Asyl im Adlon

Seit einigen Tagen befindet sich der russische Oligarch Michail Chodorkowski nicht nur auf freiem Fuß, sondern auch im Berliner Adlon. Während Whistleblower in Deutschland auf kein Asyl hoffen können und Flüchtlinge vor Lampedusa und anderswo ertrinken, hat der Milliardär keinerlei Probleme. Dieser hat nämlich nicht nur volle Taschen, sondern auch Medien und Politik im Rücken.

Michail Chodorkowski (Foto: dpa)

Nach zehn Jahren Haft wurde der russische Multimilliardär Michail Chodorkowski begnadigt und aus dem Gefängnis entlassen. Damit ist etwas eingetreten, was sich die westliche und vor allem die deutsche Medienlandschaft schon lange herbeigesehnt hat. Medienberichten zufolge war der ehemalige deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher maßgeblich an der Begnadigung beteiligt. Wenige Stunden nachdem Russlands Präsident Putin nachgegeben hatte, befand sich der Oligarch schon in Berlin und wurde von den Medien ausgiebig gefeiert.

In diesem Kontext fiel vor allem das Wort „Putin-Kritiker“ immer wieder. Ja, Chodorkowski, der Held, der den Kreml kritisierte und angeblich dafür ins Gefängnis kam. Ein Mann, der Werte wie Menschenrechte, Demokratie und Freiheit vertritt, genauso wie Deutschland, die Europäische Union und die USA – der Westen eben – und dafür in Haft musste. Von Anfang an zielte man darauf ab, diesen Eindruck zu vermitteln. Man machte aus dem Oligarchen etwas, was allem möglichen entsprach, nur nicht den Tatsachen. Zum Milliardär wird man nämlich nicht von heute auf morgen, vor allem nicht im post-sowjetischen Russland.

Davon wollte man jedoch von Anfang an nichts wissen. Die Zurschaustellung Chodorkowskis dient den eigenen Interessen. Es waren diesselben Interessen, die Guido Westerwelle nach Kiew verschlugen und nun auch Genscher nach Moskau. Der Oligarch wurde zu einer Art Elite-Flüchtling propagiert. Mit dem Privatjet flog man ihn nach Berlin ein und empfing ihn im Adlon. Mainstream-Medien bezeichneten ausgerechnet einen Oligarchen, der sich auf Kosten anderer bereichert hat, als „moralische Instanz Russlands“ und schmissen mit Schlagzeilen wie „Mission Freiheit“ oder „Schöne, freie, wilde Welt“ um sich.

Zum gleichen Zeitpunkt erhob sich so gut wie keine einzige Stimme in der Bundesregierung, als es um ein Asyl für Edward Snowden ging. Von einem Genscher, der plötzlich Obama besucht, um auf diesen einzureden, fehlte jede Spur. Anders war dies jedoch nicht zu erwarten. Snowden hat weder volle Taschen, noch pflegt er irgendwelche Kontakte zur deutschen Polit-Elite. Er hat lediglich auf jene Missstände aufmerksam gemacht, die von der Polit-Elite weiterhin ignoriert und weggewischt werden.

Selbiges gilt im Übrigen auch für jeden anderen Flüchtling, der kein prowestlicher Oligarch, Politiker oder sonst etwas ist. Der einfache Flüchtling aus Somalia, Afghanistan oder Syrien erreicht nicht im Privatjet dieses Land, sondern erst nach endlosen Qualen, die ihm entweder zu Land, zu Wasser oder in der Luft widerfahren sind. Wer von ihnen hier ankommt, wird nicht in diversen Luxushotels aufgenommen, sondern findet seinen Platz im besten Fall auf zehn Quadratmetern in einem Flüchtlingsheim, wogegen womöglich noch seitens der BILD-Zeitung lesenden Anwohner demonstriert wird. Von all den bürokratischen Hürden, denen Flüchtlinge oftmals ausgesetzt sind und die auch im Fall von Snowden in den Raum geworfen wurden, will man erst gar nicht anfangen.

Diese Praxis ist jedoch absolut nichts Neues. Ein weiteres Mal gibt man vor, sich für Menschenrechte, Freiheit und Demokratie einzusetzen. Man setzt sich ein für einen Michail Chodorkowski oder eine Julia Timoschenko, während man über die tagtäglichen Menschenrechtsverbrechen im Folterlager Guantanamo kein Wort verliert, die illegalen US-Drohnen-Angriffe toleriert und sogar von Deutschland aus unterstützt (siehe Africom etc.) und jegliche Grund- und Freiheitsrechte der eigenen Bürger mit Füßen tritt, indem man sie permanent ausspäht und überwacht.

