Residenzpflicht bei El Pepe

Während man sich in Europa und anderswo darüber streitet, wie viele Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen werden sollen, hat der Präsident Uruguays die Pforten seines eigenen Heims für einhundert syrische Waisenkinder geöffnet. Damit hat José Mujica, der gerne als „ärmster Präsident der Welt“ betitelt wird, gezeigt, wie reich er wirklich ist.

José Mujica (Foto: occupy.com)

Seit nun zwei Jahren tobt der Stellvertreterkrieg in Syrien. Während sich der Fokus der Medien mittlerweile auf die Ukraine und Russland gerichtet hat, findet im Nahen Ostern weiterhin das Blutvergießen statt. Über zwei Millionen Syrer befinden sich auf der Flucht. Die meisten von ihnen verweilen im Libanon, in Jordanien oder in der Türkei. Es sind vor allem diese Staaten, die mit den massiven Flüchtlingswellen stark überlastet sind.

Währenddessen ziehen einige westliche Staaten es vor, sich aus der Verantwortung zu ziehen. Das beste Beispiel hierfür sind die USA. Obwohl Washington maßgeblich zur Eskalation des Konflikts beigetragen hat, der CIA weiterhin verschiedene Rebellen-Gruppierungen ausbildet und mit Waffen versorgt, wurde bis jetzt lediglich 31 syrischen Flüchtlingen Asyl gewährt.

In den europäischen Staaten sieht die Flüchtlingspolitik von Land zu Land anders aus. Schweden präsentierte sich vorbildlich und versicherte jeden Flüchtling aus Syrien, aufgenommen zu werden. Mit dieser Einstellung steht das skandinavische Land jedoch allein da. Deutschland hingegen entschied sich anfangs dazu, 5.000 Syrern Asyl zu gewähren. Abgesehen davon, dass dies mit Blick auf über zwei Millionen Flüchtlingen eine relative kleine Zahl ist, müssen sich viele Syrer in Deutschland bürokratischen Hürden stellen, die alles andere als human erscheinen.

Ähnlich sieht es in Österreich aus. Dort hat die Regierung versichert, 500 Syrer aufnehmen zu wollen, österreichische Bürokratie inklusive. Nach einiger Kritik entschloss man sich, zusätzlich weiteren 1000 Flüchtlinge aus Syrien Asyl gewähren zu wollen. In den meisten Ämtern und Büros können nur wenige nachvollziehen, wie man sich als Kriegsflüchtling fühlt. Stattdessen herrscht – auch aufgrund der politischen Lage, sprich, Aufstieg der rechtspopulistischen FPÖ usw. – eine angespannte, teils fremdenfeindliche Stimmung.

In vielen europäischen Staaten ist die Lage ähnlich. Während die Polit-Elite noch vor Kurzem darauf gepocht hat, in Syrien militärisch zu intervenieren und auch ansonsten nicht davor zurückschreckt, Waffen in alle Welt zu exportieren, herrscht ein erschreckendes Desinteresse an dem Schicksal von Flüchtlingen. Dies merkt man vor allem, wenn vor den Toren Europas immer wieder zahlreiche Flüchtlinge im Meer einen grausamen Tod finden.

In Südamerika hat nun ein Mann gezeigt, dass es auch anders geht. José Mujica, Präsident Uruguays, hat verkündetet, seine Sommerresidenz für einhundert syrische Waisenkinder sowie dessen Begleitungen zur Verfügung stellen zu wollen. Mujica, ein freundlich aussehender, älterer Mann, ist bekannt dafür, in einfachen Verhältnissen zu leben. Die meisten Medien betiteln ihn oft und gerne als „ärmsten Präsidenten der Welt“. Unter anderem fährt El Pepe – wie er gerne genannt wird – einen alten VW-Käfer und wohnt mit seiner Frau auf einem kleinen Bauernhof. Neunzig Prozent seines bescheidenen Gehalts, was umgerechnet etwa 12.500 US-Dollar beträgt, spendet er für wohltätige Zwecke und an NGOs.

