Vergessene Malalas

Die Freude über den Friedensnobelpreis für die Kinderrechtlerin Malala ist riesig – doch die vielen anderen Aktivisten kennt kaum jemand. Abgesehen davon fragt man sich, ob man im Westen Malala überhaupt kennen würde, wenn sie nicht von einem Talib, sondern von einer Drohne angegriffen worden wäre.

Nabila (Foto: Reuters)

Malala Yousafzai, das siebzehnjährige Mädchen aus dem paschtunischen Swat-Tal, ist die jüngste Nobelpreisträgerin der Geschichte. Es steht außer Frage, dass Malala ein tapferes Mädchen ist, welches viel Mut und Entschlossenheit an den Tag bringt. Allerdings sollte man sich weiterhin die Frage stellen, ob sie irgendjemand im Westen kennen würde, wenn sie Opfer eines Drohnen-Angriffs geworden wäre. In Malalas Heimat gehören diese nämlich immer noch zum Alltag. Im Wochentakt werden sie weiterhin im Weißen Haus von Barack Obama – einem weiteren Friedensnobelpreisträger – abgesegnet.

Vor knapp zwei Jahren hat Momina Bibi gemeinsam mit ihren Enkelkindern Gemüse im Garten gepflückt. Die Familie, die im Norden Waziristans – der afghanisch-pakistanischen Grenzregion – lebte, wollte die letzten Vorbereitungen für das islamische Opferfest treffen. Plötzlich hörten sie ein lautes Geräusch am Himmel. Es war ein »Todesengel« – so werden die Drohnen der US-Amerikaner von den Paschtunen in Waziristan genannt. Im nächsten Moment wurde Momina Bibi vor den Augen ihrer Familie in Stücke gerissen.

»Sehen meine Kinder aus wie Terroristen?«

Ein Jahr später sollten zwei ihrer Enkelkinder – die neunjährige Nabila sowie der dreizehnjährige Zubair, die den Angriff teils schwerverletzt überlebten – vor dem US-Kongress erzählen, was an jenem Tag geschehen ist. Gemeinsam mit ihrem Vater reisten sie nach Washington. Empfangen wurden die Drohnen-Opfer von niemandem. Während der Anhörung, die am 29. Oktober stattfand, waren nur fünf der 430 Repräsentanten im Kongress anwesend. Mit leerem Blick fragte Nabila immer wieder, was ihre Großmutter getan habe und warum sie getötet wurde. Ihr Vater richtete sich an alle US-Bürger und wollte wissen, ob seine Kinder wie Terroristen aussehen würden. Seine Frage blieb unbeantwortet. Während der Zeugenaussagen brach der Dolmetscher der Familie in Tränen aus.

Auch Malala war im vergangenen Oktober in Washington. Der Blick der Medien war auf sie gerichtet. US-Präsident Obama empfing sie gemeinsam mit seiner First Lady im Weißen Haus. Dort wurde gelacht und geplaudert. Dann wurde Malala ernst. Es ging um den Drohnen-Krieg der Vereinigten Staaten. Die Mordbefehle (»Kill List«) dazu unterzeichnet Obama jeden Dienstag persönlich. »Die Drohnen-Angriffe fördern den Terrorismus«, versicherte Malala. Obama lächelte wie gewohnt smart und gab vor, Malalas Worte zu Kenntnis zu nehmen.

Seitdem hat sich nichts geändert. Malalas Drohnen-Kritik geriet in den Hintergrund. Selbst das Nobelpreis-Kommitee erwähnt sie nicht. In der vergangenen Woche fanden sieben Drohnen-Angriffe in den Stammesgebieten zwischen Afghanistan und Pakistan statt. Auch am Tag vor der Bekanntgabe der diesjährigen Friedensnobelpreisträger wurde in Waziristan wieder einmal per Knopfdruck gemordet. Die Opfer blieben stets unerwähnt und namenlos.

Jeder kennt Malala, niemand kennt Tariq

Dass sich unter diesen Opfern auch zahlreiche Kinder wie Malala befinden, ist nichts Neues. Einige von ihnen wie der sechzehnjährige Tariq Aziz waren wie sie politisch aktiv. Der Junge aus Waziristan spielte gerne Fußball und tat sonst das, was die meisten Jugendlichen in seinem Alter treiben. Der einzige Unterschied bestand wohl in der Tatsache, dass Tariq sich aktiv gegen die Drohnen-Angriffe in seiner Heimat einsetzte. Unter anderem nahm er gemeinsam mit Journalisten an einem landesweiten Protestmarsch teil, der vom pakistanischen Politiker Imran Khan ausgerufen wurde.

