„Hassprediger“ in Deutschland?

“Aber die Welt ist noch nicht das Reich Gottes und es gibt das Böse als einen realen Machtfaktor.” – Man könnte meinen, diese Aussage stammt von einem Kreuzritter, der vor Jahrhunderten seine Truppen gegen in blutige Schlachten gegen die „Sarazenen“ – so wurden damals die Muslime bezeichnet – geführt hat. Gegebenenfalls könnte man auch meinen, diese Worte stammten von Pater Joachim Haspinger, einem fundamentalistischen Weggefährten Andreas Hofers, der einst die Tiroler Bauern im Kampf gegen die Bayern und Franzosen auf dem Schlachtfeld unterstützte und für seine Radikalität bekannt gewesen ist. Doch Fehlanzeige. Der Verantwortliche verweilt in der Gegenwart, ja, tatsächlich im 21. Jahrhundert, heißt Nikolaus Schneider und ist Vorsitzender des Rates der evangelischen Kirche in Deutschland.

Joachim Haspinger predigte gerne auf dem Schlachtfeld (Foto: Wikipedia)

Mit seiner Aussage rechtfertigte Schneider die Auslandseinsätze der Bundeswehr. Dass die Kriegseinsätze zahlreiche Unterstützer haben, ist an sich nichts Neues. Meistens werden diese mit gewissen wirtschaftlichen und politischen Interessen in Verbindung gebracht. Dass man plötzlich im (vermeintlich?) aufgeklärten Deutschland des Jahres 2014 vom „Reich Gottes“ spricht und dieses mit den Krieg in fernen Ländern in Verbindung bringt, ist neu. Würde Schneider einen Vollbart tragen und seinen Gott „Allah“ nennen, hätte man in wahrscheinlich glatt als „Hassprediger“ abgestempelt.

Da es sich hier jedoch „nur“ um einen evangelikalen Fundamentalisten handelt, zieht man es vor, die Kritik zu unterlassen. Keine Schlagzeile, kein Aufschrei, keine Empörung. Es ist ja nur der Schneider und nicht der Abu Hamza. (Anmerkung: Abu Hamza ist der islamische Name des deutschen „Salafistenpredigers“ Pierre Vogel) Genau das macht es umso schlimmer. Schneider ist kein Youtube-Prediger, sondern eine Person, die in sein Amt gewählt wurde und eine gewisse religiöse Gruppierung offiziell repräsentiert. Die meisten Bundeswehreinsätze sind ohnehin schon fragwürdig genug, sei es in Afghanistan, Mali oder an der türkisch-syrischen Grenze. Schneider hat diese Einsätze und die damit in Verbindung bringenden Opfer, seien es deutsche Soldaten oder afghanische Zivilisten, mit seiner Aussage auf seinen Glauben reduziert und verharmlost.

Obwohl Schneider während des Interviews behauptet, kritisch gegenüber Kriegseinsätzen zu sein, hat er mit diesen einen Satz den Krieg für sich instrumentalisiert, ihn für seine politisch-religiöse Weltansicht missbraucht und quasi zu einem „Heiligen Krieg“ aufgerufen. Ja, diesen „Heiligen Krieg“ gibt es tatsächlich. Immerhin gibt es nach Schneiders Auffassung auch ein „Reich Gottes“, indem das „Böse“ existiert. Nun fragt man sich, worum es sich hierbei handelt. Was genau ist das „Böse“, dieser ominöse, reale Machtfaktor? Diese Antwort ist Schneider den Zuhörern schuldig geblieben. Kein Wunder, der Journalist hat nämlich gar nicht nachgehakt. In Anbetracht dieses Interviews kann man jedoch einige von Schneiders Aussagen nun besser nachvollziehen. Zum Beispiel behauptete der Theologe einst nach dem Betrachten der ersten Entwürfe der Kölner DITIB-Moschee, diese seien „imperial und anmaßend“. Nun weiß man, was damit wohl gemeint war. „Imperial“ darf natürlich nichts nicht-christliches im „Reich Gottes“ sein. Sonst käme man womöglich noch in Teufels Küche.

