Bomben zum Ramadan

In Nahost droht die Lage wieder einmal zu eskalieren. Nachdem die Leichen der drei, seit Wochen gesuchten israelischen Jugendlichen gefunden wurden, hat die kollektive Bestrafung der palästinensischen Bevölkerung ein neues Ausmaß erreicht. 

Feuer und Rauch nach einem israelischen Angriff im Süden Gazas am 1.Juli 2014 (Foto: AFP/ Said Khatib)

Vor rund vier Wochen verschwanden im Westjordanland drei Talmudschüler. Innerhalb weniger Stunden machten Fotos der Jugendlichen weltweit die Runde. In Israel war man aufgebracht. Erinnerungen an die Entführung von Gilad Schalit, einem von der palästinensischen Hamas verschleppten, israelischen Soldaten, wurden wach. Während im Fall Schalit die Hamas sich schnell zur Tat bekannte, war dem dieses Mal nicht so. Die Gruppierung, die sich mittlerweile mit der rivalisierenden Fatah wieder versöhnt hat, wies jegliche Verantwortung von sich.

Davon wollte die israelische Regierung jedoch nichts wissen. Für sie war der Täter von Anfang an klar. Daraufhin kam es zu zahlreichen, groß angelegten Suchaktionen im gesamten, von Israel besetzen Westjordanland. Die israelischen Streitkräfte gingen mit aller Härte vor und verwüsteten zahlreiche Häuser und Wohnungen. Allein während dieser Suchaktion – sofern man das ganze Szenario überhaupt als solche bezeichnen kann – wurden sechs Palästinenser getötet, während Hunderte verhaftet wurden. Die Menschen in den besetzten Gebieten wurden einer kollektiven Bestrafung unterzogen, während bis dato die Identität der Entführer in keinster Weise aufgedeckt wurde.

An dieser Tatsache änderte sich auch nichts, nachdem der Tod der drei Jugendlichen zur traurigen Gewissheit wurde und man ihre Leichen in Hebron gefunden hatte. Stattdessen verschlimmerte sich das Szenario. Ranghohe israelische Politiker sprachen nun ganz offen von „Rache“ und wollten weiterhin das Geschehen für die eigenen politischen Ziele instrumentalisieren. Es waren allerdings nicht nur Medien und Polit-Elite, die dazu neigten, Stimmung zu machen. Dies konnte man vor allem in sozialen Netzwerken beobachten, in denen auch der „einfache Bürger“ seiner Wut freien Lauf ließ.

Währenddessen fanden sich in Jerusalem Extremisten zusammen, die gemeinsam auf „Araberjagd“ gingen. „Verwandelt den Ramadan in einen Monat des Grauens“, gehörte wohl zu jenen Parolen, die nicht zur Schlichtung der Lage beitrugen. Der Satz stammt von Michael Ben-Ari, einem ehemaligen Knesset-Abgeordneten, der in der Vergangenheit unter anderem palästinensische Kinder als „kleine Terroristen“ bezeichnete.

Die israelische Regierung reagierte keineswegs besser. Premierminister Benjamin Netanjahu bezeichnete die Täter als „menschliche Tiere“ und machte ohne Wenn und Aber ein weiteres Mal die Hamas für die Bluttat verantwortlich. Währenddessen forderte Siedlungsminister Uri Ariel nicht nur weitere illegale Siedlungen, sondern auch außergerichtliche Hinrichtungen. Selbst die Sport- und Kultus-Ministerin, Limor Livnat, äußerte via Facebook ihr Verlangen nach Blutrache.

Die israelischen Streitkräfte agierten dementsprechend. Noch in derselben Nacht wurden wahllos Häuser im Gaza-Streifen bombardiert. Laut der israelischen Regierung handelte es sich hierbei um die Häuser der mutmaßlichen Täter. Es wurde deutlich, dass scheinbar jeder Palästinenser – egal ob Kind, Frau, Greis oder Mann – für den Mord an den Jugendlichen verantwortlich gemacht wird. Der Hass sowie der Drang nach Rache nahmen Überhand.