Es ist nicht überraschend, dass in der heutigen Gesellschaft ein Mann wie Mujica als „arm“ bezeichnet wird und seine Taten nur selten erwähnt werden, während die Politiker im Rampenlicht hauptsächlich die Interessen diverser Großunternehmen und Banken vertreten, ganze Völker in den Ruin treiben und ausbeuten und nebenbei noch für zahlreiche Menschenrechtsverbrechen verantwortlich sind.

Es sind auch die Anhänger einer solche Politik, die nun Mujica vorwerfen, sich selbst inszenieren zu wollen. Sagen wir, nur mal angenommen, dass dem tatsächlich so wäre, dann wäre es doch nur allzu schön und wünschenswert, wenn mehr Politiker sich auf diese Art und Weise inszenieren würden.

Doch welcher Politiker hierzulande würde auf Teile seines Gehalts verzichten? Welcher von ihnen würde anfangen, die Interessen der Massen zu vertreten, anstatt jene von Finanzmanagern, Bankenchefs und Waffenhändlern? Welcher dieser Anzugträger könnte nur ohne seine Limousine und sein prunkvolles Haus leben? Welcher von ihnen könnte auch nur einmal versuchen, sich in die Lage jener einzusetzen, die tagtäglich unterdrückt, gejagt, gefoltert und ermordet werden? Wahrlich keiner von ihnen hat das Herz eines José Mujicas. Und falls doch, so möge er vortreten und handeln, so möge er doch einfach Menschlichkeit zeigen.

Doch genau das wird nicht geschehen. Aus diesem Grund ist El Pepe nicht arm, sondern reich. Reich an etwas, was all die anderen, die vorgeben, den Mensch, den Bürger, das Volk oder sonst wen zu vertreten, schon längst verloren haben.

12 Gedanken zu „Residenzpflicht bei El Pepe

  1. Hallo Emran …

    Habe kürzlich deinen Blog über den Spiegelfechter entdeckt und lese seitdem mit Begeisterung mit. Kann dir eigentlich auch hier nur zustimmen.

    Du fragst aber, welcher deutsche Politiker einen Teil seines Gehalts spenden würde, und da sind mir die Mitglieder der Bundestagsfraktion der Linken eingefallen, die nun die Anfang des Jahres beschlossene Diäten Erhöhung spenden wollen. Die Abgeordneten hatten sogar im Bundestag dagegen gestimmt, aber dank übermächtiger GROKO war da ja nichts zu machen. Übrigens schon bezeichnend, dass eines der ersten Dinge, die im Bundestag beschlossen wurde, eine saftige Gehaltserhöhung war. Jedenfalls sollen nun von den Diäten Erhöhungen der Linken zu Anfang ein Betrag von insgesamt 100.000 Euro an die deutschen SOS Kinderdörfer verteilt werden. Gysi erwähnt das für meinen Geschmack zwar etwas zu oft, so dass man hier sicherlich auch den Vorwurf einer Inszenierung machen kann, allerdings wurde darüber in den Medien so gut wie gar nicht berichtet. Ganz im Gegensatz dazu, wenn es Negatives über diese Partei zu berichten gibt. Die im übrigen dem eigenen Anspruch nach die Interessen der Massen vertritt, anstatt jene von Finanzmanagern, Bankenchefs und Waffenhändler. Ich bin allerdings inzwischen auch schon so desillusioniert, das ich nicht beschwören möchte, dass sich das nicht ändern würde, sobald diese Partei in Deutschland an die Macht käme. Erst dann zeigt sich wahrer Charakter. Wer ohnehin weiß, dass er seinen Worten keine Taten folgen lassen muss, hat natürlich leicht reden.

