Hauptsache, gegen Erdogan?

Über Erdogan, Soma und die Türkei-Berichterstattung der letzten Tage.

Foto: Reuters

Am Samstag wird der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan in Köln zu den Massen sprechen. Aufgrund des Grubenunglücks von Soma, dem Umgang mit der der Gezi-Bewegung sowie einiger anderer Skandale wird der diesjährige Besuch von massiver Kritik am Staatschef begleitet. Viele Kritikpunkte an Erdogan sowie an der herrschenden AKP sind sicherlich gerechtfertigt. Nichtsdestotrotz konnte man in den letzten Tagen Zeuge einer tendenziösen Berichterstattung werden, die einige Fragen offen lässt.

In Soma fanden Hunderte von Bergarbeiter einen grausamen Tod. Schnell lag der Fokus der deutschen Medien auf der Stadt im Westen der Türkei. Man berichtete über die unangemessene Reaktion der Regierung in Ankara und versuchte sie – vor allem den Staatschef – für das Grubenunglück verantwortlich zu machen. Ehrliche Anteilnahme und Mitgefühl gegenüber den Opfern waren da fehl am Platz. Stattdessen wurde Soma schnell politisiert. Das Hauptaugenmerk zahlreicher Leitmedien lag nicht auf den Bergarbeitern oder auf ihre harten Arbeitsverhältnisse, sondern auf dem Ministerpräsidenten Erdogan – wieder einmal. Erwähnenswert ist die Tatsache, dass vor rund zwei Wochen ein Erdrutsch im Norden Afghanistans ein ganzes Dorf unter sich begrub. Mindestens zweitausend Menschen fanden dabei den Tod. Berichtet wurde jedoch kaum. Den meisten Medien war eine der schlimmsten Naturkatastrophen in der jüngeren afghanischen Geschichte nur eine Randmeldung wert. Einer der Gründe mag vielleicht jener sein, dass es am Hindukusch keinen Erdogan gibt, auf den man wieder einmal herfallen und ihn für alles verantwortlich machen kann.

Nun kommt also dieser Mann, der stets für alles verantwortlich gemacht wird und der auch sicherlich – gelinde gesagt – „viel Dreck am Stecken“ hat, wieder einmal nach Deutschland, wo seine zahlreichen Anhänger aber auch Gegner ihn schon brennend erwarten. Sowohl Politiker als auch Medien stehen dem Erdogan-Besuch skeptisch gegenüber. Aufgrund des Grubenunglücks und einiger Aktionen wird der Zeitpunkt als „unpassend“ betrachtet – der Premier soll jemanden geohrfeigt haben, während der Tritt seines Beraters auf einen am Boden liegenden Demonstranten wahrscheinlich in die Geschichtsbücher eingehen wird. Einige Kritiker gehen sogar weiter und verlangen Sanktionen und andere „eindeutige Botschaften“ seitens der EU und der Bundesregierung gegen den temperamentvollen Mann vom Bosporus.

Allem Anschein nach haben diese Personen jedoch vergessen, dass Deutschland ein demokratischer Staat ist, in dem jeder das Recht zu sprechen hat. Wenn ein Joachim Gauck in die Türkei reist und sich dort als Gast das Recht nimmt, die AKP-Regierung offen zu kritisieren, sollte es gegebenenfalls auch anders herum der Fall sein dürfen. Bezüglich Gauck sollte man sich jedoch noch die Frage stellen, wie glaubwürdig seine Kritik im Allgemeinen gewesen ist. Der gute „erste Mann des Staates“ ist ja mittlerweile bekannt dafür, lediglich dort zu kritisieren, wo es die Interessen erlauben. Da kann man auch gleich fragen, wo all die Kritiker Erdogans waren, als Barack Obama – ein Mann, der wöchentlich Drohnen-Mordbefehle unterzeichnet, Menschen in Guantanamo foltern und die Massen überwachen lässt – seine Rede in Berlin hielt und natürlich auch Wahlkampf betrieb, indem er seine potenziellen Wähler mehr oder weniger ansprach. Ähnliches gilt für andere Staatschefs, ob nun Francois Hollande oder Silvio Berlusconi.

