Das „Emirat“ und die Herrschaften in Kabul

Seit letztem Dienstag ist das Verbindungsbüro der Taliban in Katar offiziell eröffnet. Selten war das mediale Echo um die extremistische Gruppierung so groß. Diese genießt gegenwärtig das Rampenlicht und provozierte unter anderem die afghanische Regierung mit diversen „Flaggen-Spielchen“.

Taliban-Sprecher Mullah Naeem in Doha (Foto: EPA)

Als Mohammad Sohail Shaheen, einer der Sprecher des Taliban-Büros in Doha, im Studio des arabischen Nachrichtensenders Al Jazeera saß, hatte er einige Schwierigkeiten mit den F-Lauten. Da das Alphabet des Paschto diesen Konsonant nicht kennt, haben so einige Paschtunen dieses Problem. Aus Wörtern wie „defeated“ wird dann schnell „depeated“. Dies war auch am Dienstag der Fall. Allerdings hat dies nichts an der Tatsache geändert, dass sich der Taliban-Sprecher äußert selbstsicher dargestellt hat.

Shaheen, der unter anderem 2002 vom pakistanischen Geheimdienst ISI verhaftet wurde, genoss den Moment der Zurschaustellung seiner Gruppierung. Auf jede Frage hatte er eine Antwort. Mit einem kurzen Siegerlächeln verkündete er, dass die Taliban gegenwärtig stärker seien als jemals zuvor, während er von Krieg und Frieden gleichzeitig sprach. Schon während seines ersten Auftritts zur offiziellen Pressekonferenz gemeinsam mit seinem Kollegen Mullah Mohammad Naeem wurde schnell klar, dass sich die Taliban verändert haben.

Neue“ Taliban?

Die bewaffnete Gruppierung hat nun einen politischen Arm, der ihre Ziele, so abwegig und unverständlich sie teilweise auch sein mögen, vertritt. Jene Männer, die in der Vergangenheit gerne als barbarische Analphabeten dargestellt wurden, wissen nun, wie sie sich auszudrücken haben. Ihr Englisch ist besser als das von manch afghanischem Parlamentsabgeordneten, sie reisen durch Europa und bezeichnen sich als Vertreter des „Islamischen Emirats Afghanistans“.

Die Flagge dieses Emirats wurde auch in Doha gehisst. Auf provokante Art und Weise. Die Regierung in Kabul war empört. Diese Empörung erreichte ihren Höhepunkt, als die Vereinigten Staaten Interesse an Gesprächen mit den Taliban zeigten. Eine Absprache mit Präsident Karzai fand nicht statt. Daraufhin setzte dieser die Verhandlungen mit den USA aus. Mittlerweile ist die Flagge auf Halbmast. Die Gespräche zwischen den Amerikanern und den Taliban wurden kurzfristig abgesagt. Wie so oft zeigte auch dieses Mal Hamid Karzai erst nach einem Gespräch mit Barack Obama wieder Einsicht.

Währenddessen sind viele Afghanen über den Auftritt der Taliban besorgt. Die Angst, 2014 wieder unter deren Herrschaft zu fallen, ist präsent. Nicht wenige denken, dass sich der Westen 2014 zurückziehen und das afghanische Volk ein weiteres Mal vergessen wird, so wie es nach der Niederlage der Sowjetunion einst der Fall war. Diese Angst ist berechtigt. Allerdings darf man nicht außer Acht lassen, dass die Taliban zu den wichtigsten politischen Akteuren am Hindukusch gehören. Zwölf Jahre lang konnten sie von den den internationalen Truppen und von der afghanischen Armee nicht besiegt werden. Ein Frieden ohne ihre Anteilnahmeist alles andere als realistisch.

Warlords gestern, Warlords heute

Abgesehen davon wird in diesem Zusammenhang oft außer Acht gelassen, warum die Bewegung der Taliban überhaupt entstand. In den 90er-Jahren, zu Zeiten des Afghanischen Bürgerkriegs, war es vor allem die Tyrannei afghanischer Kriegsfürsten und ehemaliger Mudschaheddin-Kommandanten, die das Land erschütterte und dessen Bevölkerung terrorisierte. Während dieser Zeit scharte der damals unbekannte Mullah Mohammad Omar junge Männer um sich, um gekidnappte Mädchen aus den Fängen brutaler Warlords zu befreien. Aus dieser „Robin-Hood-Bewegung“ entstand jene Gruppierung, die sich nun in Doha der Welt präsentiert.

Diese Kriegsfürsten sitzen in der gegenwärtigen Regierung um Hamid Karzai. Wer ihre Verbrechen kennt, die unter anderem von zahlreichen Menschenrechtsorganisationen dokumentiert wurden, weiß, dass sie in nichts jenen der Taliban nachstehen. Empörung und Protest gab es trotzdem wenig, Auch seitens westlicher Politiker und Medien. Stattdessen hofierte man sie und empfing sie in diversen Luxushotels. Nun haben die Taliban ein Büro eröffnet und Journalisten schreiben von einem „Kniefall des Westens“. Tatsächlich fand dieser Kniefall schon 2001 statt, als man sich mit Verbrechern zusammenschloss, um Mullah Omar und seine Kämpfer zu verjagen.