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  2. Vielen Dank, dass du in diesem interessanten Artikel die Gelegenheit wahrnimmst, das beispielhafte Tun von José Mujica in deinem Blog aufzugreifen und damit überhaupt dem in jeder Hinsicht erstaunlichen wie faszinierenden Präsidenten Uruguays eine Würdigung zu erweisen! El Pepe ist in der Tat der mit riesigem Abstand glaubhafteste, ehrenhafteste und integerste Staatsmann dieses Globus, wenn nicht gar der einzige, der all diese Attribute in sich vereint. Die Geschichten und Geschichtchen um seine Bescheidenheit, seine legendäre Volksnähe, seinen Humor, seine Ehrlichkeit usw. sind zahllos. Ich (zusammen mit zwei Freundinnen) hatte durch puren Zufall die Gelegenheit, Mujica vor ein paar Jahren nicht lang nach seiner Wahl in Montevideo in einem kleinen Supermarkt zu begegnen und mit ihm ein paar Minuten zu quatschen. Er war dort einkaufen: allein, ohne Bodyguards, bekleidet mit einfachem Baumwollhemd- und Hose, freundlich, charmant, klug. Auf der Stelle waren wir drei diesem Politiker natürlich verfallen.
    Also, wem dieser Mann imponiert, sollte sich durchaus die Mühe machen, im Netz ein bisschen zu recherchieren, welchen politischen Hintergründen und Kontexten Mujica entspringt. Es lohnt sich. Nebenbei könnte man (besonders in diesen Zeiten) als kleine Notiz durchaus auch noch anmerken, dass der Pazifismus in Uruguay Verfassungsrang besitzt…

    @King Nothing

    Deine politischen Desillusionen, die du letztlich auch auf Die Linke überträgst, kann ich gut verstehen. Schließlich gibt es in der Die Linke einfach oft irritierende, divergierende Positionen zu manchen, sehr wichtigen, die Identität der Linken berührenden Themen. Denke ich da an die Sprachregelungen rund um die NATO (s. Europawahlkampf) oder an die Positionen rund um die Ukraine-Krise, dann ist auch mir nicht sehr geheuer. Gysi selbst wird mir dann manchmal regelrecht unheimlich. Oder solche Typen wie Schwiegermuttertraum und Atlantik-Brücke-Mitglied Stefan Liebich… Brrr! Aber solange Sahra Wagenknecht oder Wolfgang Gehrke dagegenhalten ist noch nichts zu befürchten.

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    • Hallo Reyes …

      Meine Desillusionen beziehen sich eigentlich mehr auf die politische Landschaft im allgemeinen, als speziell auf Die Linke, die aber natürlich Teil davon ist. Streitpunkte in gewissen Punkten gibt es denke ich in jeder Partei, aber nicht immer bekommt man davon auch so viel mit. Problematisch finde ich, dass es eben auch in der Linken Personen gibt, die gewisse Positionen zugunsten einer vermeintlich größeren Koalitions- bzw. Regierungsfähigkeit mit anderen Parteien aufweichen wollen. Und damit genau das aufs Spiel setzen, bei dem die Linke ihre Alleinstellungsmerkmale hat und ohne die sie im Einheitsbrei der anderen großen Parteien versinken würde. Die offiziellen Positionen der Partei finde ich jedenfalls sehr unterstützenswert. Aber wieviel davon halt im Falle einer Regierungsbeteiligung noch übrig bliebe? Man sehe sich doch nur mal an, wieviel von den Versprechungen der SPD noch geblieben sind, die ihre soziale Ader immer nur im Wahlkampf entdeckt.

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  3. Großartige Tat!

    Aber eine Anmerkung zum Artikel: Erst kürzlich haben alle Bundestagsabgeordneten der Linken auf ihre Diätenerhöhung verzichtet und diese an SOS Kinderdörfer gespendet. Auch deine Fragen am Ende des Artikels („welcher…“) sind mit „Die Linke“ zu beantworten.