Man könnte meinen, Schneiders Aussage sei etwas Einmaliges, etwas, was selten vorkommt. Nur wenige Tage später hat sich diese Annahme jedoch als Irrtum erwiesen. Zu verdanken hat man das dem Kölner Kardinal Joachim Meisner. Dieser hat vor versammelter Menge behauptet, eine katholische Familie ersetze drei muslimische. Später, nachdem die Kritik hagelte, entschuldigte Meisner sich für seine Aussage und meinte, seine Wortwahl sei „vielleicht unglücklich“ gewesen.

Ein Ausrutscher war Meisners krude Aussage, die christlichen Werten wie Nächstenliebe absolut nicht entspricht, jedoch allemal nicht. Hinter Meisners Worten steckt Kalkül. Er hat diesen Satz nicht einfach aus dem Bauch gesagt, sondern er meint es tatsächlich so. Eine nachträgliche, halbherzige Entschuldigung ändert nichts an dieser Tatsache. Der Kardinal wusste, dass er vor den dem Publikum, um genauer zu sein, vor seiner Menge – im SPIEGEL schreibt Peter Wensierski von strenggläubigen Lieblingskatholiken und fundamentalistischen Neokatholiken – mit solchen Aussagen ungeschoren davon kommen kann. Immerhin gab es während seiner Rede keine einzige Kritik. Keiner der Anwesenden – unter ihnen zahlreiche andere katholische Würdenträger – ist aufgestanden, um etwa dem Kardinal den Vogel zu zeigen. Stattdessen wurde fromm zugehört.

Dass niemand ein Problem mit solchen Thesen hat, zeigt, dass gewisse Kreise der Kirche offen radikal sind und eine Spaltung der multikulturellen Gesellschaft gutheißen. Abgesehen davon sind Meisners Aussagen diskriminierend jedem Muslim gegenüber diskriminierend, ob innerhalb oder außerhalb Deutschlands. Sie sind rassistisch, islamfeindlich und nicht mit dem Grundgesetz vereinbar. Auch Meisner ist ein offizieller Würdenträger der Kirche, der demnach eine gewisse Verantwortung mit sich trägt. Stattdessen wird deutlich, dass der Mann im falschen Jahrhundert lebt. Während der blutigen Eroberung Jerusalems – als die Kreuzritter unzählig viele Muslime und Juden abschlachteten – hätte der Kardinal sicherlich eine gute Figur auf dem Schlachtfeld abgegeben, als mentale Stütze versteht sich. Denn kämpfen tun jene, die Hass predigen, nur selten. Daran hat sich auch heute nichts geändert.

Die Kritik an Meisner fehlt jedoch nicht nur innerhalb der Kirche. Auch seitens von Medien und Politik hielt sich der Aufschrei in Grenzen. Man stelle sich vor, ein muslimischer Würdenträger hätte dasselbe von sich gegeben. Er wäre ohne Zweifel als „Hassprediger“ bezeichnet worden. Die Zeitungen hätten eine Schlagzeile nach der anderen gedruckt und ein weiteres Mal eine islamophobe, fremdenfeindliche Stimmung erzeugt. Im Fall von Meisner ist dies jedoch nicht der Fall. Hier wird der Hassprediger hofiert und verteidigt. „Er hat es ja nicht so gemeint“, gehört zu den Standardaussagen.

Dass auf diese Art und Weise mit zweierlei Maß gemessen wird, ist fragwürdig und zu kritisieren. Selbiges gilt für den Umgang mit Nikolaus Schneider. Ein klares Statement seitens der Medien zu dessen kruden Aussagen und seinem indirekten Aufruf zum „Heiligen Krieg“ hat nämlich gänzlich gefehlt. Die einzige Hoffnung auf einen Wandel ist der Papst. Es ist sehr zu begrüßen, dass dieser vor Kurzem zu einem offenen Dialog und einer freundschaftlichen Beziehung mit dem Islam aufgerufen hat. Selbiges gilt für seine Kapitalismus-Kritik, die den Kern der Wahrheit getroffen hat. Seitens einschlägiger Medien wurde Franziskus deswegen an den Pranger gestellt und kritisiert. Es sind genau dieselben Medien, die es nun vorziehen, zu den Hasspredigten Schneiders und Meisners kein Wort zu verlieren.

*Veröffentlicht in Der Spiegelfechter

 

2 Gedanken zu „„Hassprediger“ in Deutschland?

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s