Aus diesem Grund hat auch Erdogan – so verhasst er bei vielen sein mag – dasselbe Recht. In Deutschland gibt es mehr Türken als US-Amerikaner, Engländer oder Italiener. Ein beachtlicher Teil von ihnen würde diesen Mann wohl wählen – egal ob morgen, nächsten Monat oder nächstes Jahr. Diese Tatsache mag wahrscheinlich nicht in die Weltanschauung vieler Personen passen, allerdings ist sie nun einmal Realität und nicht zu leugnen.

Diese Realität wird auch seitens deutscher Leitmedien nur ungern angesprochen. Stattdessen versucht man immer wieder und teils verzweifelt, den türkischen Staatschef in einem äußerst negativen Licht darzustellen. Dies kann man täglich beobachten. So ist ein Erdogan, der herumbrüllt so etwas wie der „Teufel in Person“, während ein schreiender Frank-Walter Steinmeier, der offensichtlich aggressiv gegenüber Demonstranten auftritt, als „mutiger Held“ gefeiert wird.

Wie die Bundesregierung vor Kurzem verlauten ließ, freut sie sich schon auf den Besuch des frisch gekürten indischen Premierministers Narendra Modi. Vor nicht allzu langer Zeit war der Hindu-Nationalist Modi als Chief Minister des Bundesstaats Gujarat tätig. Während seiner Amtszeit kam es zu blutigen Massakern und Pogromen an der muslimische Bevölkerung. Bis heute wird Modi hierfür direkt verantwortlich gemacht. Kein einziges Mal hat der Premier diese blutigen Tage öffentlich bedauert Allem Anschein muss er das auch nicht. Modi, der noch bis vor Kurzem weder in die EU, noch in die USA einreisen durfte, ist nun überall willkommen. Seitens der Bundesregierung fehlt von Kritik und Ablehnung jegliche Spur. Stattdessen blickt man auf eine gemeinsame, möglichst profitable Zukunft. Indien gehört zu jenen Ländern, in denen die meisten deutschen Kleinwaffen geliefert werden. Modi, der in Gujarat eine radikal neoliberale Finanzpolitik durchboxte, wird diese wohl in ganz Indien expandieren. Ein Schelm, wer nun dabei Böses denkt!

Solange Modi, Obama und andere Politiker, die mittlerweile alles andere als „Saubermänner“ sind, stets herzlich eingeladen und empfangen werden, während man ihnen alle möglichen Redefreiheiten gewährt, sollte man sich nicht künstlich über den Erdogan-Besuch aufregen.

5 Gedanken zu „Hauptsache, gegen Erdogan?

  1. Schon mal darüber nachgedacht, dass es unangenehmen Parteien am Sonntag Stimmenzuwachs bringen könnte, wenn Dr. Erdogan morgen wieder möchtegern-großmännischen Stumpfsinn ausspuckt ? Wirklich eine gute Idee, den einzuladen ?

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  2. Vielleicht hättest Du auch mal erwähnen sollen dass die AKP-Fraktion gegen einen Antrag der CHP gestimmt hat die Sicherheitsvorkehrungen in den Minen (auch in Soma) zu untersuchen, desweiteren hat sich Erdogan dort hingestellt und gesagt: Tja, Kismet, Grubenunglücke kommen vor, in England z.B. 1862, 1878 etc.
    Hat sich in Afghanistan ein Politiker geäußert und gesagt: Tja, Erdrutsche kommen vor, ist zwar traurig, aber da kann man nix machen, die gibt es auch in Nepal, Lateinamerika, Philippinen und auch in England im 19. Jh. …

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  3. Tja emranferoz – bei deinem Text fällt mir spontan ein altes Zitat von unserem Ex-Aussenminister Joschka ein : avanti Dilletanti ! Du vergleichst wirklich das Bergunglück in Afganistan mit dem Grubenunglück einer vor wenigen Jahren privatisierten Kohlegrube. Und sagst dann, nur wegen dem fehlenden „Feindbild“ wäre die afghanische Katastrophe nicht so prominent in den Medien vertreten gewesen?!? Na zum Glück hat Erdogan ja sehr viele Staatsanwälte und Polizisten, die in so unfair behandelt haben und die Geschäfte mit dem Iran so genau untersuchen wollten, in die Wallachei versetzt. Aber du sagst ja selbst in einem Anflug von kritischer Auseinandersetzung, der Osmanen Premier hätte u.U. auch Dreck am Stecken. In diesem Sinne mach mal weiter so.

