Schlagstöcke und Handschellen zu Ramadan

Für eine Gruppe von Muslimen endete ein gemütlicher Abend mit Schlagstöcken, Pfefferspray und Polizeitritten. Die Polizei weist jegliche Verantwortung von sich, obwohl die Zeugenaussagen gegen sie sprechen.

Foto: Colourbox

Nachts gegen halb eins saßen Samir* und seine Freunde vor dem Gebäude einer Zeitarbeitsfirma und genossen die Stille des Abends. Sie kamen gerade aus der nahegelegenen Moschee in Offenbach. Dort fand – wie jede Nacht im Fastenmonat Ramadan – das sogenannte Tarrawih-Gebet statt.

Plötzlich fuhren drei Polizeiwägen herbei. Die Beamten stiegen aus und kamen eilig auf die Gruppe zu. Kurz darauf wurden die jungen Männer allesamt harsch dazu aufgefordert, ihre Personalausweise vorzuweisen. Die Gruppe reagierte gelassen, einige wollten jedoch nicht einsehen, warum man sie jeden Abend in ihrer Wohngegend, sprich, „vor der Haustür“, kontrollieren muss. Es begann eine Diskussion mit den Beamten.

Auf einmal zog einer der Polizisten einen Schlagstock und begann damit um sich zu fuchteln. Er forderte die Gruppe auf, sich an die Wand zu stellen. Obwohl die jungen Männer ruhig waren, herrschte nun unter den Polizisten eine zunehmend aggressivere Stimmung. Einer von ihnen, Omar*, wollte schlichtend wirken: „Ich verstehe zwar nicht, warum sie so unangemessen reagieren, allerdings sind wir weder bewaffnet, noch aggressiv. Sie können mir sogar Handschellen anlegen, wenn Sie das glücklich macht.“

Omar streckte seine Arme demonstrativ aus. Allerdings hat er nicht mit dem gerechnet, was daraufhin passierte. Einer der Beamten packte ihn und nahm ihn in den allseits bekannten Polizeigriff. Dann legte er ihm Handschellen an, extra fest. Obendrauf gab es dann noch einen Faustschlag ins Gesicht. Als daraufhin auch die anderen Jungs der Gruppe emotional reagierten, verloren die Polizisten die Nerven und gingen auch auf diese los. Zum Schluss mussten einige der jungen Männer ins Krankenhaus eingeliefert werden. Die Ausweiskontrolle mutierte zu einem Großeinsatz, mehr als zehn Polizeiwägen waren mittlerweile herbei gestürmt. Die ganze Nachbarschaft war wach.

Samir, Omar und ihre Freunde machen die Polizei für das Szenario verantwortlich. „Jeden Abend wurden wir hier mit sogenannten Routinekontrollen schikaniert. Wir haben es stets stillschweigend geduldet. Doch dieses Mal ging es eindeutig zu weit. Wir waren weder bewaffnet, noch haben wir sonst eine Straftat begangen“, meint der 27-jährige Samir. Des Weiteren sind die jungen Männer der Meinung, dass die Polizei die Gewalt in jener Nacht schon vor Ort herunterspielen wollte, unter anderem mit Aussagen wie „In anderen Ländern würde es euch jetzt viel schlimmer gehen“.

Die Polizei ist da anderer Meinung. Sie streitet alle Vorwürfe ab und spricht von „Widerstand gegen die Staatsgewalt“. In Offenbach spricht man jedoch schon von „islamophoben Motiven“. Die Gruppe bestand hauptsächlich aus Personen mit türkischem und arabischem Migrationshintergrund. „Einige von uns trugen traditionell islamische Kleidung. Die Beamten assoziieren so etwas wohl des Öfteren mit Terrorismus und sonstigen Kriminellen“, erzählt Samir im persönlichen Gespräch.

Mittlerweile hat das Ereignis hohe Welle geschlagen. Vergangenen Freitagabend wurde in Offenbach gegen Polizeigewalt demonstriert. Auch lokale Vertreter von Politik und Medien waren anwesend. Einige Personen aus der Gruppe haben schon Anzeige erstattet. Die Offenbacher Kanzlei Özçelik-Dilci hat sich dem Fall gewidmet und wird die Opfer vertreten. Diese sehen allerdings eher pessimisitsch in die Zukunft und sind der Meinung, dass die Polizei – wie so oft in solchen Fällen – wieder einmal davon kommen wird.

Dass jedoch das Ganze von der Presse aufgefasst wird, liegt Samir und seinen Freunden besonders am Herzen. Immerhin hat ihnen einer der Beamten in jener Nacht „empfohlen“, damit ja nicht zur Presse zu gehen.

*Namen geändert

3 Gedanken zu „Schlagstöcke und Handschellen zu Ramadan

  1. Etwas Ähnliches habe ich über Jugendliche aus einem Pariser Vorort gelesen, die jedesmal, wenn sie die Hauptstadt betreten, von der Polizei kontrolliert werden. Das ist für die Integration sehr kontraproduktiv und macht diese Jugendlichen gewaltbereit, auch wenn sie es vorher nicht gewesen sind.
    Seit dem 11.09.2001 werden auch zum Islam konvertierte Deutsche von der Polizei kontrolliert, wenn sie äußerlich als Muslime erkennbar sind. So werden sie zu „Fremden“ im eigenen Land gemacht, obwohl das Grundgesetz ihnen (angeblich) freie und ungestörte Religionsausübung und freie Entfaltung der Persönlichkeit garantiert.
    Nachdem uns eine Polizeistreife auf einem Autobahnrastplatz kontrolliert hatte, sagte einer der beiden freundlichen Polizisten abschließend: „Wissen Sie, warum wir das tun? – Weil Sie Muslim sind.“ Bei herkunftsdeutschen Muslimen mögen die Polizisten vielleicht freundlich sein, aber die Botschaft ist bei mir angekommen.
    Und wie sieht es in einem dieser Länder aus, wo es einem „viel schlimmer ergeht“? – Als wir abends bereits nach Einbruch der Dunkelheit am Toten Meer – in dem Gebiet, das wegen seiner Grenznähe zum zionistisch besetzten Palästina scharf kontrolliert wird – an einem Militärkontrollposten vorbeikamen und unsere Ausweise, bzw. Aufenthaltserlaubnis, vorzeigen mußten, sagte der kontrollierende Soldat zu mir: „Willkommen in Ihrer zweiten Heimat!“ – Wer sagt das schon zu den Jugendlichen türkischer und arabischer Herkunft in der BRD?

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  2. Ich habe auf meinem Blog ähnlich berichtet und kommentiert.
    Freut mich, dieses Blog gefunden zu haben – ich bin über das MiGAZIN draufgekommen. Es gibt nicht so viele, die pro Migration/Integration bloggen.

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  3. Einen ähnlichen Fall hat es hier auch bei uns in Hamburg-Altona gegeben und irgendwie scheint Polizeigewalt in Moment „in aller Munde“ zu sein. Es müssen eindeutig härtere Maßnahmen gegen zu Gewaltbereite Polizisten geben, denn dieses Verhalten ist absolut nicht vertretbar und besonders nicht für die Hüter unserer Gesetze.

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