Unter den afghanischen Freunden Morsis

Qutbuddin Helal – Foto: CC/Usaeedi

Im Wahlkampfbüro von Qutbuddin Helal, einem der afghanische Präsidentschaftskandidaten, haben sich zahlreiche Bartträger aus vergangenen Zeiten versammelt. Ein Junge serviert Tee, während die Anwesenden den »Herrn Ingenieur« warten.

Helal ist Mitglied der Hizb-e Islami, der Partei des einstigen Mudschaheddin-Führers und Warlords Gulbuddin Hekmatyar. Während sich im Jahr 2001 die meisten anderen namhaften Kriegsfürsten den westlichen Truppen anschlossen, um gegen die Taliban zu kämpfen, wechselte Hekmatyar die Seiten und fing an jene zu bekämpfen, die ihm einst Waffen lieferten.

Seitdem wird er von den Amerikanern als »Terrorist« gesucht. Hekmatyars einstige Partei zerfiel im Laufe der Jahre. Mittlerweile findet man einstige Mitglieder der Hizb-e Islami unter mehreren Präsidentschaftskandidaten. Wo ihr einstiger Führer, Hekmatyar, sitzt, weiß man anscheinend nicht.

Mal heißt es, er sei in Pakistan, mal sagt man, er sei doch in Kabul. Dass er sich zu den Präsidentschaftswahlen aufstellt, wollte man ihm nicht erlauben. Nun setzt Hekmatyar alles auf seinen ehemaligen Weggefährten. Seine Anhänger rief er auf, Helal zu wählen.

Doch heute fehlt auch von Helal jede Spur, während sich der Raum füllt und immer mehr Tee serviert wird. Ein alter Mann, der in der Runde von Bartträgern den Ton angibt, macht Scherze über den Tee und beschwert sich, warum die »Hizb« – also die Partei – nicht einmal mehr in der Lage ist, Zucker zu servieren. Dann wird diskutiert. Man spricht über die anderen Kandidaten. Die Hizb-Mitglieder, die einst gegen die Sowjets kämpften, sind sich sicher, dass die Kontrahenten Helals von ausländischen Geldern finanziert werden, während sie alles aus ihrer »eigenen Tasche« bezahlen.

Währenddessen betreten mehr Bartträger den Raum. Man begrüßt sich, zieht sich gegenseitig an den langen, weißen Bärten und macht Witze. Irgendwie haben sie alle noch etwas Kindliches und Freches, obwohl die meisten über siebzig Jahre alt sind. Wer wie die Leibwächter und Fahrer in solch einer Runde unter dreißig ist, bleibt schweigsam und starrt auf den Boden. Geredet wird nur, wenn man nach etwas gefragt wird.

Zur Zeit der Sowjet-Besatzung war die Hizb-e Islami aufgrund ihres Widerstandes eine angesehene Bewegung in der islamischen Welt. Gulbuddin Hekmatyar wurde nicht nur von Afghanen, sondern von Muslimen weltweit gefeiert. Unter anderem existieren alte Bilder von ihm, auf denen er gemeinsam mit dem gegenwärtigen Ministerpräsident der Türkei, Recep Tayyip Erdogan, zu sehen ist. Auch in Deutschland ist Hekmatyar kein unbeschriebenes Blatt. In den 80er-Jahren wurde er von der CSU-nahen Hans-Seidel-Stiftung in die BRD eingeladen, wo er sich mit mehreren führenden Politikern getroffen hat und von diesen unter anderem als »Freiheitskämpfer« gepriesen wurde.

Der Ruf Hekmatyars, der de facto aufgrund seiner zahlreichen Verbrechen während des afghanischen Bürgerkrieges als Kriegsverbrecher zu bezeichnen wäre, hat sich im Laufe der Jahre auch unter seinen Anhängern verschlechtert. Sogar einige Bartträger in der Runde fangen an, über ihn zu lästern und beschreiben ihn als schwer zugänglich und extrem cholerisch.

Dann driftet man von innenpolitischen Themen ab und widmet sich Ägypten. Zu den Muslimbrüdern hatte die Hizb-e Islami schon immer gute Verbindungen. Mit dem gefangenen Präsidenten, Mohammad Morsi, leiden sie sprichwörtlich mit. Als dieser damals unter Arrest gestellt wurde, demonstrierten zahlreiche Hizb-Mitglieder auf den Straßen Kabuls und zeigten sich solidarisch. Außerdem scheinen einige der Anwesenden Kontakte zu Muslimbrüdern zu haben, die vor der wiederbelebten Militärdiktator geflohen sind und im Exil leben.

Während die Muslimbrüder in Ägypten jedoch zahlreiche Anhänger unter der Bevölkerung haben und vielleicht sogar heute die Mehrheit der Stimmen für sich entscheiden würden, sieht es für die Hizb-e Islami am Hindukusch anders aus.

Experten und Beobachter sehen für Helal keine großen Siegeschancen. Falls diese Prognosen sich bewahrheiten sollten, würde deutlich werden, dass der einst mächtige Kriegsfürst Hekmatyar de facto keine Macht mehr in Afghanistan hat. Doch heute will man davon nichts wissen. »Hundert Stimmen für Helal sind gleichwertig mit einhunderttausend Stimmen für einen von den anderen Kandidaten«, stellt ein Mann mit schwarzem Turban und Brille fest. Und Helal selbst? Der hat alle versetzt und ist an diesem Tag gar nicht aufgetaucht.

Erstveröffentlichung: neues deutschland – Kabuler Eindrücke, 14.03.2014

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