Alle Jahre wieder und nichts daraus gelernt

Am vergangenen Montag jährten sich zum zwölften Mal die Anschläge des 11.Septembers. Das darauffolgende Jahrzehnt war geprägt von Krieg und Gewalt. Jene Gewalt, die die Türme des World Trade Centers einstürzen ließ, erzeugte eine Gegengewalt, deren Ende bis heute nicht in Sicht ist.

Unter den 9/11-Opfern befand sich auch der Neffe der muslimischen US-Amerikanerin Khudeza Begum. (Foto: Getty Images)

Am Montag gedenkte man nun schon zum zwölften Mal den Opfern der Anschläge auf das World Trade Center. Wie jedes Jahr richtet sich der US-amerikanische Präsident an die Nation und schwingt eine Rede, die meistens voll gespickt ist mit Wörtern wie „Demokratie“, „Freiheit“, „Menschenrechte“ und „Terrorismus“. Diese Zeremonie wäre natürlich nicht vollständig, wenn nicht zum gleichen Zeitpunkt die Verbündeten der Vereinigten Staaten, sprich, die Europäer ein weiteres Mal ihre Solidarität zum Ausdruck bringen würden. Sie wäre unvollständig, wenn Merkel, Hollande und wie sie alle heißen nicht ebenfalls zum zigsten Mal dieselben Floskeln von sich geben würden, wie der smarte Herr im Weißen Haus.

Der 11.September ist gewiss ein Tag des Erinnerns, doch vor allem die letzten Jahre haben auch bewiesen, dass er ein Tag des Vergessens ist. Vergessen werden diesbezüglich vor allem die Ereignisse, die nach den Anschlägen stattfanden. Da wurde zum Beispiel kurz darauf Afghanistan angegriffen. Ein kriegsgeschundenes Land, das weder mit den Anschlägen etwas zu tun hatte, noch bis zum damaligen Zeitpunkt im Fokus der Staatengemeinschaft lag.

Jene, die für die Anschläge verantwortlich gemacht wurden, stammten hingegen nicht aus dem Land am Hindukusch, sondern aus Saudi-Arabien. Obwohl die dortigen Tyrannen grausam herrschen, den Frauen immer noch nicht das Autofahren erlauben und Christen an Flughäfen ihre Bibeln abnehmen, fand bis zum heutigen Tage weder ein Einmarsch, noch sonst irgendein „Befreiungsversuch“ statt.

Kreation der Korruptionsregierung und Irak-Schauspiel

Stattdessen zog man es vor, in Afghanistan jene zu bekämpfen, die man einst im Kampf gegen die Sowjets mit viel Geld und vor allem vielen Scud-Raketen unterstützt hat. Zum gleichen Zeitpunkt unterstützte man Kriegsverbrecher, Drogenbosse und andere Kriminelle. Das Ergebnis war die afghanische Regierung, die man auch heute noch bestaunen kann. Eine Regierung, die vor allem als korrupteste der Welt in die Geschichtsbücher eingehen wird. Von den anderen Problemen, sprich, der Explosion des Opiumanbaus, der höchsten Terrorgefahr, die es je gegeben hat und den zahlreichen „Kollateralschäden“ ganz zu schweigen.

Parallel zu diesem Chaos kam man auf die Idee, den Irak anzugreifen. Auch hier wurden Demokratie, Freiheit und Menschenrechte als Scheinargumente vorgeschoben. Die Krönung des Ganzen war die Darbietung eines US-Außenministers, der vor versammelter Weltrunde gefälschte Beweise – der verhasste Diktator soll ja im Besitz von Massenvernichtungswaffen gewesen sein – präsentierte und damit einen jeden Oscar-Gewinner in den Schatten stellte.

Dass man genau diesen Diktator schon einmal während eines Einsatzes mit eben jenen schrecklichen Waffen unterstützt hat, wurde verdrängt. Diese Tatsache wird man wahrscheinlich nicht nur an jedem 11.September verdrängen, sondern auch sonst an jedem Tag im Jahr.

Irakisierung“ und „Afghanisierung“

Paradox ist auch, dass man am 11.September zwar und zu Recht den 3.000 Opfern des World Trade Centers gedenkt, während man Millionen getöteten Iraker und Afghanen beiseite schiebt. Gegenwärtig erkennt man immer mehr, dass die Zahl der Toten im Irak und Afghanistan kein Ende nimmt, denn der Terror ist präsenter denn je und gehört zum fürchterlichen Alltag.

