Von Anja und Ahmad

Am 4. April stand die deutsche Öffentlichkeit unter Schock. Die renommierte deutsche Fotografin Anja Niedringhaus wurde in der ostafghanischen Provinz Chost auf offener Straße ermordet. Ihre Freundin und Kollegin Kathy Gannon überlebte schwerverletzt. Weltweit zeigte man sich über die Bluttat empört. Was eher am Rande erwähnt wurde, ist die Tatsache, dass das Schicksal von Niedringhaus zum Alltag zahlreicher namenloser Journalisten in Afghanistan gehört.

Foto: Reuters

Im Jahr 2011 wurde der afghanische Journalist Ahmad Omed Khpalwak in der afghanischen Provinz Uruzgan von NATO-Truppen umgebracht. Er wurde aufgrund seines Äußeren für einen Selbstmordattentäter gehalten. Khpalwak wurde erschossen, während er nach seinem Presseausweis griff, um seine Identität zu beweisen. Da der Journalist unter anderem für BBC Pashto tätig gewesen ist, fand sein Fall schnell den Weg in die Öffentlichkeit. Umso schneller wurde der Fall wieder vergessen.

Der Beruf des Journalisten gehört wohl zu den gefährlichsten Tätigkeiten, die man in einem Land wie Afghanistan ausüben kann. Es gibt kein Berufsfeld, in dem man mehr Feinde haben könnte. Zu diesen Feinden gehören nicht nur extremistische Taliban-Kämpfer, sondern auch Polizisten, Militärs, bewaffnete Milizen, kriminelle Gruppierungen und – wie schon erwähnt – NATO-Soldaten. Die Öffentlichkeit zieht es allerdings vor, nur die erstgenannte Gruppe für jegliche Verbrechen verantwortlich zu machen.

Der Mörder von Anja Niedringhaus war ein Polizist. Auch in diesem Fall vermutete man schnell einen Taliban-Hintergrund. Kurz darauf stellte sich jedoch heraus, dass dem nicht so war. Abgesehen davon, dass die Extremisten jegliche Verantwortung von sich wiesen, wurde klar, dass der Mann völlig unabhängig und allein aus Rache gehandelt hat. Als Grund nannte er die Bombardierung seines Heimatdorfes in der nordafghanischen Provinz Parwan. Der letzte NATO-Anschlag in dieser Provinz fand im Januar statt. Es wurden ausschließlich Frauen und Kinder getötet.

Zweierlei Maß

Im Gegensatz zur Ermordung Khpalwaks fand Niedringshaus‘ Tod weltweit Beachtung. Während Nachrichtenagenturen im Minutentakt neue Meldungen in Umlauf brachten, veröffentlichten die führenden Medienhäuser der Welt ausführliche Hintergrundgeschichten und Ähnliches. Auch die Resonanz in sozialen Netzwerken war groß. Die westliche Polit-Elite verlangte von der afghanischen Regierung eine makellose Aufklärung des Falles. Einige reagierten sogar empört und verlangten eine offizielle Stellungnahme oder gar eine Entschuldigung seitens des afghanischen Präsidenten.

Der grausame Mord an Anja Niedringhaus ist durch nichts zu rechtfertigen. Allerdings sollte noch einmal hervorheben werden, dass sie offenbar von einem Einzeltäter getötet wurde. Es ist schlichtweg lächerlich, die afghanische Regierung oder gar jeden Afghanen dafür zur Rechenschaft zu ziehen, wie man es teils in sozialen Netzwerken zahlreich beobachten konnte. Dieses Verhalten erscheint grotesker, wenn man bedenkt, dass Vertreter der NATO sich bis heute kein einziges Mal für den Tod von Ahmad Omed Khpalwak entschuldigt haben, geschweige denn westliche Politiker.

