Der Hund und die Taliban

Die Mainstream-Berichterstattung hat einen neuen Tiefpunkt erreicht. Während tagtäglich gemordet und gefoltert wird, man sich hier und da bekriegt, liegt der Fokus der Medien wieder einmal ganz wo anders.

Kabul, Afghanistan (Foto: Steve Mccurry)

Seriös oder gar objektiv war die westliche Mainstream-Berichterstattung bezüglich Afghanistan noch nie. Mal kümmerte man sich um die eigenen Opfer, sprich, ISAF-Soldaten oder Diplomaten, mal verteidigte oder verharmloste man Kriegsverbrechen wie jene des Bundeswehrgenerals Oberst Klein. Ansonsten fand man in den Taliban oder in anderen Extremisten die perfekten Sündenböcke für jegliches Problem. Der einfache Afghane und sein Schicksal schafften es selten in die Medien.

Vor einigen Tagen verbreitete BBC eine skurrile Meldung. Es ging um ein Entführungsopfer in Afghanistan. Jemand namens Colonel wurde von den Taliban entführt. Diese hielten das Ganze auf Video fest und verbreiten es im Internet. Da es dem Opfer jedoch gut ging, zeigte sich der britische Nachrichtensender eher beruhigend, ja, fast schon deeskalierend. Um Colonel handelt es sich jedoch weder um einen Journalisten, noch um einen ISAF-Soldaten. Colonel ist nämlich ein britischer Militärhund.

Ja, richtig gelesen. Einer der wichtigsten Nachrichtensender der Welt widmete sich einem entführten Hund. Andere englischsprachige Medien ließen nicht lange auf sich warten. Unter anderem berichteten auch Fox News, CNN und der Guardian über Colonel. Man könnte denken, dass es in Bezug auf Afghanistan Wichtigeres zu berichten gäbe, doch falsch gedacht. Kurze Zeit später holten auch deutschsprachige Nachrichtenseiten nach. Spiegel Online – das wohl wichtigste Nachrichtenmedium Deutschlands – schrieb ebenfalls über den entführten NATO-Hund. Selbiges galt für das Springer-Flaggschiff WELT, dem Deutschlandradio, Euronews sowie den österreichischen Kurier. Zu guter Letzt sah sich auch die Bild gezwungen, sich dem Thema mit einer üppigen Boulevard-Schlagzeile zu widmen.

Zur Erinnerung: Im Irak sind Anschläge zum Alltag geworden, jeden Monat gibt es hunderte Tote. Währenddessen hat die Militärdiktatur in Ägypten wieder die Macht an sich gerissen und geht brutalst gegen jeden Kritiker vor. Chaotische Zustände sind auch in Libyen vorzufinden. Dort bekriegen sich die zahlreichen verschiedenen Milizengruppen untereinander. Zeuge von Mord und Folter wird man jeden Tag, Monat für Monat. Selbiges gilt für die Lage in Syrien, wo der Stellvertreterkrieg zwischen den Weltmächten erbarmungslos weitergeht und tagtäglich mehr Tote fordert. Die syrische Flüchtlingskatastrophe hat ein noch nie dagewesenes Ausmaß erreicht, während sich Menschen innerhalb des Landes in belagerten Städten wie Homs teils von Tierkadavern ernähren müssen. Zum gleichen Zeitpunkt werden in der Zentralafrikanischen Republik muslimische Zivilisten gelyncht, während in Burma seit Jahren eine ethnische Säuberung gegen die ebenfalls muslimische Minderheit der Rohingya stattfindet.

Und am Hindukusch, dort ist sowieso regelrecht die Hölle los. Während Aufständische sich in Restaurants und Cafés in die Luft sprengen, bombardiert die NATO weiterhin Zivilisten und beteiligt sich an Kriegsverbrechen. In Bezug auf Hunde wäre wohl die Tatsache erwähnenswert, dass im US-Militärgefängnis im afghanischen Bagram Gefangene von genau solchen Tieren vergewaltigt werden. Genau. Richtig gelesen. Vergewaltigt. Eine Tatsache, die den hiesigen Leitmedien bis zum heutigen Tag keine einzige Meldung wert war. Währenddessen nimmt innerhalb und außerhalb Afghanistans der Drohnen-Krieg des Weißen Hauses weiterhin seinen Lauf. Jeden Dienstag unterschreibt der US-Präsident die Mordbefehle persönlich. Eine weitere Tatsache, die seitens Spiegel, WELT und wie sie alle heißen eher am Rande notiert wird.

Tatsächlich will man teilweise sogar versuchen, die illegalen Morde – anders kann man sie nicht bezeichnen – sogar zu rechtfertigen, wie es Hannes Stein vor geraumer Zeit in der WELT auf erbärmliche Art und Weise versuchte. Natürlich darf man nicht vergessen, dass so gut wie jedes Opfer – egal in welcher der genannten Regionen – namenlos bleibt. Immerhin hat nicht jeder das Glück, ein NATO-Hund zu sein.

Die Gewalt, das Morden und die Brutalität sind allerdings nicht nur in fernen Regionen, sprich, am Hindukusch, in der Sahel-Zone oder im Nahen Osten zu finden. Auch vor den Toren Europas findet man den Tod. Vor Kurzem sind wieder afrikanische Flüchtlinge im Meer ertrunken. Flüchtlinge, die dem Leid und der Armut in ihren Ländern entkommen wollten. Flüchtlinge, um die sich niemand schert. Wie sie hießen und wie viele von ihnen dank den Herrschaften in Brüssel und ihren Frontex-Schergen tagtäglich den Tod finden, weiß niemand.

Stattdessen widmet man sich einem Hund. Ja, man kann es immer noch nicht glauben. Abgesehen davon, dass es dem Tier gut geht, wie man im Video deutlich sehen kann, haben die verantwortlichen Taliban-Kämpfer wahrscheinlich ohnehin nicht mit einer solchen Medien-Resonanz gerechnet. Diese Resonanz beweist lediglich ein weiteres Mal, mit was für einem Maß gemessen wird. Abgesehen davon, dass man sich ohnehin mehr um die „eigenen“ Opfer kümmert, seien es Diplomaten, Soldaten, Journalisten oder Touristen, wurde nun auch deutlich, dass der eigene Hund in gewisser Hinsicht wertvoller ist als afghanisches, arabisches oder afrikanisches Blut.

Vor einigen Wochen ereignete sich ein Anschlag auf eine Touristenbar im kenianischen Diani. Das ZDF berichtete kurz darüber. Die Nachrichtensprecherin beendete den Durchsage mit „Unter den Opfern befanden sich keine Touristen“. Wer sonst zu Schaden kam, wer sonst verletzt oder gar getötet wurde, erfuhr man nicht, obwohl man Bilder von Verletzten sehen konnte. Aber wen interessieren die schon? Unter den Opfern befanden sich keine Touristen, niemand von „uns“. Punkt. Aus. Und Colonel, dem NATO-Hund, geht es gut. Er lebt und ist wohlauf. Für den Rest will man sich nicht interessieren.

Anmerkung: Der Publizist Jürgen Todenhöfer beschreibt in seinem Buch „Du sollst nicht töten“ ausführlich die Misshandlung von Gefangenen in Bagram durch NATO-Kampfhunde.

2 Gedanken zu „Der Hund und die Taliban

  1. Hunde werden bevorzugt, von Besatzungssoldaten, bei Verhören, gegen die Taliban eingesetzt.
    Etwa in dem Kabuler Gefängnis Bagram.
    Dort wurden Gefangene Taliban von Kampfhunden vergewaltigt.

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