Der Blutrausch erreichte seinen Höhepunkt als Mohammad Abu Khdeir, ein siebzehnjähriger Palästinenser aus Ostjerusalem, von extremistischen Siedlern entführt und bei lebendigem Leib verbrannt wurde. Nun war sie da, die Rache. Und sie brachte nur noch mehr Trauer, Leid und Hass.

Die mutmaßlichen Mörder wurden schnell dingfest gemacht und verhaftet. Selbst rechtsextreme Politiker, die sonst stets gegen Palästinenser wettern und hier und da zum Massenmord aufrufen, waren plötzlich schockiert und verlangten harte Strafen für die Täter. Der angerichtete Schaden konnte mit halbherzigen und unglaubwürdigen Bekundungen jedoch nicht gut gemacht werden. Mohammad Abu Khdeir wurde getötet, weil er Palästinenser war – und weil ein Mord, ein Massaker oder einfach nur „palästinensisches Blut“ von nahezu allen Parteien innerhalb Israels regelrecht herbeigesehnt wurde.

In den vergangenen Jahren, sprich, von 2000 bis 2013, wurden 1518 palästinensische Kinder von den israelischen Streitkräften ermordet. Demnach wurde alle drei Tage ein Kind getötet. Das palästinensische Volk erlebte in den vergangenen dreizehn Jahren an jedem neunten Tag das, was Israel heute erlebt. Während die Mörder der drei israelischen Jugendlichen immer noch nicht ausfindig gemacht wurden, liegt es auf der Hand, wer für die toten Palästinenser verantwortlich ist.

3 Gedanken zu „Bomben zum Ramadan

  1. Der Fall der Entführung und Ermordung der drei Talmudschüler erinnert an die bis heute unaufgeklärten Anschläge von 9/11. Damals waren dem US-Präsidenten George W. Bush bereits am nächsten Tag die vermeintlich Schuldigen als mit Sicherheit feststehend bekannt. Diese Anschläge dienten als Vorwand für die völkerrechtswidrigen Angriffskriege auf Afghanistan und dann den Irak. Offensichtlich hatte die US-Regierung der Neocons nur auf diese Anschläge gewartet, um ihren „Krieg gegen den Terror“ führen zu können. Ähnlich scheint die israelische Regierung unter Benjamin Netanjahu nur auf diese Entführung und Ermordung der drei israelischen Jugendlichen gewartet zu haben, um einen Vorwand zu haben, um wieder einmal Gaza zu bombardieren und diesmal auch die Palästinenser in der West-Bank auf schrecklichste Weise zu schikanieren und bei diesen Razzien gleich mehrere von ihnen zu töten.
    Es ist geradezu unglaublich, wie der größte Teil der Welt – und insbesondere die führenden westlichen Staaten – ihre Augen vor dem zionistischen Masterplan verschließen, der auf irgendeine Weise praktisch von jeder israelischen Regierung weiter verfolgt wird, nämlich die Vertreibung der Palästinenser aus ganz Palästina, letztlich auch aus dem kleinen Rest, der ihnen in Form von Freiluftgefängnissen noch geblieben ist. Das Ziel ist ein jüdischer, palästinenserfreier Staat auf dem Gebiet des gesamten historischen Palästina (und darüber hinaus auf den besetzten Golanhöhen). Wer dies offen äußert, wird vielleicht schnell als Verschwörungstheoretiker oder gar „Antisemit“ abgestempelt, aber es ist die unverkennbare Wahrheit. Diejenigen Palästinenser, die sich nicht von ihrem Land vertreiben lassen, müssen zu „Terroristen“ gemacht werden, um mit Duldung der Weltöffentlichkeit mit noch größerer Gewalt gegen sie vorgehen und möglichst viele von ihnen ungestraft töten zu können.
    In Wirklichkeit gibt es keinen „Friedensprozeß“, sondern die Verhandlungen mit den Palästinensern dienen nur dazu, die Weltöffentlichkeit zu täuschen und Zeit zu gewinnen, um Tatsachen zu schaffen, nämlich den Landraub weiter voran zu treiben und Gaza so lange zu strangulieren, bis es mangels Ressourcen kurz vor dem Zusammenbruch steht. Wenn dann dessen Bewohner in ihrer Verzweiflung aggressiv werden oder einen Ausbruch aus ihrem Gefängnis dem sicheren Tod vorziehen, hat die israelische Führung den Vorwand, um möglichst viele von ihnen als „Terroristen“ zu töten und die Überlebenden in eine „Ersatzheimat“ zu „transferieren“.
    All dies läßt die Vermutung nicht als abwegig erscheinen, daß der israelische Geheimdienst selbst hinter der Entführung und Ermordung der Talmudschüler stecken könnte. Schließlich haben sie ja ihre arabischen Mitarbeiter, die eine solche Tat ausführen können. Es sei daran erinnert, daß der frühere israelische Staatspräsident David Ben Gourion vom zionistischen, bzw. israelischen, Geheimdienst in arabischen Staaten Anschläge unter falscher Flagge gegen dort ansässige Juden ausführen ließ, bei der die Araber beschuldigt wurden, um erstere dazu zu bewegen, ihre arabischen Heimatländer zu verlassen und sich im besetzten Palästina anzusiedeln. Zur Verwirklichung strategischer Ziele opfert der zionistische Geheimdienst, bzw. die jeweilige Regierung, durchaus auch jüdische Leben, auch wenn sie um jeden getöteten jüdischen Israeli ein großes Wehgeheul anstimmen, das alle Hilferufe der von ihnen Unterdrückten übertönt.

