast jeder von ihnen. „In Saudi-Arabien oder im Iran werden wir wie Dreck behandelt. Aber Deutschland zeigt Menschlichkeit“, stellt der 23-jährige Zafar fest. Sein Ziel ist die Bundesrepublik.

Dass dort mittlerweile wieder Grenzkontrollen eingeführt worden sind und Politiker wie Thomas de Maizière in Sachen Flüchtlingspolitik immer rauere Töne schlagen, hat er nicht mitbekommen. „Wenn man vor ihnen steht, können sie doch nicht so unmenschlich sein“, hofft er.

Erstveröffentlichung: taz

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