Aufzeichnungen aus dem Folterloch

Mohamedou Ould Slahi dokumentiert in seinem „Guantanamo-Tagebuch“ seine Gefangenschaft – und fast ein ganzes Jahrzehnt des „Kampfes gegen den Terror“. Donald Rumsfeld, mit der Akte „Slahi“ bestens vertraut, autorisierte die Behörden, den mutmaßlichen Al-Qaida-Verschwörer intensiven Verhören zu unterziehen – und nahm dabei auch Folterungen in Kauf.

Mohamedou Ould Slahi (Foto: IKRK)

Wer „Das Guantanamo-Tagebuch“ liest, wird schnell feststellen, dass es kein normales Buch ist. Viele Wörter, Sätze und Seiten sind geschwärzt. Sie fielen der US-amerikanischen Zensur zum Opfer. Zensur ist allerdings nur ein Teil dieses Systems. Und die größten Opfer sind keine Wörter, sondern Menschen. Mohamedou Ould Slahi ist einer von ihnen. Einer von vielen.

Das Martyrium des Mauretaniers nahm bereits früh seinen Lauf. Im Jahr 2000 wurde Slahi, der einst gemeinsam mit der CIA und den afghanischen Mudschaheddin in Afghanistan gegen die sowjetische Marionettenregierung gekämpft hatte, das erste Mal verhaftet – von den mauretanischen Behörden. Immer wieder hieß es, er sei in diese und jene Aktivität verstrickt oder sei mit diesem und jenem gesehen worden. Konkrete Beweise gab es jedoch nie.

Sowohl Deutschland, wo Slahi studiert hat, und Kanada, wo er für einige Zeit einer Arbeit nachging, bescheinigten ihm eine reine Weste. Aufgrund des Drucks seitens der USA musste die mauretanische Geheimpolizei ihn immer wieder verhören. Für Slahi wurde das zur Routine. Zu den meisten Beamten pflegte er ein freundschaftliches Verhältnis. Es bestand beidseitiger Respekt. Er kannte ihre Sorgen und Familiengeschichten, während jeder von ihnen wusste, dass Slahi unschuldiger nicht sein könne. Kein einziges Mal hatte er damit gerechnet, eines Tages ausgeliefert zu werden.

Doch dies änderte sich schlagartig im Jahr 2001: Nur wenige Wochen nach den Anschlägen vom 11. September wurde Slahi nach Jordanien ausgeliefert. Das jordanische Regime zählt zu den engsten Verbündeten der USA im „Kampf gegen den Terror“ und ist besonders für seine Foltermethoden bekannt. Mehrere Monate musste Slahi dort in einem Hochsicherheitstrakt ausharren. Nachweisen konnten ihm jedoch auch die Jordanier nichts.

Dann ging es zum Luftwaffenstützpunkt Bagram in Afghanistan, der letzten Station vor Guantanamo. Berichten zufolge ist das Gefangenenlager auf Kuba geradezu paradiesisch im Vergleich zu jenem im US-Luftwaffenstützpunkt Bagram. Erst Ende vergangenen Jahres – kurz nach der Veröffentlichung des CIA-Folterberichts – wurde die Verantwortung dieses Gefängnisses vollständig den Afghanen übergeben. In Bagram beobachtete Slahi, wie greise Afghanen aufgrund dümmster Mutmaßungen und Verdächtigungen festgehalten, schikaniert und gefoltert wurden.

Lektion in „amerikanischem Sex“

Als Slahi in Guantanamo eintraf, wusste er anfangs nicht, wo er war. Nach all der Dunkelheit in den Kerkern von Amman und Bagram zog er es vor, die Sonne zu genießen – selbst wenn er im Freien verprügelt wurde. Es ist der Mangel an Sonnenstrahlen, an Licht, ja, an Freiheit, der in Slahis Buch immer wieder erwähnt wird. Dieses hat er vollständig und mit Hand in seiner Zelle geschrieben.

Dort erlernte er auch die englische Sprache, der er anfangs nicht mächtig war. Die Tatsache, dass Slahi weiterhin – ja, in jedem Moment, in dem man liest – in dieser Zelle verweilt und gefoltert wird, ist ein erdrückender Gedanke, den man stets im Hinterkopf behält.

