Die vergessenen Malalas

Am vergangenen Freitag hielt Malala Yousafzai, jenes Mädchen, welches im vergangenen Jahr von einem Extremisten in den Kopf geschossen wurde, ihre Rede vor der UNO. Der sogenannte „Malala Day“ wurde seitens der Medien ausgiebig gefeiert. Dabei setzte man ein weiteres Mal auf eine oberflächliche Berichterstattung und drängte Hintergrundfakten beiseite.

Malala Yousafzai vor der UN (Foto: EPA)

Mittlerweile wird die sechzehnjährige Malala als „tapferstes Mädchen der Welt“ bezeichnet. Immerhin – so heißt es – war sie es, die sich gegen die Taliban, die in ihrer Heimat, dem Swat-Tal, erhob und weiterhin auf ihr Recht bestand, in die Schule zu gehen. Bis es zu jenem schicksalhaften Tag kam, der das paschtunische Mädchen schlagartig in eine Ikone für Frauen- und Menschenrechte verwandelte.

Damals wie heute wurde der Teufel sehr schnell an die Wand gemalt. Der Feind, sprich, „das Böse“ war schnell gefunden. Wieder einmal mussten die radikalislamischen Taliban herhalten. Es sind immer wieder diese Taliban, die scheinbar für all das Negative in ganz Zentralasien – von Afghanistan bis nach Pakistan – verantwortlich sind. Demnach war es beim Anschlag auf Malala nicht anders.

Die Nutznießer dieses Anschlags ließen sich allerdings keineswegs in den Reihen extremistischer Fanatiker finden, sondern ganz woanders. Neben der pakistanischen Regierung wusste auch der Westen, wie er mit solch einem Ereignis umzugehen hat. Es könne nicht sein, dass junge Mädchen wie Malala mit einer derartigen Gewalt konfrontiert werden. Der Kampf müsse weitergehen, die Terroristen müssten dingfest gemacht werden. Das Schwarz-Weiß-Bild war erstellt.

Für jene jungen Mädchen im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet, die nahezu wöchentlich Opfer von US-Drohnen oder pakistanischen Luftangriffen werden, interessiert sich auch zum jetzigen Zeitpunkt niemand. Gordon Brown, der am Freitag den Tränen nahe war, hat sich über den Schulbesuch dieser toten Mädchen wohl kein einziges Mal Gedanken gemacht. Selbiges gilt für jene pakistanischen Politiker, welche die Bekanntheit des Mädchens regelrecht instrumentalisieren, um ihre eigenen Interessen zu propagieren.

Im Anbetracht dieser Tatsachen werden seitens Medien und Politiker auch zahlreiche weitere Umstände völlig außer Acht gelassen. Ein Beispiel hierfür ist unter anderem Malalas Familienumfeld. Der Vater des Mädchens, Ziauddin Yousafzai, pflegt beste Kontakte zur Awami National Partei (ANP), die zum damaligen Zeitpunkt in der Regierung saß. Die Parteilinie der ANP ist schon seit längerem deutlich. Obwohl sie hauptsächlich aus Paschtunen besteht und immer wieder paschtunisch-nationalistische Töne von sich gibt, ist sie der Regierung in Islamabad treu ergeben.

Laut dem afghanischen Journalisten Hanan Habibzai gehörte die ANP zu den Hauptprofiteuren des Anschlags auf Malala. Die Partei-Führung hatte dank Ziauddin Yousafzai genug Informationen über das Mädchen, welche sie sofort nach dem Anschlag den Medien übermittelte. Durch diese Kampagne lenkte die ANP auch vom eigenen Versagen im Drohnen-Krieg ab. Abgesehen davon wurde der wichtigste politische Gegner der Partei, die PTI (Pakistan Tehrik-e Insaaf) des ehemaligen Cricket-Spielers Imran Khan, dadurch geschwächt. Vor einigen Monaten ging die PTI, die aufgrund ihrer kritischen Haltung zur Drohnen-Politik auch den USA ein Dorn im Auge war, als Verlierer der pakistanischen Parlamentswahlen hervor.

Politischer Missbrauch“ geht weiter

Dies ist nur eine von vielen Tatsachen, die oftmals ausgeleuchtet werden. Malalas Vater steht schon längst im Rampenlicht. Ob in Doha oder in New York, ablichten lässt er sich gerne. Auch während Malalas Rede saß er gemeinsam mit seiner Frau und seinen zwei kleinen Söhnen in der ersten Reihe. Des Weiteren steht ein millionenschwerer Buchvertrag schon seit längerem fest. Dass ein sechzehnjähriges Mädchen da nicht viel mitzureden hat, ist nur allzu offensichtlich. Abgesehen davon sollte man sich generell fragen, wie sehr dem Mädchen die Worte in den Mund gelegt werden. Auch während ihrer Rede fiel das Wort „Terrorist“ auffallend oft. Möglicherweise etwas zu oft.

