Ariel Scharon – Ein anderer Nachruf

Vergangenen Samstag ist Israels früherer Ministerpräsident Ariel Scharon nach jahrelangem Koma verstorben. Die Medienhäuser dieser Welt hatten ihre Nachrufe wahrscheinlich seit langem vorbereitet. Schon  einige Wochen vor Scharons Tod brachten einzelne Nachrichtenseiten Fotoserien heraus, die unter anderem mit „Ariel Scharon – Fotos einer Karriere“ betitelt wurden. Aus den Bildern ging natürlich nicht hervor, dass der ehemalige israelische Premierminister de facto ein Kriegsverbrecher war.

Leichenzählung nach dem Massaker (Sabra und Schatila, 1982, Foto: AP)

Ariel Scharons Karriere begann früh. In jungen Jahren trat er der jüdischen paramilitärischen Organisation Haganah bei und griff mit seiner Einheit arabische Dörfer an. Einige Jahre später – nachdem er die Universität besucht hatte – folgte er dem Ruf des israelischen Staatsgründers, David Ben-Gurion, und wurde zu einem Befehlshaber der 101. Einheit, die sich darauf spezialisiert hatte, auf palästinensische Untergrundkämpfer Jagd zu machen. Zu Opfern dieser Einheit wurden allerdings großteils Zivilisten im damals von Ägypten besetzen Gaza-Streifen sowie im von Jordanien okkupierten Westjordanland.

Unter anderem fand im Jahr 1956 im Dorf Qibya ein Massaker statt, bei dem mindestens 42 palästinensische Zivilisten an der Flucht gehindert wurden, indem man sie niederschoss. Aufgrund dieses Verbrechens sah sich Ben-Gurion zum Handeln gezwungen, indem er die Tatsachen verdrehte und behauptete, es habe sich dabei um eine „spontane Racheaktion“ gehandelt , die von jüdischen Zivilisten ausgeführt wurde. „Damit hat Ben-Gurion der Öffentlichkeit absichtlich ins Gesicht gelogen“, wie es das politische Magazin +972mag auf den Punkt bringt.

Jahre später begann Scharons Laufbahn als Politiker. Unter Menachem Begins erster Amtszeit nach den Wahlen 1977 wurde er zum Landwirtschaftsminister ernannt. Durch Scharon, der zu Lebzeiten zu den größten Unterstützern der israelischen Siedler gehörte, steigerte sich der illegale Siedlungsbau um ein Vielfaches. Später, während Begins zweiter Amtszeit, brachte es Scharon zum Verteidigungsminister und zählte 1982 zu den Hauptverantwortlichen des Massakers von Sabra und Schatila im Libanon.

Damalswährend des Ersten Libanonkrieges – töteten mit Israel verbündete libanesisch-christliche Milizen über 3 000 palästinensische Flüchtlinge in den Flüchtlingslagern Sabra und Schatila. Unter anderem soll es zu zahlreichen Fällen von Folter und Vergewaltigung gekommen sein. All dies geschah im Umfeld der israelischen Beobachtungsposten. Diese bewachten die Ein- und Ausgänge des Lagers und erhellten den Nachthimmel mittels Leuchtraketen, um die verbündeten Milizen zu unterstützen.

Die israelische Kahan-Kommission kam zu dem Schluss, dass Ariel Scharon für das Massaker verantwortlich gewesen ist. Daraufhin musste der Minister seinen Posten räumen. Zu weiteren Bestrafungen  – sofern das Abgeben des Amtes als Bestrafung betrachtet werden kann – kam es nicht, auch nicht auf internationaler Ebene.

Kurze Zeit später nahm Scharons politische Karriere weiter ihren Lauf. Seine Partei Likud hatte er hinter sich. Einige Jahre später konnte man ihn wieder in der Regierung finden, unter anderem als Handels- und Industrieminister sowie als „Siedlungsminister“ (In Israel ist der Wohnungsbau- und Infrastrukturminister u.a. auch für den Bau sowie das Besiedeln in den besetzten Gebieten verantwortlich). Damit konnte Scharon sich wieder voll und ganz der illegalen Landenteignung widmen.

Während seiner Amtszeit als Ministerpräsident von 2001 bis 2006 schlug sich Scharon nach den Anschlägen vom 11.September 2001 auf die Seite George Bushs. Er bezeichnete Israel als wichtigsten Verbündeten im „Kampf gegen den Terror“ und verunglimpfte PLO-Führer Yassir Arafat als „Unterstützer Osama bin Ladens“. Mit der palästinensischen Hamas wurde ein kurzzeitiger Waffenstillstand – der damals erste überhaupt – eingegangen. Dieser hielt sich allerdings nur für wenige Wochen, da Israel nicht davor zurückschreckte, weiterhin gezielt Jagd auf Hamas-Führer zu machen und diese zu liquidieren. Entscheidend war während der Präsidentschaft Scharons der vollständige Abzug der israelischen Streitkräfte aus dem Gaza-Streifen. Diese Maßnahme führte zum Bruch mit langjährigen Unterstützern und Wegbegleitern Scharons. Das Resultat lässt sich allerdings heute betrachten. Der Gaza-Streifen ist das größte Freiluftgefängnis der Welt.