Während man am Hindukusch weiterhin Hochzeitsgesellschaften bombardierte und die Opfer als „Taliban“ betitelte, zog man es vor, den Irak und das dortige Puppenregime mit der Gewalt allein zu lassen. Das Resultat davon kann man jeden Tag beobachten. So wurden zum Beispiel allein im vergangenen Juli über 600 Menschen durch Anschläge getötet. Der Krieg wurde „irakisiert“, Schiiten und Sunniten fingen immer mehr an, sich gegenseitig an die Kehle zu gehen.

Ähnliches hat man nun in Afghanistan vor. 2014 soll abgezogen werden. Es ist nur allzu offensichtlich, dass auch in diesem Fall von Frieden keine Spur sein wird, sondern lediglich der Krieg „afghanisiert“ wird. Im Fall von Afghanistan werden nicht religiöse Gruppierungen gegeneinander ausgespielt, sondern Ethnien. Wer sich hin und wieder die Sitzungen im afghanischen Parlament anschaut, wird schnell feststellen, wie gespalten die afghanische Gesellschaft zu sein scheint. Einzelne Scharfmacher aus allen Reihen versuchen immer wieder, der jeweils anderen Ethnie die Schuld für das gegenwärtige Szenario in die Schuhe zu schieben.

Pfählung Gaddafis, Mali-Intervention und Kriegsgeschrei gegen Syrien

Was man nicht vergessen darf: Im Schatten all dieser Gewalt wurde seitens des Westens auch in Libyen interveniert. Jener Diktator, der zu den besten Freunden einiger europäischer Staatschefs zählte, wurde nicht nur verjagt, sondern auf offener Straße brutalst ermordet. Libyen, der reichste Staat Afrikas, zerfiel innerhalb weniger Monate. Immer noch herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände. Als Folge des Libyen-Einsatzes wollte der Westen, allen voran Frankreich, auch im westafrikanischen Mali intervenieren. Dort wurden plötzlich jene Kräfte bekämpft, die noch einige Monate zuvor zum Sieg gegen Gaddafi verhalfen.

Und nun, zwölf Jahre nach dem 11.September 2001, drängen die USA wieder einmal auf einen Angriff. Diesmal ist Syrien an der Reihe. Dass der dortige Diktator ein grausamer Tyrann ist, steht außer Frage. Dass es aber nie um ihn ging, ist mehr als offensichtlich. Saudi-Arabien, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate, die auf der Seite der „westlichen Demokraten“ stehen, stehen nämlich Baschar al-Assad in nichts nach.

Dieser Baschar al-Assad wurde jedoch von Anfang an unterschätzt. Er regiert nämlich immer noch in Damaskus. Russland, der Iran und die libanesische Hezbollah sind nicht ganz unverantwortlich dafür. Der Westen setzte im Stellvertreterkrieg in Syrien auf das falsche Pferd und steht heute vor einem Dilemma. Daran hat auch der jüngste Chemiewaffenangriff, dessen Verantwortliche wahrscheinlich nie ausgemacht werden, nichts geändert.

Dass die USA in diesem Fall tatsächlich auf keine Intervention setzen wollen, ist unglaubwürdig. Zu laut war das Kriegsgeschrei der vergangenen Wochen, zu unglaubwürdig waren jegliche Worte in diese Richtung. Dies bewiesen auch die jüngsten Ereignisse. Als das Assad-Regime nämlich mit dem Vorschlag einverstanden war, alle Chemiewaffen unter internationaler Kontrolle zu stellen, meinte US-Außenminister John Kerry, dass der seinerseits gefallene Satz diesbezüglich nur „rhetorisch gemeint war“.

Die USA haben nichts gelernt. Zwölf Jahre nach dem 11.September setzt man immer noch auf Krieg und Gewalt, auf Bomben und Drohnen. Die Werte, die man vorgibt, zu preisen, scheinen zum Allzweckmittel geworden zu sein. Immer wenn es um die eigenen Interessen gehen, sei es nun die politische Vormachtstellung in einer Region oder die lokalen Bodenschätze, müssen sie herhalten. Diese Haltung nahm jedoch keineswegs mit dem 11.September 2001 ihren Lauf. Viel mehr hat sie schon die Hälfte des vergangenen Jahrhunderts geprägt.

