Von Kriegsfürsten und Katzenliebhabern

Noch diese Woche soll das afghanische Volk entscheiden, wer Hamid Karzais Nachfolger wird. Von einem sauberen Wahlkampf kann nicht die Rede sein. Selbst die unabhängige Wahlkommission des Landes kam vor Kurzem zu dem Schluss: Die Mehrheit der Kandidaten, die noch im Rennen sind, haben gegen grundlegende Normen und Regeln verstoßen.

Foto: AFP/ Aref Karimi

Ein Beispiel hierfür ist Zalmay Rasoul. Der Paschtune, der einst lange mit dem letzten König des Landes, Mohammad Zaher Schah, in Europa gelebt hat, gehört zu den Spitzenkandidaten.Vor rund zwei Wochen hielt Rasoul eine Rede in der südlichen Provinz Kandahar. Nun wurde bekannt, dass der Kandidat einige – wahrscheinlich nicht wenige – Bewohner der Provinz dazu gezwungen haben soll, an seiner Wahlkampfveranstaltung teilzunehmen. Die Strafe hierfür: 100.000 Afghani (rund 1.200 Euro).

Wer mordet, vergewaltigt und plündert, hat nichts zu befürchten

Abgesehen davon sind es vor allem Klatsch-und-Tratsch-Geschichten, die die Berichterstattung über Rasoul bestimmen. Auf den Straßen Kabuls hört man, der ledige Ex-Außenminister pflege – gelinde gesagt – tiefe Gefühle zu einer Katze. Auch der klerikale Führer des Landes nimmt Anstoß an Rasouls Privatleben: »Ein unverheirateter Mann kann nicht die Ummah (die Gemeinschaft der Muslime) führen«, heißt es aus fundamentalen Kreisen. So ist Afghanistan. Wer mordet, vergewaltigt und plündert, hat nichts zu befürchten und wird zum Führer gesalbt. Aber wehe dem, der unverheiratet ist. Das Wahlprogramm? Ohnehin Nebensache!

Ashraf Ghani Ahmadzai ist ein weiterer Spitzenkandidat, der lange im US-Exil gelebt hat. Sein Problem ist, dass er verheiratet ist. Denn Ghanis Ehefrau ist weder Afghanin, noch Muslimin. Stattdessen ist Christin, die ursprünglich aus dem Libanon stammt. Dass die nächste First Lady Afghanistans christlichen Glaubens sein soll, können sich viele Afghanen nicht so richtig ausmalen. Für manche scheint diese Tatsache skandalöser, als dass einer der blutigsten Kriegsfürsten Afghanistans – Abdul Rashid Dostum – sein Vizepräsident werden soll.

Die Öffentlichkeit hat es allerdings nicht nur auf Ghanis Ehefrau abgesehen. In sozialen Netzwerken kursieren schon seit Wochen Bilder der Ghani-Sprösslinge, die in den Vereinigten Staaten leben und scheinbar kein großes Interesse am politischen Leben ihres Vaters haben. Auf den Schnappschüssen sieht man unter anderem Ghanis Sohn mit (unverheirateter) Frau und Weinflasche posierend. Seine Tochter amüsiert sich im Club – mit Drink und ärmellosem Top. Die virtuelle Empörung war groß: »Ghani will uns etwas vom Islam erzählen, während seine Tochter nachts halbnackt unterwegs ist und sich besäuft« oder »Kümmere dich um deine Kinder, bevor du hier Präsident werden willst«.

Nur Karzai schaffte es sein Privatleben zu verbergen

Auch die anderen Kandidaten bleiben nicht verschont: Abdullah Abdullah, der schon 2009 Karzai unterlag, warf man ebenfalls vor, gerne Alkohol zu trinken und untreu zu sein. Ein Foto von ihm wurde in Umlauf gebracht. Darauf mit ihm zu sehen: der frisch ernannte Vizepräsidenten Younus Qanuni – und eine Flasche Rotwein. Ein weiteres Bild zeigt Abdullah neben einer hübschen, jungen Dame, die – will man den Gerüchten glauben – ein uneheliches Kind mit ihm hat und mehrere Millionen Dollar Schweigegeld eingefordert hat. Zuallerletzt warf man dem promovierten Arzt vor, gar kein Arzt zu sein. Stattdessen sei er vom Nordallianz-Führer Ahmad Schah Massoud so lange als »Herr Doktor« gerufen worden, bis ihn jeder so nannte. Dass Abdullah tatsächlich Augenarzt ist und zahlreiche afghanische Flüchtlinge einst in Pakistan behandelt hat, scheint heute niemanden zu interessieren.

Der Einzige, der von all diesen Gerüchten verschont bleibt, ist Präsident Hamid Karzai. Während seiner Amtszeit brachte er es zustande, sein Privatleben nahezu komplett abzuschirmen. Fotos seiner Ehefrau und Kinder sind praktisch nicht vorhanden. Stattdessen wurden seine politischen Fehler umso mehr von der Öffentlichkeit abgestraft.

Erstveröffentlichung: neues deutschland – Kabuler Eindrücke, 03.04.2014

3 Gedanken zu „Von Kriegsfürsten und Katzenliebhabern

    • Leider wahrscheinlich richtig. USA als Weltmacht, die aber die Welt zerstört.
      Sollten lieber vor der eigenen Türe kehren. Spruch: „ein jeder kehre vor seiner Tür.“
      Wenn wirklich jede Regierung sich um das eigene Land kümmern würde, gäbe es einiges Leid weniger in der Welt.
      Aber immer wird nur zu den anderen geschaut ….

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  1. Und vom Islam haben die meisten keine Ahnung.
    Im wahren Islam, der nichts mit dem zu tun hat, was so in der Welt in den Köpfen ist, sind alle gleich. Mann und Frau, und es ist auch egal von welchem Stamm, Volk einer ist. Es geht nur darum Allah zu dienen, und das in friedlicher Weise. Denn der Prophet hat nicht mehr geliebt als den Frieden.
    Hierzu nur einen Qur’an Vers: „Wer einen Menschen tötet, hat soviel getan als hätte er die gesamte Menschheit getötet. Wer einen Menschen rettet, hat soviel getan als habe er die gesamte Menschheit gerettet.“ (5:32) (in manchen Übersetzungen auch 34).

    Zu der Gleichheit der Menschen braucht man nur die Abschiedspredigt des Propheten zu lesen. „Alle Muslime sind Brüder. – Unterdrückt nicht und lasst euch nicht unterdrücken.“ Das sind nur zwei Beispiele, aber so geht es weiter.
    Und zu den Frauen: „Der beste von euch ist der, der die Frauen am besten behandelt.“

    Das nur als kleinen Ausschnitt.

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