Einige Tage später war er gemeinsam mit seinem zwölfjährigen Cousin Waheed mit dem Auto unterwegs, um eine Tante von ihrer Hochzeit abzuholen. Die beiden Kinder kamen jedoch nie an. Das Auto wurde von einer Drohne getroffen. Tariq und Waheed waren auf der Stelle tot. Während Malala, die sich gegen die Taliban stellte, heute jeder kennt, haben die meisten Menschen von Tariq, dem Anti-Drohnen-Aktivist, noch nie gehört.

Das gesichtlose Gesicht des Drohnen-Krieges

Auch der Pick-Up der vierjährigen Aischa wurde in Kunar im Osten Afghanistans von einer unbemannten Tötungsmaschine getroffen, während die Familie unterwegs war. Vierzehn Menschen, allen voran Frauen und Kindern, wurden dabei getötet. Nur Aischa überlebte. Ihr kleiner Körper erlitt schwerste Verletzungen, während von Nase und Augen nichts mehr übrig blieb.

Heute befindet sich Aischa in den USA, offiziell zur medizinischen Behandlung. Ohne das Einverständnis ihrer verbliebenen Verwandten, die sich um sie kümmerten, wurde sie fortgebracht. Die Familie – allen voran Aischas Onkel – ist der Meinung, dass sie absichtlich weggebracht wurde, um sie aus dem Rampenlicht zu schaffen. Immerhin bestand die Möglichkeit, dass das Mädchen ohne Gesicht zum traurigen Symbol gegen den illegalen US-Drohnen-Krieg geworden wäre.

Aischa, Nabila, Tariq und zahlreiche weitere Kinder teilen alle dasselbe Schicksal. Das starke Desinteresse gegenüber all diesen traurigen Schicksalen ist schockierend. Der Grund hierfür liegt in der Tatsache, dass die Täter nicht irgendwelche Turban tragenden Fanatiker waren, sondern Drohnen-Piloten, die vielleicht in Washington, Langley oder im deutschen Ramstein sitzen und per Knopfdruck morden. Immer wieder aufs Neue. Auf Befehl eines Friedensnobelpreisträgers.

Erstveröffentlichung: neues deutschland, Kabuler Eindrücke

Ein Gedanke zu „Vergessene Malalas

  1. Ähnlich verhält es sich mit den Terroropfern des IS. Im Westen bekannt sind nur der US-amerikanische Journalist James Foley und ein paar andere westliche Journalisten und humanitäre Helfer, die zu sehen sind, wie sie von vermummten Terroristen – tatsächlich oder vorgetäuscht – enthauptet werden. Diese echten oder gestellten Greueltaten haben in der Westlichen Welt großes Entsetzen ausgelöst und eine Anzahl von Staaten zur Teilnahme am Kriege gegen den „Islamischen Staat“ (IS – arabisch: Dâ´isch) bewegt. Unbeachtet geblieben sind jedoch die einheimischen Berichterstatter und humanitären Helfer, die von Dâ´isch oder anderen Terrororganisationen in Syrien gefangen genommen, gefoltert und getötet worden sind, unter ihnen einer, der den Aufstand gegen das Assad-Regime in Syrien von Anfang an dokumentiert hat. Im Irak soll Dâ´isch über 400 sunnitische islamische Gelehrte und Imame ermordet haben. Stimmt das, oder ist das nur Kriegspropaganda? – Wie dem auch sein mag, jedenfalls finden diese Toten im Westen keine Beachtung, und sunnitische „Geistliche“ sind ja auch „nur“ Muslime, und somit „Haßprediger“ und potentielle Terroristen, und die Leben dieser 400 wiegen – aus westlicher Herrenmenschensicht – nicht dasjenige eines einzigen westlichen Journalisten auf.
    Falls die Video-Aufnahmen mit jenen Hinrichtungen von Geiseln tatsächlich gefälscht sein sollten, was sehr wahrscheinlich ist und wofür es starke Hinweise gibt, dann haben sie jedenfalls ihr Ziel erreicht, nämlich eine Anzahl von Staaten in einer bröckeligen Koalition zum militärischen Einsatz gegen Dâ´isch zu bringen. Nun muß man sich nur noch fragen, wer einen Nutzen davon hat.

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