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  4. ähm, das ist ja alles schön und gut, aber wie zur hölle sollen denn die syrischen flüchtlinge nach uruguay kommen, das sind 12000 kilometer luftlinie?

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    • LUFTlinie ist eingutes Stichwort! Die einen nennen es Teufelswerk, die anderen Wunderwerk der Technik: Diese neuartigen Fluggeräte, die sogar den Menschen das Fliegen ermöglichen! Sogar ganz einfache Menschen, etwa Flüchtlinge, brauchen nur in eine solche Maschine einsteigen, denn es gibt einen Piloten, der den Rest übernimmt. Und schon heben sie ab. Und landen ganz woanders. Man kann wirklich nur staunen!

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      • ändert nix daran, dass es auch den ganz einfachen menschen, sogar geflüchteten, nix bringt, wenn sie erst mit so einem wunderwerk der technik von damaskus nach teheran nach doha nach montevideo fliegen müssen. das ist eine schöne geste von el pepe, aber keine praktische hilfe, sorry. in montevideo bzw. in uruguay gibt keine nennenswerte arabische, erst recht keine syrische community, die flüge sind unglaublich teuer, nichts davon hilft den geflüchteten. wenn el pepe allerdings die flugtickets zahlt, dann ehre wem ehre gebührt!

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  5. Menschen wie El Pepe tun Zweierlei. Sie helfen hier und jetzt. Und was sie noch tun: Sie legen Samen für unsere Welt von morgen.
    Wir können gar nicht genug von Taten wie sie El Pepe vollbringt, berichten.

    Ja, wir müssen darüber berichten, was unsere Könige, die Anzugträger, in Tat und Wahrheit tun, damit die Menschen sich nicht mehr blenden lassen. Aber noch wichtiger ist es, vom Guten zu berichten. Es könnte ja ansteckend wirken…

    Ich reblogge in http://bumibahagia.com/2014/05/29/statt-bomben-schicken-fluchtlinge-aufnehmen/
    mit Kommentar:

    Wie ärmlich ist es, die tägliche Meldung, dass „man“ um „Frieden“ zu „wahren“ bombardieren müsse, mindestens jedoch „Sicherheitssichernde“ kleine, vielleicht machtgierige Seelen, geil bewaffnet, auf normal lebende Menschen losschicken müsse, damit sie dort ein bisschen Krieg spielen, töten und ein bisschen quälen und, sehr selten, vergewaltigen oder Kinder an die Wand schmeissen können.

    Die Diskrepanz kann schwerlich grösser sein, wenn man sich vor diesem Hintergrund die Tat(en) von El Pepe vor Augen führt. Er tut doch einfach das, was ihm menschenmöglich ist, um Leid in Freud zu wandeln.

    Wo sind sie denn, all die Leute, welche zwei Autos, zwei TVs, zwei Hunde und vielleicht ein Kind ihr „Eigen“ nennen?

    Wo sind sie denn, all die Leute, welche zwei Villen, 7 TVs, 7 Hunde, kein Kind, dafür drei Jachten und mindestens doch nur einen Minijet ihr „Eigen“ nennen?

    Dass die, welche Ländereien, Fluggesellschaften, Wasserversorgungen und Diamantminen ihr „Eigen“ nennen, womöglich nicht hilfsbereit sein können, sondern lieber Bomben und geil bewaffnete unbedarfte Seelen in Chaosgebiete schicken, das darf nicht erstaunen, denn diese „Menschen“ sind hoch wahrscheinlich dermassen gestört, dass sie von Leben rein gar nichts mehr fühlen können.

    Wenn wir diese letzte Gruppe von der gesamten Menschheit abziehen, so bleiben doch 99 Prozent übrig. Wo sind sie, diese 99 Prozent?

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  6. Pingback: Statt Bomben schicken Flüchtlinge aufnehmen. « bumi bahagia - glückliche Erde

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