Das Attentat auf Malala Yousafzai ist durch nichts zu rechtfertigen. An einem feigen Angriff auf ein Kind ist nichts schönzureden. Genauso wenig kann man jedoch leugnen, in was eine Art und Weise das Attentat seitens anderer Akteure ausgenutzt wird. Die Schuld am ganzen Szenario kann man dem Mädchen gewiss nicht geben. Immerhin ist sie ein unschuldiges Kind.

Genauso unschuldig wie jene Kinder, deren Namen niemand kennt. Jene Kinder, die Opfer von Drohnen, Luftangriffen oder gewalttätigen Soldaten geworden sind. Wer kennt schon Abeer Qassim Hamza al-Janabi, jenes Mädchen, das im Irak von fünf US-Soldaten vergewaltigt und danach gemeinsam mit ihrer Familie ermordet wurde? Wer kümmert sich schon um die zweijährige Palwascha, die in Afghanistan vom amoklaufenden Robert Bales getötet wurde?

Sie sind alle Malalas – egal ob in Afghanistan, in Pakistan, im Irak oder sonst wo. Da die Täter jedoch keine „bärtigen Barbaren“ waren, gibt es keine Tage, die nach ihnen benannt werden.

7 Gedanken zu „Die vergessenen Malalas

  1. Man merkt es richtig: Dieser Artikel wurde wohl von einem afghanischen Paschtunen (?) geschrieben. Die können sich selbst nach der vergangenen Terrorherrschaft der Taliban in Afghanistan nicht so ganz von ihrer Liebe zu dieser Terrorbande distanzieren.

    Ja lieber Emran, neben den Verbrechern aka „Mujjahedin“ sind die analphabeten und zurückgebliebenen Steinzeitislamisten aka „Taliban“ für all das Negative verantwortlich.

    Zu den Nutznießern gehören auch zahlreiche Frauen, die sich hoffentlich nun erheben gegen diese talibanischen Höhlenkreaturen!

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  2. Danke für den Artikel – Du hast so recht.
    Noch gefährlicher als die Taliban sind Menschen, die wissen, wo das Böse zuhause ist; denn sie sind verantwortlich dafür, daß es die Brutalität der Taliban überhaupt gibt.
    Die meisten Menschen denken so primitiv wie Banderas, welcher den letzten Kommentar geschrieben hat. Das ist leider so und es ist unsere Aufgabe, weiter aufzuwachen und ein Vorbild für Ehrlichkeit, Authentizität und Lebensfreude zu sein bzw. zu werden, um einen Ausweg aus dem Dilemma von Gut und Böse zu weisen.

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  3. Was ich hier lesen muss, kann ich kaum fassen.
    Als Aufhänger nehmen sie das Schicksal dieses Mädchens (EINES Mädchens) – unzählige andere Mädchen und Frauen, erleben jeden Tag dort schlimmste Unterdrückung und körperliche Mißhandlungen – und alles im Namen des Islams!

    Sie wollen dieses Attentat auf das Mädchen relativieren und sie möchten es am Liebsten noch so darstellen, als sei dies die Schuld des Westens, bzw. der USA.
    Gäbe es diese nicht (die westliche Welt und ihre Denkweise)- sei dies wohl nie passiert?

    Dauernd werden dort Schulen in Brand gesteckt, von den Taliban (übrigens ihres Zeichens gläubige Muslime, die nach dem Koran und dem Vorbild Mohammeds leben!) werden Mädchen und Frauen mit Gewalt daran gehindert, überhaupt eine Schule zu besuchen (Ausnahme wie im Islam üblich: die Koranschule, denn nur dort wird antiwestlich gelehrt und nur im Sinne des Islams gelehrt – Meinungsbildung und Selbstdenken lässt eine Koranschule nicht zu) – sie werden von ihrer eigenen Familie geprügelt (den Vätern, Müttern, Ehemännern) – gar von wildfremden Männern.

    Sie werden bedroht und schließlich beschoßen, bzw. ermordet – und das nur, weil sie ein Recht auf Bildung haben wollen und ein Stückchenweit, einmal gleiches Recht für sich in Anspruch nehmen wollen, wie es für Männer im Islam garantiert ist!

    Ich lese hier eine machohafte, islamisch geprägte Meinung, die sich kein Stück für Menschenrechte (Frauenrechte im Islam) interessiert.

    Was sie hier von sich geben, könnte eine „prima“ – im islamischen Sinne – Predigt, für eine Moschee sein, wie man sie mindestens jeden Freitag überall auf der Welt (so oder so ähnlich) hören kann!

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  6. hi emran,
    in gewisser weise denken wir ähnlich über malala, BUT …
    seit dem ersten krieg der usa 1991 haben wir eine veränderte mediensituation,
    und ich würde das phänomen „malala“ von daher nicht verallgemeinern wollen
    richtig ist, daß sie 16 jahre alt war, heute 17 und man die frage stellen darf, woher
    sie diese weitsicht nimmt, allerdings als medien neutral beobachtend und berichtend, keinesfalls embedded, eine seite einnehmend oder wertend
    lg
    thomas

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