„Ich möchte einfach alleine auf die Toilette gehen können“

Kurz nach den Anschlägen des 11. Septembers 2001 wurde der Mauretanier Mohamedou Ould Slahi verschleppt und nach Guantanamo gebracht. Dort sitzt er bis heute ein. Seine Geschichte kennt mittlerweile die ganze Welt. Slahis »Guantanamo-Tagebuch« avancierte in den letzten Monaten zum Bestseller. Yahdih Ould Slahi, einer von Mohamedous Brüdern, lebt und arbeitet in Düsseldorf. Ich habe mit ihm über das Schicksal seines Bruders gesprochen – und wie die Familie die Hoffnung auf dessen Freilassung nicht aufgegeben hat.

Foto: dpa

Wann haben Sie Ihren Bruder das letzte Mal gesehen?
Yahdih Ould Slahi: Leibhaftig habe ich meinen Bruder das letzte Mal vor rund fünfzehn Jahren gesehen. Damals hat er mich zum Flughafen gebracht. Das war kurz bevor ich zum allerersten Mal nach Deutschland gereist bin. In den letzten Jahren seiner Gefangenschaft begann dann der Kontakt mit ihm via Videotelefonie. Das letzte Gespräch fand erst vor Kurzem statt.

Wie laufen diese Gespräche ab?
Da wird alles streng kontrolliert und überwacht. Er darf nicht viel sagen. Wir können mit ihm nur über Familienangelegenheiten sprechen. Über seine Lage und seinen gegenwärtigen Zustand dürfen wir ihn nicht ausfragen. Manchmal versuchen wir es, allerdings ist das schwierig, da ein arabischer Dolmetscher immer anwesend ist. Deshalb laufen unsere Gespräche immer auf dieselbe Art und Weise ab.

Was wird derzeit versucht, um Ihren Bruder aus Guantanamo zu befreien?
Mohamedou ist weiterhin mauretanischer Staatsbürger. Es war die mauretanische Regierung, die seine Verschleppung ermöglicht hat. Nun muss sie auch die Verantwortung dafür übernehmen. Ich und meine Familie versuchen weiterhin, die Regierung zur Rechenschaft zu ziehen, damit mein Bruder wieder Nachhause gebracht wird. Mein älterer Brüder war vor Kurzem beim mauretanischen Präsidenten. Dieser meinte, dass der Kontakt zu den Vereinigten Staaten weiterhin bestehe und man alles Mögliche versucht, um ihn zu befreien.

Mohamedous Tagebuch ist weiterhin ein großer Erfolg. Denken Sie, dass es Einfluss haben wird auf eine baldige Freilassung Ihres Bruders?
Auf jeden Fall. Das Buch wurde mittlerweile in zahlreichen Sprachen übersetzt und hat weltweit die Runde gemacht. Dank der Veröffentlichung weiß man, was wirklich passiert ist. Die Schuld aller beteiligten Akteure, ob nun jene der Mauretanier, Jordanier oder US-Amerikaner, ist nun mehr als offensichtlich. Die ganze Welt ist sich dieser Tatsache bewusst. Jeder, der das Tagebuch gelesen hat, ist auf Mohamedous Seite.

Inwiefern stehen Sie mit den Anwälten Mohamedous in Kontakt?
Wir sprechen manchmal täglich, meistens jedoch wöchentlich. Mittlerweile pflegen wir ein sehr freundschaftliches Verhältnis. Mohamedous Anwälte leisten wirklich tolle Arbeit und geben tagtäglich ihr Bestes, um meinen Bruder zu befreien.

Hat ihr Bruder einmal erwähnt, was er gerne machen würde, wenn er wieder frei ist?
Er sagt immer wieder, dass er einfach nur raus aus Guantanamo will. »Ich möchte einfach alleine auf die Toilette gehen können«, meinte er einmal. Im Gefängnis wird er ja selbst dabei stets begleitet und kontrolliert, und das seit mehr als einem Jahrzehnt. Er betont jedoch immer wieder, dass er all seinen Peinigern und den anderen Verantwortlichen schon längst verziehen hat. Er will einfach nur frei sein.

Was erhoffen Sie sich in den nächsten Monaten?
Jeden Morgen wachen ich und meine Familie mit der Hoffnung auf, dass Mohamedou endlich wieder frei ist. Deshalb ist das Prozedere seit Jahren stets dasselbe: Wir überprüfen alle möglichen Medien mit der Hoffnung auf einer Nachricht über meinen Bruder.

Denken Sie, dass Mohamedou irgendwann Gerechtigkeit widerfahren wird und all jene, die ihn verschleppt und gefoltert haben, irgendwann womöglich auch zur Rechenschaft gezogen werden?
Aus der Sicht eines gläubigen Muslims bin ich mir sicher, dass dies eines Tages geschehen wird. Ob das auch in dieser Welt mit ihren gegenwärtigen politischen Umständen passieren wird, lässt uns jedoch eher pessimistisch stimmen. Wie dem auch sei, hat Mohamedous Freilassung für uns die höchste Priorität. Alles andere ist Nebensache.

Erstveröffentlichung: neues deutschland

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