Doch nicht überall auf der Welt denkt man am 11.September an New York. Vor genau vierzig Jahren wurde die demokratisch gewählte Regierung Chiles Opfer eines faschistischen Militärputschs. Zehntausende wurden verschleppt, gefoltert und massakriert.

Maßgeblich beteiligt an der Vorbereitung des Putschs waren die US-Regierung, allen voran der ehemalige US-Außenminister und spätere Friedensnobelpreisträger Henry Kissinger. Doch auch über diesen schwarzen Fleck der Geschichte spricht man ungern. Kein Wunder, denn auch heute sieht man einen Friedensnobelpreisträger, der Drohnenmorde anordnet und Kriege erklärt.

 

6 Gedanken zu „Alle Jahre wieder und nichts daraus gelernt

  1. „Diesmal ist Syrien an der Reihe. Dass der dortige Diktator ein grausamer Tyrann ist, steht außer Frage“
    Deshalb kämpfen über 100.000 Soldaten (Sunniten, Schiiten, Christen usw.) unter seinem Befehl für ihr Land. Deshalb demonstrieren weltweit 10.000-de Menschen für ein Syrien unter Bashar al-Assad. Weil er ein Tyrann ist???

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    • die kämpfen, weil sie entweder vom regime profitieren oder erschossen werden, wenn sie’s nicht tun.
      und die, die für ihn weltweit demonstrieren, und da trau ich mich wetten, tun das, weil sie nie unter dem regime leben mussten.

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  2. Es wird auch GERN immer wieder übersehen, daß über 10 Prozent der Opfer der Anschläge auf das WTC muslimische Religionsangehörige waren, darunter ein muslimischer Mann, der bei der Rettung anderer sein Leben opferte. Anstatt diese Tatsachen zu berücksichtigen, hat die New Yorker Polizei (NYPD) alle Moscheen und islamischen Zentren automatisch als terroristische Vereinigungen eingestuft und sich somit den Vorwand verschafft, diese und alle ihre Besucher zu überwachen.

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  3. Diesem auf breiter Ebene argumentierenden Artikel ist nur ungeteilte Zustimmung zu geben! Sehr gut und vielen Dank!

    Womöglich wird es so sein, dass die Urheber des grauenhaften Giftgasanschlages in Syrien niemals ermittelt werden (können); ich persönlich tendiere aber klar zu der Version, dass es die Rebellen waren, welche auch immer. Alles andere beleidigte jeden halbwegs normalen Menschenverstand, da ich Herrn Assad nicht für im Freud’schen Sinne „todessehnsüchtig“ halte, aber jeden fanatisierten Rebellen durchaus für fähig (es gibt ja Beispiele), über ein solches Massaker das militärische Eingreifen des Westens zu erzwingen. Obama hatte mit seiner „roten Linie“ ja sozusagen die Messlatte und mit ihr die Art der Waffen geradezu vorgegeben. Wie Todenhöfer ja aufzählt: Keine kriegerischen (Angriffs-)Handlungen seitens der USA seit dem zweiten Weltkrieg, die nicht (!) mit einer glatten, ja sogar von Werbeagenturen inszenierten Lüge gerechtfertigt wurden!

    Passend zu deinem Artikel auch der vernichtende Artikel der New York Times von Putin zu Obama und den USA:

    http://www.nytimes.com/2013/09/12/opinion/putin-plea-for-caution-from-russia-on-syria.html?_r=0

    Man muss beileibe kein Putin-Freund sein, um trotzdem diesen Artikel geradezu zu genießen! Und überhaupt: Wenn jemand einfach in jedem Punkt bloß Recht hat…, was will man machen?

    Zum Schluss noch ein besonderer Dank, lieber Emran, dass du daran erinnerst, dass der 11. September nicht nur auf das Jahr 2001 in New York verweist, dem in der westlichen Welt fast ausschließlich singulär gedacht wird. Sondern auch auf das Jahr 1973, als in Chile die Demokratie ermordet wurde mit allen Folgen, die du kurz benennst, und dem im großen Rest der Welt besonderes Gedenken zuteil wird! Hierzu noch ergänzend: Der die westliche Welt, vor allem Europa seit etwa drei Jahrzehnten heimsuchende und ruinierende Neoliberalismus, der unsere Demokratien hier aushöhlt und vernichtet fand seinen Ursprung just 1973 unter Diktator Augusto Pinochet – importiert von den USA.

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