So wie es im Nahen Osten die „guten Diktatoren“ gibt, kann man im Fall Chodorkowski zurecht vom „guten Oligarchen“ sprechen. Wer auf irgendeine Art und Weise prowestlich und wirtschaftsliberal eingestellt ist, sprich, wer das System unterstützt, wird gefördert, gefeiert und herzlich empfangen. Dabei wird lediglich ein weiteres Mal deutlich, dass nicht alle gleich sind, sondern manche „gleicher“.

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11 Gedanken zu „Asyl im Adlon

  1. Vielen Dank, Emran, für die erneute Wohltat dieses hervorragenden Artikels! Ich unterschreibe jedes einzelne Zeichen und Leerzeichen davon!

    Ja, es ist wieder mal soweit, Max Liebermann mit seinem berühmten berlinischen Bonmot zu zitieren: Ick kann jarnich so ville fressen, wie ick kotzen möchte…

    Ich tu’ mich ja eh schwer, solche Propaganda-, Heuchel- und Desinformationssendungen wie die „Tagesschau“ oder die „heute“-Nachrichten zu ertragen, aber in diesen Wochen und Tagen war mir dies fast gänzlich unmöglich. Was da, angefangen mit der Ukraine bis jetzt hin zu Chodorkowski an sich ständig wiederholendem, propagandistischen Heuchel-Theater aufgeführt wurde, sucht wirklich seinen Meister! Das habe ich in diesem Land in dieser Ballung und Konzentration noch nicht erlebt in „Friedenszeiten“. Aus wirklich allen medialen Rohren wird pausenlos dieselbe verlogene, ideologisierte Einheitsbrühe abgesondert: Liebe Freunde, nehmt große Taschentücher und macht eure Nasen frei, es riecht nach Totalitarismus in diesem Land! Die demokratische Vielfalt der Meinungen ist längst einer Einheitspropaganda gewichen, die besonders in diesen Wochen und Tagen ihr wahres, banales, aber umso erschreckenderes Gesicht zeigt.

    Ich danke dir von Herzen, dass du die tatsächlichen Hintergründe aufzeigst und die nötigen Einordnungen und stimmigen Vergleiche vornimmst, die ich in meiner geradezu paralysierenden Aufgebrachtheit niemals mehr formulieren könnte!
    In diesen Tagen möchte ich alles sein, aber bloß kein politischer Journalist, der sich der Wahrheit verpflichtet fühlt und sich mit all dieser eklig-klebrigen, triefenden Volksverarschung herumplagen muss! Wirklich nicht! Meinen ungeteilten Respekt hast du!

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  2. 1 Tag in einem russischen Gefängnis = 10 Jahre in einem deutschen Gefängnis

    Respekt, dass er es überlebt hat.
    Aber auch Wirtschaftsverbrecher haben es nicht verdient, so eingesperrt zu werden, wenn sie sich gegen einen Polizeistaat stellen.

    Als Patriot stellt er sich auch nicht irgendwelchen Instrumentalisierungspraktiken des Westens zu Verfügung, sondern verzichtet auf politische Ambitionen.

    Man muss die Verhältnisse wahren:
    Russland ist auch ohne Abhörskandal ein weitaus undemokratischerer Staat als alle europäischen Länder, sonst wären alle unsere Eltern in den 80igern nach Russland ausgewandert und nicht nach Mitteleuropa.

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    • Lieber bidziil,

      dein Kommentar zeigt einfach auf geradezu brillante Weise, wie umfassend und perfekt die pausenlose Indoktrinations- und Propagandamaschinerie in diesem Land funktioniert!
      In deinem eigenen Selbstbild fühlst du dich sicherlich als ein kritischer Zeitgenosse, der sich seine „eigene“ Meinung bildet. Ich muss dich aber leider desillusionieren: Jeder einzelne Satz deines Musterbeispiel-Kommentars ist ein Produkt politischer Manipulation und nichts davon ist in dir selbst aufgrund kritischer Recherche entstanden.
      Wäre ich du, würde mir dieser Umstand noch weit größere Sorgen machen als die schlichte Tatsache, dass du sowieso faktischen, durch nichts belegten Unsinn quasselst.

      So gesehen ist dir eigentlich zu danken, dass du der Leserschaft hier einen derart klassischen Beleg gelungener, erfolgreicher Meinungsmache ablieferst.
      Denn, wie gesagt, richtig perfekt wird Meinungsmache erst dadurch, wenn sich der Manipulierte selbst noch als kritischen, gut informierten und selbständig denkenden Geist erlebt!

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  3. Pingback: Asyl im Adlon | Schnanky

  4. Carillo,

    darf ich fragen, in welchem Land du lebst?

    Nachdem wir diesen Punkt behandelt haben, können wir uns tiefergehend damit beschäftigen, was du da oben von dir gegeben hast.

