Was das Afghanische »schon bald« bedeutet

… und warum meine Mutter vielleicht recht hatte

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Zeichnung: EmranFeroz

Im April dieses Jahres fand in Afghanistan eine Präsidentschaftswahl statt. Nun neigt sich der August dem Ende zu, ein endgültiges Ergebnis gibt es jedoch immer noch nicht. Nachdem nur noch zwei Kandidaten übrig blieben und es zur Stichwahl kam, fing das eigentliche Theater erst richtig an und ging so weit, dass John Kerry höchstpersönlich anreisen musste. Mittlerweile war Kerry, der in Kabul immer den Eindruck eines Puppenmeisters macht, in den vergangenen Wochen schon zwei Mal in Kabul, um die beiden Streithähne – Ashraf Ghani und Abdullah Abdullah – in Zaum zu halten. Demnach war es auch keine Überraschung, als die zwei Präsidentschaftsanwärter in Gegenwart ihres US-amerikanisches Geldgebers stets freundlich und zufrieden zu sein schienen. Nachdem Kerry abgereist war, ging das Drama jedoch von vorne los. Ob dieser nun ein drittes Mal in Kabul erscheinen wird, bleibt offen. Da das Gezanke wieder einmal droht, zu eskalieren, ist ein dritter Kerry-Besuch nicht unwahrscheinlich.

Währenddessen spielen sich ganz andere Tumulte in der Hauptstadt ab. Vor einigen Tagen wurde dem US-amerikanische Journalisten Matthew Rosenberg, der für die »New York Times« tätig ist, am Kabuler Flughafen die Ausreise verweigert. Grund hierfür war ein kürzlich erschienener Artikel von Rosenberg, der einen möglichen Coup d’État in Afghanistan – oder zumindest in Kabul – in den Raum warf. Der Journalist bezog sich auf namentlich nicht genannte »hohe Regierungsbeamte«, die anscheinend starke Verbindungen zu Armee und Geheimdienst haben. Die Zuständigen in Kabul waren der Meinung, dass Rosenbergs Artikel »Unruhe« verbreite und auf »keinerlei Fakten« beruhe. Später durfte er ausreisen. Nach Afghanistan darf er allerdings nie wieder.

Nun stellen sich nicht wenige Menschen die Frage, inwiefern an der »Coup-Geschichte« etwas dran sein könnte. Rosenberg meinte vor allem, dass eine Übergangsregierung zustande kommen sollte, falls die beiden Präsidentschaftskandidaten weiterhin unfähig sein sollten, eine Einigung zu finden.

Interessant wäre es auch zu wissen, was für eine Rolle Noch-Präsident Hamid Karzai diesbezüglich spielt. Dieser hat in den vergangenen Wochen und Monaten mehrfach betont, die politische Bühne verlassen zu wollen – egal was geschehe. Vor einigen Tagen meinte Karzai während einer Rede, dass sein Nachfolger »schon bald« feststehen würde.

Eigentlich ist »schon bald« nicht falsch. Der neue Präsident soll nämlich – so wurde es zumindest angekündigt – nächste Woche vereidigt werden.

Als Afghane kann ich mir allerdings sicher sein, dass dieses afghanische »schon bald« alles andere als gleichbedeutend ist und mit der herkömmlichen Aussage nichts zu tun hat. »Schon bald«, das kann morgen, nächste Woche oder nächstes Jahr sein. Oder auch gar nicht.

Ob und was Hamid Karzai tatsächlich plant, wird sich wohl in den nächsten Wochen zeigen. Mich würde es am Ende nicht wundern, wenn meine Mutter, die sonst alles andere als politisch ist, recht behalten sollte. »Dieser Karzai haut sicher nicht so einfach ab«, hat sie in den letzten Monaten immer wieder gesagt. Sollte sich dies bewahrheiten, hätte sie wohl all jene, die sich als Politologen, Analysten und Afghanistan-Kenner schimpfen, eindeutig übertrumpft.

Erstveröffentlichung: neues deutschland – Kabuler Eindrücke, 29.08.2014

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