Wer war Tariq Aziz?

Der Friedensnobelpreis wurde verliehen. Es ging nicht an Malala, sondern an Chemiewaffeninspekteure. Mein persönlicher Favorit war allerdings jemand anders. Seinen Namen kennt fast niemand, geschweige denn, dass man ihn auf irgendeiner Liste von Nobelpreisanwärtern finden konnte.

Tariq Aziz während einer Versammlung in Islamabad (Foto: Pratap Chatterjee, Bureau of Investigative Journalism)

Waziristan, das berühmt-berüchtigte Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan, war schon immer eine Art „Unruheherd im Unruheherd“. Die dort lebenden paschtunischen Stämme – die Wazir und die Mehsud – sind seit Jahrhunderten bekannt für ihre rauen Sitten, ihren Stolz und ihre Unabhängigkeit. Waziristan wurde im Laufe der Geschichte schon von den Mogul-Herrschern angegriffen und von den Engländern bombardiert. In der heutigen Zeit ist es ein Hauptschauplatz der illegalen US-Drohnenangriffe.

Auch der 16-jährige Tariq Aziz stammte aus Waziristan. Er spielte gerne Fußball und tat auch sonst meistens das, was jeder andere Jugendliche in seinem Alter so treibt. Der womöglich einzige Unterschied war die Tatsache, dass sich Tariq gegen die Drohnen-Angriffe der Amerikaner aussprach und des Öfteren an Demonstrationen gegen diese teilnahm. Unter anderem nahm er gemeinsam mit Journalisten an einem landesweiten Protestmarsch teil, der vom pakistanischen Politiker Imran Khan ausgerufen wurde. Dieses Ereignis fand einige Tage vor Tariqs Tod statt.

Im November 2011 traf der Investigativ-Journalist Pratap Chatterjee Tariq zweiundsiebzig Stunden vor dessen Ermordung. Er begleitete den jungen Aktivisten zu einer Loya Jirga, einer großen Versammlung, auf der sich die Stammesältesten Waziristans trafen. Das Hauptthema der Versammlung waren die Drohnen-Angriffe. Bis zum damaligen Zeitpunkt fielen diesen allein im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet über 2.300 Menschen zum Opfer.

Als Tariq und sein zwölfjähriger Cousin Waheed gerade auf dem Weg nach Miranshah waren, um eine Tante von ihrer Hochzeit abzuholen, wurde ihr Auto von einer Drohne getroffen. Die beiden Kinder waren auf der Stelle tot. Damit wurde die Zahl der von Drohnen getöteten Kinder von 173 auf 175 erhöht. Heute, im Jahr 2013, spricht man insgesamt von über 2.500 Drohnen-Opfern in Waziristan. Man muss bedenken, dass die Opfer aus Afghanistan, Somalia und dem Jemen in dieser Zahl noch gar nicht erfasst sind.

Während man über die Opfer von Extremisten wie den Taliban permanent spricht und sie mittels medialer Aufmerksamkeit in den Mittelpunkt stellt, hat es Tariq in keine Schlagzeile geschafft. Während man die jugendliche Aktivistin Malala Yousafzai feiert, sie mit Preisen überschüttet, für den Friedensnobelpreis nominiert und ihre medial breit angekündigte Biografie in diesen Tagen zudem in die Buchläden kommt, spricht von Tariq, dem ebenfalls jugendlichen Aktivisten, niemand.

Diese Feststellung darf nicht falsch verstanden werden. Was Malala widerfahren ist, ist schrecklich und nicht zu tolerieren. Es ist zu verurteilen. Doch gilt dasselbe nicht für Tariq? Muss man sich nicht die Frage stellen, warum die Amerikaner, die immer wieder vorgeben, ausschließlich militante Kämpfer mit ihren Drohnen zu jagen, zwei Kinder via Knopfdruck hingerichtet haben? Gilt diese Frage nicht auch für den im Jemen ebenfalls von einer Drohne getöteten, sechzehnjährigen Abdul Rahman al-Awlaki?

Warum lädt Christiane Amanpour Malala in ihre Sendung ein, während Tariq kein einziges Mal erwähnt wird? Warum feiert die UNO den sogenannten „Malala Day“, während man kein einziges Mal der vierzehnjährigen Abeer, die im Irak von US-Soldaten vergewaltigt und ermordet wurde, oder der zweijährigen Palwascha, die während des Kandahar-Massakers in Afghanistan von einem US-Soldaten kaltblütig erschossen wurde, gedenkt? Es ist nur allzu offensichtlich, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird. Da die Mörder von Tariq, Waheed, Abeer und Palwascha keine „bärtigen Barbaren“ waren, sondern US-Soldaten und Drohnen-Piloten, zieht man es vor, diese nur als Randmeldung zu erwähnen.

Es gibt keinen „Palwascha-Day“ oder gar eine posthume Nominierung für irgendeinen Friedenspreis für Tariq. Es gibt einfach nichts. Und solange man nicht darauf aufmerksam macht, aufschreit und mit dem Finger hinzeigt, wird sich das auch nicht ändern.

6 Gedanken zu „Wer war Tariq Aziz?

  1. Es würde wohl gegen einen Kodex verstoßen, wenn Westliche Medien etwas gegen die USA und deren Kriegsspiele schreiben würden, was in Washington nicht gerne gesehen wird. Man sagt ja immer, dass wir freie Medien hätten doch das glaube ich persönlich nicht.