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  4. Lese zum erstenmal hier. Aber wenn ich schon sehe dass sich dieser Hr. Feroz die mühe macht Objektiv zu sein und diese Kommentare hier einen Tiefgang vermissen lassen ,kann ich mr einen Hinweis nicht verkneifen : In dieser hierzulande -achso-hochgelobten- „Scheindemokratie Deutschland“ wo die Medien gezwungen sind mit zwei alles dominierenden Medienunternehmen mitzulaufen steht bei dem einen der beiden (Google-Suche : Springer Verlag Satzung ) in der Satzung : 1. Das Unternehmen bekennt sich zu folgenden Grundsätzen:
    a) Das unbedingte Eintreten für den freiheitlichen Rechtsstaat Deutschland
    als Mitglied der westlichen Staatengemeinschaft und die Förderung der
    Einigungsbemühungen der Völker Europas;
    b) das Herbeiführen einer Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen,
    hierzu gehört auch die Unterstützung der Lebensrechte des israelischen Volkes;
    c)die Unterstützung des transatlantischen Bündnisses und die Solidarität in
    der freiheitlichen Wertegemeinschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika;
    d) die Ablehnung jeglicher Art von politischem Totalitarismus;
    e)
    die Verteidigung der freien sozialen Marktwirtschaft

    2. Die Organe des Unternehmens sind an die strikte Beachtung und Einhaltung
    dieser Grundsätze gebunden.
    Frage : Wo bleibt bei diesen ganzen
    Zugeständnissen das Interesse des gemeinen Deutschen die in den 70 jahren nach kriegsende geboren wurden .Wessen Land ist das hier eigentlich ?
    Andere Frage :Bei soviel „angeblicher Meinungsfreiheit“, Warum müssen Journalisten des Springer Verlages ( und der dazugehörenden Unternehmen ) so etwas unterschreiben (das ist ebenfalls Tatsache ) ?

    Das schönste ist ja dieser letzte Punkt 2 , finde ich . In jenem Land in Anatolien gibt es auch ein sehr großes Medienunternehmen ( Dogan-Medya -an der der Springer Verlag auch beteiligt ist).
    Jene Medien beleidigen fast regelmäßig diesen Ministerpräsidenten.
    Und wenn dieser Mensch ,so behaupte ich mal, ganz natürlich und automatisch mit einer Anzeige zur Wehr setzt ,wird sein Demokratieverständniss in Frage gestellt.

    Das schlimmste was dieser Mann getan hat ist , das er sein Land seit 2008 unabhängig vom IWF gemacht hat . Und das Beste ,- es funktioniert sogar alles viel besser als vorher . Na sowas ?!?

    Ein weteres Beispiel seiner Untaten : die PKK ist seit 2Jahren nicht mehr auf der Bühne . Eine sehr sehr böse Geschichte mt 40tsd. Opfern. Das das sein verdienst ist gesteht auch die sog. Kurdenpartei BDP ein.
    Ich könnte noch so einiges aufzählen, aber ich machs jetzt kurz und erinnere mal kurz daran das die größte Europäsche Religiöse Einrichtung es nicht schafft die internen Kindesmißbrauchsfälle aufzuklären (der zuständige Staatsanwalt hat resigniert aufgegeben ) , oder der Wikipedia-artikel „Antichrist „. Erklärt so manche heutigen ressentiments in Europa gegenüber solchen andersdenkenden wie diesem Erdogan.

    -Peace-

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