Die Rückkehr der Warlords

Während die Nato mit ihrem Abzug beginnt, bereitet sich Afghanistan auf die Präsidentenwahl vor. Auf der Kandidatenliste tummeln sich Kriegsverbrecher und Drogenbarone.

Abdul Rasul Sayyaf (mitte) hat Osama bin Laden einst nach Afghanistan eingeladen. Nun will er Karzai ablösen. (Foto: Reuters)

Der Nato-Abzug am Hindukusch steht vor der Tür. Die Deutschen haben ihr Lager in Kunduz schon geräumt, und auch der Rest der internationalen Truppe Isaf bereitet sich darauf vor, das Land, in dem sie seit mehr als zehn Jahren Krieg geführt haben, zu verlassen. Zudem soll am 5. April 2014 ein neuer Präsident gewählt werden. Obwohl Amtsinhaber Hamid Karzai – der als einer der korruptesten Staatsführer der Welt in die Geschichte eingehen wird – nicht mehr teilnehmen darf, lässt ein Blick auf die Teilnehmerliste jegliche Hoffnung auf Verbesserung verblassen.

Laut afghanischen Berichten wird Karzai nach seiner Amtszeit in einer Villa in einem Luxusviertel der Hauptstadt Kabul leben. Auf dem über 1200 Quadratmeter großen Grundstück finden Renovierungsarbeiten statt. Karzai will seinem Nachfolger als politischer Berater zur Seite stehen. Verwunderlich ist das nicht, denn auf der Kandidatenliste findet sich auch Qayum Karzai, der ältere Bruder des Präsidenten. In den vergangenen Jahren gehörte Qayum zu denen, die im Hintergrund die Fäden zogen. Und so wie sein 2011 getöteter Bruder Amad Wali soll auch er zu den führenden Männern im Drogengeschäft gehören.

Allianz mit Kriegsverbrecher
Insgesamt haben sich 27 Kandidaten aufstellen lassen. Manche von ihnen sind bekannt, manche weniger. Ashraf Ghani gehört sicherlich nicht zu den Unbekannten. Der Paschtune, der seinen Doktortitel an der Columbia University machte und bei der Weltbank in Washington tätig gewesen ist, erreichte bei den letzten Präsidentschaftswahlen den vierten Platz. 2010 zählte das Magazin „Foreign Policy“ Ghani zu den hundert bedeutendsten Denkern („Top 100 Global Thinkers“) weltweit.

Viele Afghanen sahen in Ghani Hoffnung für ihr Land. Neben seinem Intellekt spielte auch die Tatsache, dass Ghani kein Warlord war und damit kein Blut an seinen Händen hat, eine Rolle. Diese Hoffnung wurde nun jedoch bitter enttäuscht. Ghani geht nämlich mit einem Vizepräsidenten ins Rennen, der Blut an den Händen hat: mit dem berüchtigten usbekischen Warlord Abdul Rashid Dostum.

Dostum ist bekannt für seine Brutalität. Seine Kriegsverbrechen wurden von zahlreichen Menschenrechtsorganisationen ausführlich dokumentiert.

Massaker in der Wüste

Dostums Milizen machten während des Bürgerkriegs Jagd auf Zivilisten anderer Ethnien, vor allem auf Paschtunen, und massakrierten diese ohne Gnade. Zweifelhafte Berühmtheit erlangte der Milizenführer für ein Massaker in der Wüste Dasht-e Laili, kurz nach Beginn des Nato-Einsatzes. Im November 2001 wurden hunderte Taliban-Kämpfer von Dostums Milizen gefangen genommen und in Container gesperrt.

Diese Container fuhr man mitten in die Wüste und ließ sie dort mehrere Tage lang stehen, während die Milizen von außen Löcher in die Wände schossen. Die Gefangenen ließ man qualvoll verdursten. Nach dem Öffnen der Container – anwesende Journalisten berichteten von einem bestialischen Gestank, eine Mischung aus Blut, Kot und Urin – erschoss man die wenigen Überlebenden.

Dostum beteiligte sich an den Misshandlungen und genoss das Szenario regelrecht. Laut dem pakistanischen Journalisten Ahmed Rashid – bekannt für seinen Bestseller „Taliban“ – gehört das Massaker zu den schlimmsten Verbrechen des Afghanistan-Krieges.

Bin Ladens Gastgeber tritt an

Dass Dostum dafür nicht zur Verantwortung gezogen wird, sondern in den afghanischen Präsidentenpalast einziehen könnte, betrübt viele Afghanen. Dostum, der sich nun wahrscheinlich auf Drängen Ghanis formal für seine Verbrechen entschuldigt hat, ist bei Weitem nicht der einzige Kandidat mit zweifelhafter Vergangenheit.

Von ähnlichem Format ist etwa der paschtunische Warlord Abdul Rasul Sayyaf. Er war derjenige, der Osama bin Laden und dessen al-Qaida nach Afghanistan einlud. Abgesehen davon wird auch er für zahlreiche Verbrechen während des Bürgerkriegs verantwortlich gemacht. Sein Vizepräsident wäre der mächtige tadschikische Kriegsfürst Ismail Khan, einst Gouverneur der Provinz Herat. Dieser würde gern die Bevölkerung für den Kampf gegen die Taliban aufrüsten. Abgesehen davon findet man bei Khan keine Sympathien für Frauenrechte, was vor allem während seiner Amtszeit als Gouverneur deutlich wurde.

Würde nur noch fehlen, dass auch Taliban-Chef Mullah Omar kandidiert. Die Taliban halten aber nichts von den Wahlen und wollen sie auch 2014 boykottieren. Der Wahlleiter der Provinz Kunduz wurde im vergangenen Monat von ihnen erschossen.

*Erstveröffentlichung: Die Presse

3 Gedanken zu „Die Rückkehr der Warlords

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