Die meisten Folterpraktiken aus Guantanamo sind schon seit Langem bekannt. Nichtsdestotrotz erscheinen sie aus erster Hand erschreckender. Wärterinnen, die Slahi missbrauchen und vergewaltigen, indem sie ihm eine Lektion in „amerikanischem Sex“ erteilten, permanenter Schlafentzug, unzählige Schläge und Tritte, Gebetsverbote und zahlreiche andere Grausamkeiten verdeutlichen das alltägliche Unrecht im Gefangenenlager ein weiteres Mal.

In Anbetracht all dieser Umstände hat Slahi jedoch nicht vergessen, dass seine Peiniger – so grausam sie auch sein mögen – immer noch Menschen sind. So berichtet er nicht nur von patriotisch-extremistischen Wachen, die seine Gebete als „Beleidigung ihrer Nation“ diskreditierten, sondern auch von jenen, die geweint haben, als sie das Lager verließen und ihm ihre Freundschaft versicherten. „Ihr Männer seid meine Brüder“, sagte ein anderer. Und als eine weibliche Sanitäterin einem Häftling ihre Liebe gestand und dieser daraufhin ins Stottern geriet, musste selbst Slahi lachen.

Es sind diese Eindrücke, die Slahis Sichtweise von vielen anderen unterscheiden – vor allem von autobiografischen Berichten von US-Soldaten, die in Irakern oder Afghanen oft nur böse, wilde Barbaren sahen und diese dadurch vollkommen entmenschlichten.

Am Lesen des eigenen Buchs gehindert

„Ich denke, dass das Buch einen sehr starken Einfluss hat. Nun wissen die Menschen, wie man sich fühlt, wenn man Opfer einer unrechtmäßigen Gefangenschaft wird und ständiger Folter ausgesetzt ist“, betont Nancy Hollander, Slahis Anwältin. Hollander ist sich nicht einmal sicher, ob ihr Mandant von der Veröffentlichung und dem Erfolg seines Buches – mittlerweile hat es die Bestseller-Liste der „New York Times“ erreicht – in Kenntnis gesetzt wurde.

Im vergangenen Februar hat Linda Moreno, eine weitere Anwältin sowie Herausgeberin des Tagebuchs, Slahi besucht und ihn vom Bucherfolg berichtet. Moreno konnte sich vor der Veröffentlichung des Tagebuchs kein einziges Mal mit dem Gefangenen in Verbindung setzen, um das Manuskript und etwaige Korrekturen oder Veränderungen zu besprechen. Sie handelte daher schlicht nach bestem Wissen und Gewissen, wie sie im Vorwort ausdrücklich betont.

Moreno hatte auch vor, Slahi eine Kopie seines Bestsellers, zu überreichen. Doch dies wurde von den Behörden in Guantanamo verhindert. Laut der dort geltenden Vorschriften darf Slahi sein eigenes Buch nicht lesen. Der absurde Grund: Er ist zwar der Autor, allerdings stammen Einführung und Fußnoten nicht von ihm. Diese könnten – so die Behörden – „geheim eingestufte Informationen“ enthalten. Mittlerweile wurden fast alle Bücher, die Slahi besaß, wieder beschlagnahmt. Das einzige Buch, das er bis heute behalten durfte, ist der Koran.

Durch den Besuch Morenos ergab sich für Slahi das allererste Mal die Gelegenheit, seine Sicht der Dinge seit der Veröffentlichung des Buches zu erläutern. Was er jedoch gesagt hat, darf seine Anwältin nicht veröffentlichen. Auch hier kommt die Zensur des Systems ins Spiel, welche seine Aussagen als „geheim“ einstuft und eine Veröffentlichung verbietet – vorerst zumindest.

Slahi hat hinter Gittern Englisch gelernt, die „Sprache des Feindes“. Das Geschichten erzählen wurde ihm jedoch wahrhaft in die Wiege gelegt. Er, der Gepeinigte und Gefolterte, versucht stets fair zu bleiben. Und dass ihm sein bissiger Humor selbst nach all dem erfahrenen Unrecht geblieben ist, verblüfft sogar seine Leser. Slahis Tagebuch hat allerdings kein Ende. Irgendwann – wenn Slahi letztendlich Gerechtigkeit zuteil wird – soll eine vollständige Version erscheinen. Ungeschwärzt. Unzensiert. Und in Freiheit geschrieben.

Erstveröffentlichung: Qantara.de

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