Wenn Konservative und Bürgertum Malcolm X gedenken

Vor wenigen Tagen jährte sich die Ermordung von Malcolm X zum 50. Mal. Erstaunlicherweise widmeten sich dem zahlreiche Medien – auch in Deutschland. Malcolms Vermächtnis war den meisten jedoch völlig egal – stattdessen triefte es vor Heuchelei.

Foto: Flickr

»Sein Weg in den Islam führte in den Tod«, titelte das Springer-Flaggschiff »Welt« an Malcolm X‘ Todestag. »Er hasste die Weißen, die Schwarzen töteten ihn«, schrieb die »Zeit«. Ja, selbst der Todestag eines der bedeutendsten Bürgerrechtler des vergangenen Jahrhunderts wurde von zahlreichen Medien dazu instrumentalisiert, um einen Hauch von Rassismus, Islamfeindlichkeit und etwaiges durchsickern zu lassen.

Malcolm X alias El Hajj Malik el-Shabazz gilt bis heute als umstrittene Persönlichkeit. Die Betonung liegt hier auf das Etikett »umstritten«, was oft dazu benutzt wird, um gewisse Deutungshoheiten im Diskurs zu bestimmen. Malcolm X war militant. Er erhob sich auf radikale Art und Weise gegen die Unterdrücker. Anfangs sah er in diesen nur Weiße, jeden Weißen. Im Laufe der Zeit bemerkte er, dass sein Gegenrassismus falsch war. Die Unterdrückung gab es überall, nicht nur in den USA. Und die Täter waren Menschen jeglicher Hautfarbe.

Zu dieser Erkenntnis kam er erst während seiner Pilgerreise nach Mekka. Dort sah er, wie Menschen aus aller Welt – egal ob weiß, schwarz, braun, rot oder was auch immer – sich auf einzigartige Art und Weise versammelten. Von vielen Medien wurde diese Erfahrung nur ungern geschildert. Stattdessen konzentrierte man sich auf Malcolms Zeit bei der sektiererischen »Nation of Islam«, die mit dem authentischen Islam in keinerlei Verbindung steht, um ihn als religiösen Extremisten darzustellen.

X‘ endgültige Kritik richtete sich nicht gegen weiße Menschen, sondern gegen das System im Allgemeinen, dominiert von Kapitalismus und Imperialismus. Dieses System hat bis heute noch Bestand. De facto ist es mächtiger denn je. Umso paradoxer ist die Tatsache, dass nun all die bürgerlich-konservativen Medien, die genau diese System repräsentieren, Malcolm X hinterher schreien. Wie kann man Medien, die täglich nach Krieg schreien, sich als Waffenlobby outen und Rassismus fördern, indem sie tagtäglich neue Feindbilder aufbauen auch nur einen einzigen positiven Satz bezüglich Malcolm X als bare Münze abnehmen?

Gleichzeitig muss man sich die Frage stellen, was genau diese Medien aus einem Malcolm X gemacht hätten, der noch heute unter uns weilen würde. Hätte ein Malcolm X im Jahr 2015 etwa nicht all die Kriege des Westens, ob nun im Irak, in Libyen oder in Afghanistan, zutiefst verurteilt? Hätte er etwa nicht zum Widerstand gegen all die kriegstreibenden Politiker – ob nun in Berlin, Paris, Washington oder London – aufgerufen? Hätte Malcolm X sich nicht gegen die Diktatur der Banken und Finanzspekulanten, die ganze Staaten in den Bankrott treiben, erhoben? Womöglich hätte die »Zeit«, die vor Kurzem noch deutlich klar gemacht hat, dass der Islam hoffentlich nie zu Europa gehören wird, während sie nach Waffen für die Ukraine lechzt, Malcolm als einen radikalen Spinner betrachtet. Selbiges gilt wohl für der Springer-Verlag, der mittels »BILD« regelmäßig gegen Flüchtlinge, Migranten und Muslime hetzt, während er sich via »Welt« intellektuell präsentiert, inhaltlich jedoch stets dieselbe Linie fährt. Einfach ausgedrückt: Ein noch lebender Malcolm X wäre bei jenen Medien, die vor Kurzem an ihn erinnerten, alles andere als gut weggekommen. Dafür hat nämlich nicht einmal ein toter Malcolm ausgereicht.

Vor der Macht der Medien warnte er jedoch schon zu Lebzeiten. »Wenn wir nicht aufpassen, werden uns die Zeitungen die Unterdrückten hassen lassen und die Menschen lieben, die für diese Unterdrückung verantwortlich sind«, sagte er einmal. An dieses Zitat erinnerte an seinem Todestag jedoch kein Blatt.

Erstveröffentlichung: neues deutschland

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