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    • Danke an Sie – und die allerbesten Neujahrswünsche für Sie seien gleich noch angehängt, sollte man sich vor dem Jahreswechsel nicht noch einmal auf dieser Seite lesen!

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  5. Mal wieder so ein empört-lamoryanter Artikel, der die westliche Rhetorik von „Demokratie, Freiheit und Menschenrechten“ ernst nimmt. Nicht, dass man in blasierte Neutralität verfallen sollte, aber dieser Abgleich der Realität mit der rechtfertigenden politischen Rhetorik, die, wie schon immer, hehre Werte für Krieg und Elend heranziehen kann, scheint mir doch mindestens naiv und langweilig. Warum bleibt der Artikel dort stumm, wo es beginnt interessant zu werden, nämlich bei den Interessen, die hinter dieser Aktion stehen? Es ist zu bezweifeln, dass Chorodowksi wegen seiner vollen Taschen, geschweige denn für seine wertvollen Kontakte (nach zehn Jahren Isolation…) nach Deutschland geholt wurde- das ist nichts weiter als angedeutete Spekulation und wäre auch anderweitig mit weniger medialer Aufmerksamkeit zu bekommen. In was für einer Phase befinden sich die deutsch-russischen Beziehungen, wenn ein allseits bekannter Oligarchen-Gegenspieler Putins als am rettenden Ufer deutscher Freiheitlichkeit ankommend inszeniert werden darf? Warum lässt Putin ein solches Schauspiel zu odrer anders gefragt: Warum lässt sich die deutsche Regierung/Diplomatie dafür einspannen, dass Putin sich als barmhrziger Feudalherr zeigen kann? Der Kern der Sache wird nicht mal berührt…SCHADE.
    Wahrscheinlich verfällt der Artikel gerade, weil er sich nur auf das, was in den Mainstream-Medien kommt, stützt, in moralisches Geschwafel, das in absurder Manier den gleichen Maßstab an die EU-Flüchtlingspolitik wie an diesen singulären, nicht annähernd damit vergleichbaren Fall Chorodowski anlegt.

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    • Bravo! Eine solche Schwurbel-Performance muss man erst einmal hinbekommen! Da jammern Sie in epischer Breite über das vermeintliche Gejammer des Artikel-Autors, gerieren sich als tief blickender Politanalytiker und Intimkenner der deutsch-russischen Beziehungen, werfen viele spannende Fragen auf – um dann genau an der Stelle abzubrechen, an der der von Ihnen mit Halbgarem geköderte, wissbegierige Leser nach Erlösung schreit: Und nu‘ bitte was?!? Totenstille. Sie sind mir ja einer!

      Es ist halt immer wieder erstaunlich, wie vielfältig doch die Möglichkeiten sind, sich selbst wichtig zu machen und eitel in Szene zu setzen! So ist auch hier einfach Danke zu sagen für ein anschauliches Beispiel inhaltsleeren, selbstverliebten Schwurbelns.

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      • Ein besonderer Fall von Torheit besteht darin, vom Kritisierten einzufordern, das Kritisierte selber vollenden (können) zu müssen, um berechtigt Kritik üben zu dürfen.
        Abgesehen davon scheinen sie höchst autoritäre Züge aufzuweisen. Diese äußern sich in ihrer permanenten Tendenz ad personam zu argumentieren, um nicht die Sache, sondern den Akt der Kritik selbst anzugreifen. Sind sie der, der das Forumgeschehen disziplinieren soll?

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  6. Um ihre Frage zum Schluss gleich zu beantworten: Selbstverständlich bin ich die (!), die das Forumsgeschehen zu disziplinieren hat, haha! (Und richtig: „ad personam“, wie Akademiker Raison d’etre fein beobachtet.) Aber ach, gäbe es nur nicht so viel dummes und narzisstisches Geschwurbel oder all dies auch glücklich und harmonisch vereint in eines Menschen Hülle, so müsste ich nicht ständig intervenieren. Das sollten sie unter Aufbringung all ihrer Empathie verstehen und es mir nachsehen.
    Auch dürfen sie mir nicht „autoritäre Züge“ unterstellen, sich aber selbst zum Chefanalytiker stilisieren.
    Schließlich noch der Hinweis auf ihre löchrige Argumentationskette zu Beginn ihrer Replik: Dass sie ihre Artikel-Kritik selbst als „berechtigt“ werten, ist klar, leider aber sind sie jede Begründung dafür schuldig geblieben. Es sind also sie selbst, der durch diese einsame Selbstbewertung die damit völlig berechtigte (!) Kritik an ihrem leeren Geschwurbel provoziert. Oder war es ihrerseits nur Torheit?

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