    Dafür braucht es gar keine großen Beispiele sondern es genügt sich selbst zu hinterfragen, wieso amerikanische Kriegsverbrechen niemals geahndet werden oder eine Mediale Aufmerksamkeit bekommen.

    Der Friedensnobelpreis ist sowieso nur noch eine Medaille die man jenen umhängt die das Gesamtbild des Systems ergänzen. Nach Obama und der EU dachte ich es könnte gar nicht schlimmer kommen aber hab mich doch geirrt.

    “Der Mensch, der gar nichts liest, ist besser informiert als derjenige, der nur Zeitung liest.” L.I. – Und wie recht Lee Iacocca hatte.

    Gefällt mir

  2. Ich finde die rhetorischen Fragen im Text sehr interessant, genauso ist es aber anders herum traurig, dass nur eine Minderheit in Deutschland (besser gesagt im WESTEN) über solche unbequemen Wahrheiten ansatzweise Informationen haben. Intelligente Kritiker behaupten zwar, dass sei doch selbsterklärend, dass Kollateralschäden unabdingbar seien, aber das halte ich für einen „Double Speak“ der übelsten Sorte! Wenn die „US-Propaganda“ so weitergeht, werden am Ende Gesetze und Regeln für „WAHR“ erklärt, die uns an den 2. Weltkrieg erinnern könnten. Schon sehr paradox, wie sich die „Sündenbock“-Taktik Monat für Monat aufblüht und was sich die USA da erlaubt! Vor Jahren, besser gesagt vor 2001 wären das noch Weltschlagzeilen gewesen, dass überhaupt Dronen über ein fremdes Land fliegen….

    Ich appelliere nochmals auf die Vernunft und informiere einige mal auf folgende Zeilen eines GROßEN deutschen Mediums. Dessen Grundsätze verteidigen doch die USA. Indirekt durch die Länder der NATO, sind wir verpflichtet, der USA brav zu folgen und das sogar in der Berichterstattung. Lest euch Punkt 3, 4 und 5 genau durch!

    „1. Das unbedingte Eintreten für den freiheitlichen Rechtsstaat Deutschland als Mitglied der westlichen Staatengemeinschaft und die Förderung der Einigungsbemühungen der Völker Europas.
    2. Das Herbeiführen einer Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen, hierzu gehört auch die Unterstützung der Lebensrechte des israelischen Volkes.
    3. Die Unterstützung des transatlantischen Bündnisses und die Solidarität in der freiheitlichen Wertegemeinschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika.
    4. Die Ablehnung jeglicher Art von politischem Totalitarismus.
    5. die Verteidigung der freien sozialen Marktwirtschaft.“
    ————-

    PS: Diese Grundsätze haben nach wie vor seine totale Gültigkeit, nicht dass jemand denkt, es sei wie das alte Testament lediglich ein geschriebenes Scriptum ,dessen Bedeutung „Nonsens“ sei!!!

    Gefällt mir

  3. Lieber Emran,

    es ist gut und wichtig, dass du – einmal mehr – konsequent darauf aufmerksam machst, wie widerlich verlogen, doppelmoralisch und ideologisch einseitig triefend die westliche „Moral“ stets daherkommt: Da werden Krokodilstränen über die „guten“, postheroisierten Toten und Verletzten vergossen, erbarmungslos und brutal gemeuchelt von den teuflischen Turbanträgern, um gleichzeitig die von Präsidentenunterschrift per Drohnenexekution gekillten Massen (du nennst ja die Zahlen) von „bösen“ Toten und Verletzten mit Schweigen zugedeckt oder bestenfalls in einer zweiten rhetorischen Ermordung als bedauerliche Kollateralschäden posthum entwürdigt werden. Danke, dass du mit dem in der Tat zum Friedensnobelpreisaspiraten taugenden Tariq Aziz diesen von der westlichen Welt Ignorierten und Nichtbetrauerten ein Gesicht gegeben hast!

    Wer da vor lauter Kotzen von der Kloschüssel nicht mehr wegkommt, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen!

    Turbanträger, feingliedrige Präsidentenhand oder wer auch immer: Es ist und bleibt DASSELBE!!! Mord ist Mord und Verletzen ist Verletzen. Basta.

    Wie schade und traurig, dass der verlogene und ideologisierte westliche Hype um das tapfere Mädchen Malala in diesen Tagen durch diese schreiende Ungerechtigkeit einen etwas schalen Beigeschmack bekommt! Das hat sie nicht verdient!

    Gefällt mir

  4. Lieber Emran
    vielen Dank, das du an das Schicksal des Tariq Aziz aufmerksam gemacht hast.
    Ich habe davon nichts gewusst.
    Es Gibt viele Menschen die sich für die Menschenrechte einsetzen, aber im Verborgenen
    agieren und nicht im Rampenlicht stehen möchten.
    Anbei möchte ich auf ein Buch hin weisen, das genau dieses Thema, in Sachen des Islam, beschreibt. „Jürgen Todenhöfer: Feindbild Islam“
    http://www.amazon.de/product-reviews/3570101355

    Gefällt mir

  5. Pingback: Malala und Nabila | Emran Feroz's Blog

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s