Stattdessen wurde das Ganze mit der Einstellung »Passiert eben« gehandhabt und verdrängt. An dieser Stelle sollte erwähnt werden, dass Khpalwak sicherlich nicht der einzige Journalist gewesen ist, der durch westliche Soldaten den Tod fand. Man bedenke zum Beispiel den Inhalt des Videos »Collateral Murder«, welches von Wikileaks veröffentlicht wurde und die Ermordung irakischer Journalisten durch US-Soldaten bewiesen hat. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass zahlreiche solche Fälle noch im Dunkeln liegen.

Motiv Rache und Täter-Psychologie

Abgesehen davon wurde durch die Tat ein Täterprofil deutlich, welches den westlichen Besatzern in Afghanistan Sorgen bereiten sollte: Der Einzeltäter, der auf Rache sinnt. Da Blutrache als eine Art zentrales Gut der afghanischen Kultur betrachtet wird, ist die Geschichte des Landes davon geprägt. Hervorzuheben ist auch die Tatsache, dass das Prinzip der Blutrache nichts mit dem Islam zu tun hat, sondern im Ehrenkodex der Paschtunen festgelegt ist und über die Jahrhunderte großteils auch von den anderen Ethnien des Landes übernommen wurde.

Viel zu selten wird über diese kulturellen Besonderheiten berichtet. Man fragt sich manchmal, ob der Westen überhaupt Ahnung davon hat. Wahrscheinlich nicht, denn ansonsten würde er wissen, dass jeder einzelne Angriff und jedes Bombardement neue Feinde kreiert, die ihre Familien rächen wollten. Diesbezüglich wird auch viel zu selten über den Hintergrund von Tätern – ob nun Amokläufer oder Selbstmordattentäter – berichtet. Der Mörder von Niedringhaus sann vermutlich nach Vergeltung. Diese Reaktion in ihm wurde ausgelöst, nachdem sein Dorf von NATO-Bomben zerstört wurde. Solche Fälle, die mit mit dem unschönen Wort »Kollateralschaden« betitelt werde, gehören mittlerweile zum Alltag der Afghanen.

Parallel dazu merken die Menschen, dass sie und ihre Opfer regelrecht »weniger wert« sind als westliche Soldaten, Diplomaten oder Journalisten. Dies wurde auch nach Niedringhaus‘ Ermordung deutlich. Mittlerweile haben sich nämlich Bundesanwälte eingeschaltet und Ermittlungen aufgenommen. Unter anderem wurde ein Verfahren wegen Mordes sowie Mitgliedschaft in einer ausländischen Terrororganisation eingeleitet. An dieser Stelle fragt man sich, was sich die deutsche Justiz überhaupt von dieser Einmischung erhofft und ob sie das Bekenntnis des Täters, der eben – wie schon erwähnt – kein Taliban-Mitglied ist, mitbekommen hat oder nicht. Abgesehen davon hätte man sich selbiges Engagement auch bezüglich der sogenannten Kunduz-Affäre gewünscht. Der damalige Oberst Georg Klein, der für den Tod für über 150 afghanische Zivilisten verantwortlich ist, wurde allerdings in keinster Weise bestraft, sondern stattdessen zum General befördert.

»Dieses Verhalten bestätigt lediglich, was die Menschen in diesem Land über die Besatzung denken«, sagt der afghanische Politologe und Publizist Waheed Mozhdah. »Nämlich, dass einhundert Afghanen nicht einmal einem Deutschen, US-Amerikaner oder Briten gleichwertig sind.«

Erstveröffentlichung: neues deutschland – Kabuler Eindrücke, 15.04.2014

Ein Gedanke zu „Von Anja und Ahmad

  1. Anja Niedringhaus hat bevorzugt für die Mainstream Presse fotografiert.
    Sie hob besonders die Leiden der Kriegstreiber in ihren Bildern hervor.
    Das wirkliche Elend der Opfer, ließ sie oft vermissen.
    Es ist nicht zu verbergen, auf wessen Seite sie wirklich stand.
    Wer hat nicht schon alles für unseriöse Fotoreportagen den Pulizer Preis erhalten.

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