Warum trifft es immer mich?

Wer eine dunkle Hautfarbe hat, gilt schnell als verdächtig und muss seinen Ausweis vorzeigen. Über eine diskriminierende polizeiliche Praxis.

Foto: pppspics/flickr

Man sitzt im Zug und hört Musik oder ist mit den Gedanken einfach ganz woanders. Plötzlich wird einem ein Dienstausweis vor die Nase gehalten. Zwei Herren, in einigen Fällen auch eine Dame und ein Herr, stellen sich als Polizisten vor, in Zivil natürlich. Personenkontrolle, reine Routine. Komischerweise ist man die einzige Person im Waggon, die nach dem Pass oder Personalausweis gefragt wird. Der Beamte zieht sein Mobiltelefon hervor, ein älteres Gerät, das man heute als altmodisch bezeichnen könnte, während der zweite nichtssagend dasteht. Der Name, der in dem Pass steht, wird überprüft. Der Polizist nuschelt irgendetwas ins Handy. Dann buchstabiert er den fremd klingenden Namen, den er nicht aussprechen kann. Am Ende heißt es „danke schön“. Die Beamten geben den Pass zurück und gehen weiter.

Der schöne neudeutsche Ausdruck für diese Erfahrung nennt sich racial profiling. Deutschland wurde wegen dieser polizeilichen Praxis gerade erst wieder von Menschenrechtsorganisationen gerügt. Mir ist das schon ein Dutzend Mal während einer Zugfahrt passiert. Nach solch einer Kontrolle merkt man, dass man irgendwie anders ist. Wäre dem nicht so, hätten die Beamten alle anwesenden Personen ohne Ausnahme kontrolliert. Einmal habe ich nachgefragt, warum das immer nur mir passiert und ob das möglicherweise an meiner schwarzen Haarfarbe liegen könnte. Daraufhin drehte sich der zweite Beamte um und fragte eine ältere Frau alibihalber nach ihrem Personalausweis. Natürlich hat er nicht ernsthaft daran gedacht, dass die Frau möglicherweise ein illegaler Flüchtling aus Afghanistan oder aus Somalia sein könnte.

Wie sieht ein „normaler“ Europäer aus?

Nach solchen Aktionen kocht in einem die Wut auf die sogenannte Staatsgewalt. Als ich einmal gefragt wurde, wohin ich denn fahren wolle und was ich dort vorhätte, wurde es mir zu viel. Ich wies den Beamten darauf hin, dass ich als österreichischer Staatsbürger innerhalb der EU reisen darf, wohin ich will, und dass es ihn nichts angehe, was ich wo machen werde. Nun sah mich der Beamte zornig an. Es sah fast schon so aus, als hätte er die Hoffnung, dass sein Kollege am Telefon etwas Negatives über mich zu hören bekommen wird. Dem war natürlich nicht so. Die Polizisten gingen weiter. Mir wurde ohnehin nie das Gefühl zuteil, dass die Polizei „mein Freund und Helfer“ sei. Als ich auf die Toilette ging, konnte ich sehen, wie die zwei im nächsten Waggon einen afrikanisch aussehenden Mann ebenfalls nach seinem Ausweis fragten.

Im Oktober 2012 erklärte das Oberverwaltungsgericht Koblenz in einem Berufungsverfahren solch eine Praxis für rechtswidrig. Ein dunkelhäutiger, deutscher Student hatte nach einer Kontrolle am Bahnhof geklagt. Die Polizisten, so stellte das Gericht fest, haben mit ihrer Vorgehensweise gegen das Diskriminierungsverbot verstoßen. Die deutsche Polizeigewerkschaft ist damals sofort über das Urteil hergefallen und hält es für „schöngeistige Rechtsprechung“. Immerhin wissen all die Juristen und Richter nicht, wie es in der Praxis, sprich: „draußen auf der Straße“, abläuft. Nach solch einer Aussage fragt man sich, in was für einem Staat man eigentlich lebt und warum die Polizei sich die Erlaubnis nehmen darf, gewisse Gesetze mit derart billigen Rechtfertigungen in Frage zu stellen. Das Vorgehen der Polizei ist rassistisch und diskriminierend. Seit wann gibt es denn einen „Einheitseuropäer“? Gibt es irgendwelche Vorgaben, die besagen, wie ein Europäer oder ein Deutscher auszusehen hat? Muss er etwa blond und blauäugig sein, um nicht in das „Raster“ dieser Polizisten zu fallen?

Nicht zum letzten Mal

Laut Tahir Della von der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland (ISD) gab es nach dem Urteil des Oberlandesgerichts keinen gravierenden Fall von „racial profiling“ mehr. Allerdings, so Della, hält die Bundespolizei weiterhin an der Praxis fest. Das letzte Beispiel hierfür sind unter anderem die jüngsten Geschehnisse in Hamburg, wo der Innensenator die Order an die Polizei gab, verschärfte Kontrollen an schwarzen Menschen vorzunehmen. Der Grund hierfür war, Flüchtlinge aus Lampedusa zu erfassen. Allerdings war es auch dieses Mal offensichtlich, dass andere schwarze Menschen, die sich zufällig im Bereich des Hamburger Bahnhofes befanden, ins Raster der Beamten fallen würden.