All diese Tatsachen sowie Scharons Verbrechen, für die er nie zur Rechenschaft gezogen wurde, werden allerdings gerne beiseite geschoben. Heute will man nicht mehr daran erinnern, dass sich Scharon einst mehrfach gegen jegliche Form von Frieden – ob nun in Bezug auf Ägypten, den Libanon oder die Verträge von Oslo – gestellt hat. Stattdessen bringen es nicht wenige Medien zustande, den ehemaligen Premierminister, der vor allem in der arabischen Welt unter seinem Spitznamen „der Schlächter“ bekannt gewesen ist, in einer Form darzustellen, die fast schon mit Mahatma Gandhi oder anderen Friedensstiftern vergleichbar ist. Diese falsche Zurschaustellung ist mehr als grotesk, wenn man dabei bedenkt, wie ein Palästinenserführer Arafat, der gegenüber der israelischen Regierung Zugeständnisse machte wie kein Zweiter, nach seinem Tod seitens einschlägiger Medien als eine Art „Superterrorist“ dargestellt wurde.

Zu Lebzeiten war Scharon ein gern gesehener Gast, egal ob in Berlin, Paris oder London. Es war zu erwarten, dass auch an seinem Todestag seine Verbrechen ungern erwähnt, geschweige den in Frage gestellt werden.

Israels Staatspräsident und Friedensnobelpreisträger Schimon Peres äußerte sich folgendermaßen über den Tod Scharons: „Ariel war ein tapferer Soldat und kühner Führer, der seine Nation liebte und seine Nation liebte ihn.“ Ähnliche Mitleidsbekundungen kamen auch seitens anderer politische Führer weltweit. Bundeskanzlerin Angela Merkel würdigte Scharon als einen „israelischen Patrioten, der sich große Verdienste um sein Land erworben hat“. Einige der führenden deutschen Medienhäuser bezeichneten Scharon in ihren Nachrufen als „Kämpfer“ und „Krieger“. In Sondersendungen und Kurznachrichten zeigte man Bilder von Scharons „Karriere“, ob nun in Uniform oder im Anzug. Von den Bildern seiner Opfer fehlte jedoch jegliche Spur.

Erstveröffentlichung: Hintergrund


8 Gedanken zu „Ariel Scharon – Ein anderer Nachruf

  1. Dasselbe trifft auf unzählige deiner afghanisch-moslemischen „Helden“ und „Märtyrer“ zu. Der Mensch ist des Menschen Wolf, aber man zeigt immer mit dem Finger auf die anderen. Das trifft ganz besonders auf den islamischen Raum zu.

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    • Du scheinst hier was mit Aktion und Reaktion durcheinanderzubringen. Wo klarer als im israel-palästinensischen Drama ist der Verursacher, sind Aktion und Reaktion deutlicher auszumachen? Hier abzulenken auf Allgemeinplätze wie „Der Mensch ist des Menschen Wolf“ ist schon mehr als krude!

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    • also, da du zumindest einen kommentar verfassen konnest, kann man ja davon ausgehen, dass du lesen kannst. ich versteh ja, dass man nicht allzu viel zeit investieren möchte, um sich die meinung von israelkritikern zu anderen themen durchzulesen, weil du ja nach verfasstem kommentar und so bezahlt wirst (wenn nicht, dann hab ich schlechte nachrichten für dich, was deinen intelligenzquotienten betrifft), aber ich finde, zumindest die überschriften von dem blog hättest ja mal überfliegen können.
      ich denke, ich muss ein dringendes gespräch mit deinem vorgesetzten führen was die qualität deiner propaganda angeht, Couperinist. Manche deiner Kollegen geben sich da viel mehr Mühe, und das merkt man auch. So eine arbeitseinstellung ist untragbar. Israel wird von dem hart-erarbeiteten Geld von steuerzahlern aus aller welt finanziert, und ich sehe nicht ein, dass das für so einen windbeutel-kommentar rausgeworfen wird, wenn man damit vielleicht die ein oder andere kugel kaufen könnte, um damit nen araber abzuschießen.

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  2. Pingback: Ariel Scharon « Nahost-Blog | Transatlantikblog

    • Die „oberflächlichen“ Mainstream-Nachrufe, wie Sie sie nennen sind doch in erster Linie klare Meinungsmaipulation und der typisch deutsche Kotau vor Israel. „Oberflächlich“ insinuiert dagegen eine mehr oder weniger harmlose journalistische Lässlichkeit – was es definitiv nicht ist.

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