Folgen eines gefeierten Putschs – Teil 2

Nachdem in Ägypten erst der Putsch des Militärs gefeiert wurde, hat sich nun die Lage erneut zugespitzt. In den letzten Tagen kam es zu mehreren Massakern gegen friedliche Demonstranten. Seitens der Medien werden diese jedoch weitestgehend relativiert und verharmlost.

Protestszene in Kairo (Foto: AP)

Ein Ende des Chaos am Nil ist gegenwärtig alles andere als absehbar. Nachdem die erste demokratisch gewählte Regierung des Landes vom Militär abgesetzt wurde, begann eine Ära, die an Mubarak-Zeiten erinnert. Politische Gegner – allen voran die Muslimbrüder – werden kaltblütig verfolgt, gefoltert und ermordet. Berichten zufolge soll der ehemalige Präsident Mohammad Morsi in jenes Gefängnis eingeliefert werden, in dem auch Ex-Diktator Mubarak sitzt.

Warum man ein gewähltes Staatsoberhaupt – so unfähig er auch sein gewesen mag – überhaupt mit einem Despoten, der drei Jahrzehnte lang sein Volk unterdrückt und ausgebeutet hat, im gleichen Kerker einsperrt, ist eine andere Frage. Dass sich dadurch die Lage jedoch nicht beruhigen wird, ist offensichtlich. Dies haben vor allem die jüngsten Ereignisse bewiesen.

Zum Höhepunkt des Militärputschs ist es nun im Kairoer Stadtteil Nasr City zu einem Massaker gekommen, welches von zahlreichen Medien – unter anderem auch deutschsprachigen – als „Zusammenstoß zwischen Islamisten und Sicherheitskräften“ betitelt wurde. Die Opferzahlen schwanken. Während die eine Seite von mindestens 120 Todesopfern berichtet, spricht die andere Seite „nur“ von 21 Toten. Fakt ist jedoch, dass zahlreiche weitere Opfer teils schwerverletzt in Krankenhäusern untergebracht sind. Bei den meisten Opfern handelte es sich um unbewaffnete Zivilisten, die gegen den Militärputsch, der von manchen Medien komischerweise immer noch mit Anführungszeichen geschrieben wird, demonstrierten.

Anstatt jedoch das Massaker beim Namen zu nennen, wird weiterhin auf eine subjektive Berichterstattung gesetzt, bei der jegliche Schlagzeile einen nur schlichtweg relativierenden Eindruck macht. So schreibt zum Beispiel Spiegel Online lediglich von „einem Angriff der Sicherheitskräfte“, während auch die taz nur von „Zusammenstößen“ berichtet. Dabei wird schon fast der Eindruck erweckt, dass es sich bei den Toten ja „nur“ um Islamisten, Terroristen oder irgendwelche anderen Radikalen handelt. Dass diese totschlagenden Begriffe wieder einmal im Umlauf sind, ist nicht verwunderlich.

Immerhin hat Armeechef Abdel Fattah al-Sissi, sprich, der oberste Putschist höchstpersönlich, all jene, die gegen ihn und die Militärgewalt demonstrieren, als „Terroristen“ bezeichnet gegen die man vorgehen müsse. Für die Eltern von jenen Kindern, die während der Proteste getötet wurden, ist das keine Entschuldigung.

Die blutigen Ereignisse in Ägypten stellen ein weiteres Mal zur Schau wie mit zweierlei Maß gemessen wird. Man stelle sich vor, eine „islamistische Regierung“ wäre für derartige Gräueltaten verantwortlich. Die Proteste um den Gezi-Park in der Türkei waren in keinster Weise mit den Geschehnissen in Ägypten vergleichbar. Trotzdem waren die Zeitungen voll davon. Doch dieses Mal sind die Verbrecher jene, die sich selbst als säkular und liberal bezeichnen. Anfangs wurde ihr Putsch applaudiert und nun schaut man weg, während Demonstranten malträtiert und massakriert werden.

Auch die Vereinigten Staaten, die sonst gerne von Demokratie und Menschenrechten sprechen, haben zu den jüngsten Bluttaten nichts zu sagen. Kein Wunder, denn als wichtigster Waffenlieferant des ägyptischen Militärs hält man sich lieber zurück und lässt weiterhin die Dollarscheine fließen. Merkwürdigerweise hört man auch von deutschen Politikern wie Grünen-Chefin Claudia Roth, die noch vor einigen Wochen in Istanbul mitdemostrierte und von „Krieg“ sprach, zu den jüngsten Geschehnissen kein Wort. Klare Worte suchte man auch bei Mohammad ElBaradei vergebens, der auf der Seite von Ägyptens Säkularen steht. Der ehemalige IAEA-Chefinspekteur und Friedensnobelpreisträger sprach zwar von „Gewalt“, erwähnte allerdings nicht die blutigen Angriffe der Sicherheitskräfte.

Den Höhepunkt des Zynismus erreichte allerdings Hamed Abdel-Samad, der gerne als Liebling der deutschen Medien in Sachen Nahost und Islam fungiert. Der ägyptisch-stämmige Autor, der unter anderem neben Henryk M. Broder in der ARD-Reihe „Entweder Broder“ bekannt wurde, unterstützte via seines Facebook-Profils die eskalierende Gewalt mit folgendem Wortlaut: „A horrible end is much better than a horror without end.“

Einfach ausgedrückt: Abdel-Samad, der vor den Kameras und in seinen Büchern gerne von Humanismus und Freiheit spricht und von deutschen Muslimen verlangt, das Grundgesetz zu achten, hat kein Problem damit, wenn politische Gegner in seinem Heimatland per Kopfschuss hingerichtet werden. Der „Horror“ von dem er schreibt hat jedoch keines Wegs ein Ende gefunden, sondern erst angefangen.

*aktualisiert am 28.07.2013, 15:06

Ein Gedanke zu „Folgen eines gefeierten Putschs – Teil 2

  1. Lieber Emran,
    Danke für den Artikel und deiner Sicht der Dinge, die sich zur Zeit in Ägybten abspielen.
    Abdel Samad war mir spätestens bei der ersten Sendung von “ Entweder Broder “
    genauso suspekt, wie der Islam Hasser Broder und seine Postille: Die Welt und der Rest
    der Main Stream.

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