Deutschlands blutrünstige Freunde

Unter Afghanistans Polit-Elite findet man zahlreiche Kriegsverbrecher, die sich während des afghanischen Bürgerkriegs in den 90er-Jahren sowie während der US-Intervention 2001 einen grausamen Namen gemacht haben.

Einst Cheflobbyist des Autokonzerns Daimler, nun Freund von Massenmördern: der deutsche Botschafter in Kabul Martin Jäger. Foto: dpa/ Peer Grimm

Die meisten ihrer Verbrechen wurde weder aufgearbeitet, noch wurde einer von ihnen je verurteilt. Stattdessen zog es der Westen – allen voran Deutschland – vor, zu genau diesen Herrschaften ein gutes Verhältnis aufzubauen.

Noor Mohammad Atta ist ein Mann mit getrimmtem Bart und maßgeschneidertem Anzug. Sein Wohnsitz in Mazar-e Scharif, der Hauptstadt der nördlichen Provinz Balkh, gleicht einem Palast. Früher trug Atta einen langen, wilden Vollbart und hauste in Lehmhütten. »Früher«, das war zu Mudschaheddin-Zeiten.

Damals, als die Afghanen erst in den achtziger Jahren die Sowjets bekämpften und später sich selbst. Heute ist Atta Gouverneur: eine Art Sonnenkönig von Balkh. Ein absoluter Herrscher, dem man nichts vorschreiben kann. Kritik ist nicht erwünscht, kritische Journalisten werden mundtot gemacht, nicht selten verschwinden sie und tauchen nie wieder auf.

Atta empfängt in seinem Gouverneurspalast immer wieder westliche Würdenträger. Man lächelt in die Kameras, führt Smalltalks, das Übliche eben. Auch deutsche Spitzenpolitiker – unter anderem der damaligen Außenminister Guido Westerwelle und Kanzlerin Angela Merkel – hatten immer wieder die Ehre, Attas Gastfreundschaft zu erleben.

Martin Jäger, der deutsche Botschafter in Kabul, prahlte vor Kurzem via Twitter damit, Atta, einen »großartigen Partner und Freund«, wie er ihn nannte, getroffen zu haben. Dass im Jahr 2012 in Balkh wieder einmal ein Massengrab, indem sich wahrscheinlich auch zahlreiche Opfer von Attas Milizen befunden haben, gefunden wurde, schien Merkel und Co. nicht zu interessieren.

Ein weiterer Freund der BRD ist Abdul Rashid Dostum, der gegenwärtig auch als Vizepräsidentschaftskandidat kandidiert. Dostum, der auch unter den Namen »Schlächter« bekannt ist, gehört wohl zu den brutalsten Kriegsfürsten der jüngeren Geschichte Afghanistans. Der usbekische Milizenführer war in den 90er-Jahren bekannt dafür, gezielt Jagd auf andere ethnische Bevölkerungsgruppen – allen voran Paschtunen – zu machen. Das bekannteste Massaker, für das Dostum und seine Milizen verantwortlich sind, fand zu Beginn der ISAF-Intervention 2002 in der Wüste »Dasht-e Laili« statt.

Damals hatten Dostums Milizen zahlreiche Taliban-Kämpfer – unter ihnen auch zahlreiche ausländische Kämpfer wie Tschetschenen und Usbeken – gefangen genommen und in mehrere Container eingesperrt. Diese Container ließ man mehrere Tage lang in der Wüste stehen, während die Milizen sowie Dostum nach Lust und Laune Löcher in die Wände schossen.

Journalisten, die vor Ort waren, berichteten nach der Öffnung der Container von einem »bestialischen« Geruchsmix aus Blut, Kot, Urin und Verwesung. Die wenigen Überlebenden wurden allesamt hingerichtet. Ob das die deutschen Ärzte wussten, als sich der alkoholkranke Dostum in der Bundesrepublik behandeln ließ?

Selbiges könnte man wohl über jene Ärzte sagen, die vor geraumer Zeit den vor Kurzem verstorbenen Vizepräsident Afghanistans, Mohammad Qasim Fahim, in einem Bundeswehrspital in Berlin behandelten. Fahim gehörte zu den brutalsten Kriegsfürsten der Nordallianz. Auch seine Verbrechen sind wie jene Dostums und Attas ausführlich dokumentiert. Die Bundesregierung hatte anscheinend kein Problem damit.

Fahims Behandlung wurde von deutschen Steuergeldern finanziert. Außerdem war es nicht sein erster Aufenthalt. Er und weitere einschlägig bekannte Warlords aus dem Norden haben anscheinend schon mehrmals im Berliner Adlon residiert. Wer die Villen und Luxusautos der genannten Warlords sieht, wird feststellen, wohin die unzähligen Hilfsgelder geflossen sind.

Da deutsche Truppen vor allem im Norden Afghanistans stationiert waren und immer noch sind, zieht es die Bundesregierung vor, mit Hilfe von lokalen Warlords wie Atta und Co. für ihre Sicherheit zu sorgen, anstatt die Afghanen aus den Fängen der Warlords zu befreien. Diese Außenpolitik hat während des vergangenen Jahrzehnts die Stellung der Kriegsfürsten nur noch mehr gesichert, während die Anklagebänke in Den Haag weiterhin leer blieben.

Auch im Hinblick auf die NSA-Affäre erscheint das Handeln der Bundesregierung äußerst fragwürdig. Immerhin wurden Kriegsverbrecher und Massenmörder in Luxushotels empfangen, während einem Whistleblower wie Edward Snowden nicht einmal Asyl gewährt wurde.

Erstveröffentlichung: neues deutschland – Kabuler Eindrücke, 18.03.2014

2 Gedanken zu „Deutschlands blutrünstige Freunde

  1. Afghanische Kriegsverbrecher wie Mohammad Qasim Fahim oder Abdur-Rashid Dostum werden in der BRD auf Kosten der Steuerzahler medizinisch behandelt, während ich als nicht versicherter im Ausland lebender bundesdeutscher Staatsbürger meine teure Behandlung aus eigener Tasche bezahlen muß: Staatsbürger zweiter Klasse.

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