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  2. Nachtrag: Nun werde ich durch den folgenden Beitrag in meiner Vermutung bestärkt:
    http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/geostrategie/gerhard-wisnewski/false-flag-in-israel-mossad-chef-sagte-entfuehrung-der-jugendlichen-voraus.html
    Darin geht Gerhard Wisnewski sogar so weit zu vermuten, daß der ganze Vorfall nicht nur vom Mossad inszeniert worden ist, sondern daß die drei Jugendlichen überhaupt nicht entführt und nicht ermordert worden sind, sondern, daß man leere Särge begraben hat und die Tränen der Trauernden nicht echt waren. Blutspuren und leere Patronenhülsen in einem Pkw sind noch kein Beweis für einen Mord. Der angebliche Notruf eines der Entführten über Mobil-Telephon fand bei der Polizei anfangs keine Beachtung, da er nicht ernst genommen wurde. Es ist davon auszugehen, daß die Polizisten erfahren genug sind, einen echten Hilferuf von einem vorgetäuschten zu unterscheiden.
    Aber durch diesen Vorfall ist die ohnehin schon rassistisch gefärbte israelische Gesellschaft derart in Erregung versetzt worden, daß an den Palästinensern dafür völlig ungerechtfertigte und überzogene Racheakte verübt werden. Auf einem Video ist zu sehen, wie eine israelische Frau einer am Ufer eines Teichs sitzenden Palästinenserin von hinten her einen kräftigen Stoß versetzt, so daß sie ins Wasser fällt, und wie die Täterin daraufhin rasch wegläuft:
    http://electronicintifada.net/blogs/ali-abunimah/video-israeli-shoves-palestinian-woman-lake-just-because
    Diese zionistisch geprägte Gesellschaft ist krank und bösartig. Wer von einem „Friedensprozeß“ spricht, muß entweder unwissend oder geistig unbedarft oder ein Heuchler sein.

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  3. Pingback: Bomben zum Ramadan | Schnanky

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