Ich persönlich blieb in letzter Zeit vor Kontrollen verschont, allerdings nur auf deutschem Boden. Sobald ich jenseits der Grenze bin, in meinem Fall hauptsächlich in Österreich, heißt es wieder: „Ausweis bitte, Sie fallen in unser Täterprofil.“

Erstveröffentlichung: F.A.Z. Feuilleton

6 Gedanken zu „Warum trifft es immer mich?

  1. Hallo,
    als eingebürgerte Deutsche habe ich, immerhin von Amtlicher Stelle folgende
    Information über Ausländer in Gefängnissen (z.B. Norwegen und Deutschland) gefunden:
    http://www.prisonstudies.org/country/norway
    http://www.prisonstudies.org/country/germany
    Immerhin: in Norwegischen Gefängnissen sitzen fast ein Drittel Ausländer, in Deutschen fast ein Viertel. Zu Unrecht?
    Jetzt sag mir, was genau die Polizei tun soll? (‚Bankster‘ in Gefängnissen zu bringen, kann die Polizei noch nicht, hoffentlich kommt es noch…)

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  2. Ähnliche Erfahrung an der englischen Grenze: Von all den passierenden Reisenden nach dem Zoll ist ein dunkelhäutiger Mann mittleren Alters mit Bart, der ihn klar als Muslim ausweist, der EINZIGE, der von den Grenzpolizisten (nach der Passkontrolle) noch einmal nach Identität und Reiseabsicht gefragt hat. Es hat mich fast umgehauen, das zu sehen, zumal die Beamten zuvor niemanden auch nur beachtet haben und in ein Gespräch über ihr Mittagessen vertieft waren. Racial profiling als Joberleichterung.

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  3. Vielleicht mal zur Abwechslung auch noch ein Blick auf die Problematik aus anderer Perspektive:

    Ich selbst bin in Deutschland bei einem privaten Bahnunternehmen als Zugbegleiter beschäftigt. Bis jetzt sind mir zwar noch keine Polizeikontrollen (egal von wem) in unseren Zügen aufgefallen (vielleicht ist unsere Strecke dafür zu unwichtig), allerdings scheinen o.g. und ähnliche Erfahrungen sich auch in das Bewusstsein mancher unserer Fahrgäste eingegraben zu haben:

    Als Zugbegleiter ist es unter anderem auch meine Aufgabe, zu persönlichen Fahrkarten einen Ausweis zu kontrollieren, beispielsweise zu Ländertickets der Deutschen Bahn, persönlichen Monatskarten etc. Dabei überprüfe ich lediglich den die Übereinstimmung des Namens und grob ob die Person vor mir, die jenige auf dem Lichtbild ist; alles andere geht mich nichts an und will ich auch gar nicht wissen.

    Dabei ergeben sich ab und an bereits Probleme und Diskussionen wegen des Grundes der Kontrolle – nicht nur, aber auch – mit Menschen, die in o.g. „Profile“ passen würden. Diese sind dann zuweilen verunsichert bis ärgerlich wegen der Kontrolle des Ausweises, so dass ich annehmen muss, dass sie sich aufgrund ihres Aussehens von mir abweichend behandelt fühlen – obwohl das natürlich nicht der Fall ist.

    Erhärtet wird dieser Verdacht aus subjektiver Sicht wohl noch dadurch, dass – wie ich sicher weiß – bei weitem nicht von allen Kollegen und bei weitem nicht immer die Ausweise tatsächlich kontrolliert werden. Mache ich zugegebenermaßen auch nicht immer, aber wenn, dann entweder einen kompletten Zug oder eben nicht. Dadurch sehen sich viele Fahrgäste offenbar auch zum ersten Mal einer Ausweiskontrolle gegenüber.

    Was ich hiermit nur kurz aufzeigen wollte, ist, dass ein o.g. Vorgehen von Amtspersonen, selbst noch das Leben und die Arbeit von Personen beeinträchtigt, die gar nicht ins „Profil“ fallen – weil man mit Menschen zu tun hat, die es tun und diese einem wegen dieses Profilings misstrauen. Im schlimmsten Fall führt das bereits zu einer Änderung des eigenen Denkens und Verhaltens aufgrund des Aussehens anderer Menschen (bspw. denkt man sich: „Da sitzt jetzt eine Gruppe schwarzer Menschen in der Ecke, wo gerade niemand anders sitzt und sie niemand anderen sehen konnten, den ich auch kontrolliert habe… Tue ich mir die Diskussion jetzt an und frage nach dem Ausweis?“).

    Und dann behandelt man sie anders – weil sie ins „Profil“ passen und obwohl einem das Profil eigentlich egal. Weil man erwartet sich stellvertretend für seine „Landsleute“ rechtfertigen zu müssen und schief angesehen zu werden.

    Auch aus diesem Grund: Das ungerechtfertigt pauschalisierende Racial Profiling muss aufhören! Damit man sich nicht gegenseitig misstrauen muss und jeder davon ausgehen kann und darf, behandelt zu werden wie jeder andere!

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  4. Pingback: Massenmedien – auf dem rechten Auge blind | Emran Feroz's Blog

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