Die Wienerin, die bei den Jihadisten lebte

Die 18-jährige Sofia ging nach Syrien, um IS zu helfen. Sie ist in ihrem ideologischen Käfig gefangen. Die 18-jährige Sofia ging nach Syrien, um IS zu helfen. Sie ist in ihrem ideologischen Käfig gefangen.

Auch Frauen schließen sich IS und anderen extremistischen Gruppierungen in Syrien oder im Irak an. (Foto: Reuters)

Eines Tages – vor etwa einem Jahr – entschloss sich die 18-jährige Wienerin Sofia, gemeinsam mit einer Freundin nach Syrien zu fahren. Sie setzten sich ins Auto und fuhren los. So einfach geht das. Per Auto in den Krieg, in die Hölle in Syrien, in der Massaker zum Alltag der Menschen gehören. Das Ziel war ein Vorort nahe Aleppo. Dort halten sich derzeit offenbar viele Jihadisten auf – auch aus Österreich und Deutschland. Sie unterstützen die Gruppe „Islamischer Staat“ (IS).

Beim IS finden sich Kämpfer aus zahlreichen Ländern. In einigen Einheiten wird angeblich nur Deutsch gesprochen. Und auch aus Österreich zieht es immer mehr Jihadisten in die Kriegsgebiete. Einige von ihnen wurden mittlerweile getötet – wie der Tschetschene Ibrahim aus Innsbruck, über den „Die Presse“ im vergangenen Jahr berichtet hatte.

Zu den IS-Anhängern zählen nicht nur Männer, sondern auch viele Frauen. Und Sofia war eine von ihnen. Nicht wenige von ihnen heiraten dort und gründen eine Familie. Sofia hat in Syrien niemanden geheiratet, aber vieles gesehen.

Sofias Beweggründe für die Reise nach Syrien klingen banal: „Ich konnte das Leid der Menschen dort nicht mehr ertragen und wollte helfen“, meint sie heute. Wie sie genau geholfen hat, erzählt sie nicht. Die Frau, deren Wurzeln in Tschetschenien liegen, will über vieles nicht sprechen. Sie wolle ihre „Geschwister“ nicht an die „Ungläubigen“ verraten, wie sie sagt. Auch die meisten Muslime sind für Sofia und jene, die so denken wie sie, „Ungläubige“. „Vom rechten Pfad abgekommen“, liest man in sozialen Netzwerken, wenn IS-Anhänger unter sich sind.

Auf Facebook wird dem Hass freien Lauf gelassen, während man dort einschlägiges Material aus Syrien oder dem Irak verbreitet – Exekutionen inklusive. Es ist eine kleine, virtuelle Welt des Hasses, in der Andersdenkende nicht geduldet werden. Besonders verhasst sind nicht etwa Israel oder die USA, sondern Syriens Assad-Regime, der Iran, die libanesische Hisbollah – weil sie Schiiten sind. Der Alawite Assad wird auch zu ihnen gezählt, da seine Konfession aus dem Schiitentum entstanden ist. Die Schiiten gelten für IS als „der wahre Feind des Islam“. Zudem wird die Behauptung aufgestellt, die Schiiten hätten sich mit Amerikanern und Israelis verbündet, um Sunniten zu jagen. Ironischerweise wird das auch von radikalen Schiiten behauptet: Dann sind aber die Sunniten die „Bösen“.

Morde an Klerikern

Der Schiit als „Feind“ ist einzentrales Merkmal der IS-Ideologie. Das erfahren die Menschen im Irak und in Syrien täglich am eigenen Leib. Auch andere innerislamische Gruppierungen wie die Sufis sind vom IS-Terror betroffen. Die salafistisch-wahhabitisch geprägten Fanatiker machen allerdings auch mit Sunniten, die sich ihnen nicht anschließen, kurzen Prozess. Im vergangenen Jahr wurden zahlreiche sunnitische Kleriker in Syrien vom IS ermordet. Im Irak sieht es nicht anders aus.

Die Taten von IS sind für die meisten Muslime nicht nachvollziehbar. Selbst anderen extremistischen Gruppen wie der al-Qaida oder den Taliban ist IS zu brutal. Für Sofia, die ebenfalls viel in sozialen Netzwerken aktiv ist, scheint dieser extreme Hang zur Gewalt kein Problem zu sein. Dass Schiiten getötet werden, findet sie nicht schlimm. Einen schiitischen Muslim hat sie jedoch noch nie getroffen. Das meiste Wissen über diese islamische Strömung hat sie sich scheinbar über Facebook und YouTube angeeignet. Und über IS-Anhänger, die sie in Syrien getroffen hat. Dass wahlloses Morden in keiner Weise mit dem Islam zu rechtfertigen ist, scheint sie nicht zu interessieren. Stattdessen spricht sie ihre volle Unterstützung für den IS-Chef und selbst ernannten Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi aus.

„Das ist Propaganda.“

Immer neue Berichte von Gräueltaten der Truppe al-Baghdadis werden weltweit über die Medien verbreitet. Erst vor Kurzem berichtete eine UN-Mitarbeiterin, dass der IS im irakischen Mosul für alle Frauen eine Beschneidung des Genitalbereichs angeordnet habe, und berief sich auf eine angebliche Fatwa. Kurz darauf stellte sich heraus, dass die Meldung falsch war. Für IS-Anhänger war dies nur eine weitere Bestätigung für eine „weltweite Propaganda gegen das Kalifat“. Dasselbe gilt – laut Sofia – auch für Berichte über „Sex-Jihadi“. Dass Frauen in Syrien oder im Irak sich aufgrund „göttlicher Hingabe“ vergewaltigen lassen, sei falsch und „Propaganda in Reinform“, betont Sofia. Derzeit ist die 18-Jährige wieder in Wien. Und ihren Aussagen zufolge hat Interpol sie im Visier. Deshalb kann sie nicht wieder nach Syrien fahren – zumindest vorerst. Als sie vor einem Jahr ihre Reise antrat, tat sie das ohne Wissen ihrer Familie. Als diese später davon erfuhr, war sie am Boden zerstört.

„Ich bin voller Hass.“

Während des Gesprächs mit Sofia wird vor allem deutlich, dass sie keinerlei Kenntnisse über den Islam an sich besitzt. Sie ist nur indoktriniert von einer Ideologie, die sie mit dem Islam gleichsetzt. Wann sie begonnen hat, so zu denken, will die ausgebildete Bürokauffrau nicht erzählen. Sie meint nur, dass sie „voller Hass“ sei.

Diesen Hass verspüren auch viele andere IS-Unterstützer. Im schlimmsten Fall führt er dazu, dass Menschen anderen Menschen den Kopf abschlagen und Fotos davon stolz auf ihrem Facebook-Profil hochladen. Solche Taten will Sofia nicht kommentieren. Stattdessen meint sie, dass „ihre Brüder“ allesamt „ehrenvoll“ seien und „das Richtige“ tun würden. Alles, was Sofias Weltanschauung gefährdet, prallt einfach ab und wird nicht hinterfragt– etwas, was nicht nur für islamistische Fanatiker typisch ist. Sofia lebt in ihrem ideologischen Käfig.

Erstveröffentlichung: Die Presse

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