Wer sich die ein oder andere Statistik genauer anschaut, wird unter anderem feststellen, dass sich die Lage seit 2001 kaum verändert hat. Es ist eher das Gegenteil der Fall. Der Opiumanbau, der von den Taliban verboten wurde, ist in Rekordhöhe geschossen, während die Gewalt und Unterdrückung an Frauen weiterhin präsent ist. Da dies auch in Städten wie Kabul, Herat oder Mazar-e Sharif der Fall ist, kann man das Ganze schlecht den Taliban in die Schuhe schieben.

Iran-Kontakte beunruhigen USA

Der afghanische Politologe und Publizist Ahmad Waheed Mozhdah war einst Teil der Taliban-Regierung in Kabul. Bis heute hält er gute Kontakte zu der Gruppierung und ist unter anderem an den Friedensgesprächen beteiligt. Er war schon lange vor der Eröffnung des Büros in Katar. Auch er ist der Meinung, dass ein Frieden ohne die Taliban unmöglich sei und dass sich die Gruppe verändert habe.

„Mittlerweile setzen die Taliban auch auf Diplomatie. Sie haben erkannt, dass sie sich der Welt nicht so präsentieren können wie früher. Deshalb werden auch auf Dinge wie die Bildung der Frau gesetzt“, meint Mozhdah im persönlichen Gespräch. Abgesehen davon betont er, dass die Taliban schon seit längerem einen weiteren Verbündeten im Rücken haben, der den Amerikanern Sorgen bereitet: Den Iran.

Laut Mozhdah haben die Taliban seit 2009 enge Kontakte zum Mullah-Regime in Teheran. Unter anderem haben sie dort sogar ein Verbindungsbüro wie jenes in Katar. Diese Tatsache ist den meisten Medien weitgehend unbekannt. Dass der streng-schiitische Iran mit den radikal-sunnitischen Taliban überhaupt in Kontakt steht, ist auf den ersten Blick nicht nachvollziehbar. Allerdings hat der Mozhdah hierfür eine einfache Erklärung:“Der Feind ihres Feindes ist ihr Freund.“

Diese Verbindung macht Washington zu schaffen. Im Gegensatz zu Pakistan, dem eine starke Nähe zu den Taliban nachgesagt wird und das ein Verbündeter der USA im „Kampf gegen den Terror“ ist, gehört Iran nicht zu jenen Staaten, mit denen sich der Westen gut versteht. Das Thema Pakistan ist ohnehin ein anderes. „Die Pakistaner bekämpfen die Taliban im eigenen Land, behandeln sie wie Dreck und foltern sie in ihren Gefängnissen. Sobald sie jedoch in Afghanistan sind, werden sie unterstützt. In Islamabad pfui, in Kabul hui. Diese scheinheilige Politik betreibt Pakistan schon seit Jahren“, hebt Mozhdah hervor. Die Regierung in Kabul weiß von der Iran-Verbindungen, kann allerdings nichts dagegen machen.

Zum jetzigen Zeitpunkt ist es ungewiss, wie und wann die Friedensgespräche laufen werden. Während die Karzai-Regierung weiterhin wie gewohnt ohnmächtig Zeuge des Geschehens wird, genießen die Taliban immer noch die mediale Aufmerksamkeit. Ob die Flagge des Emirats eines Tages wieder auf Vollmast wehen wird, ist ebenfalls nicht vorhersehbar.

4 Gedanken zu „Das „Emirat“ und die Herrschaften in Kabul

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  2. Meistens sind die Taliban in den westlichen Medien ganz enorm verteufelt worden, und nur selten sind sachliche Berichte zu finden, wie bspw. derjenige eines französischen Journalisten, der einige Tage bei einer Gruppe von Taliban-Kämpfern unter einem lokalen Kommandanten verbracht hat. Als er diese überwiegend einfachen Leute fragte, wofür sie kämpften, antworteten sie, dafür, daß die fremden Truppen aus ihrem Land verschwinden und ihnen nicht ihre islamische Lebensart genommen wird. Von einem bewaldeten Berg aus beschossen sie die im Tal durchfahrenden US- und anderen Militärfahrzeuge, und bisweilen trafen sie eins. Dann bombardierte die US-Luftwaffe das Haus des Kommandanten und tötete dabei dessen Frau und Kinder.

    Sollten die Taliban sich tatsächlich geändert und ihre starre Haltung aufgegeben haben, wonach sie außer ihrer eigenen, häufig extremen Meinung in der islamischen Ordnung („Scharia“) auch andere, „gemäßigtere“ Meinungen akzeptieren, so könnten sie sich damit im Rest der Islamischen Welt viele Sympathien erwerben. Immerhin war unter ihrer Herrschaft zuletzt der Opiumanbau auf ein Minimum gesunken, und es ist erschreckend zu wissen, daß heute, nach der „Befreiung“ Afghanistans dieses Land zum weltweit größten Exporteur von Opium, bzw. Heroin, geworden ist und Afghanen selbst diese Droge nehmen und sogar ihre Kinder damit ruhigstellen. Mit Schulunterricht für Mädchen, einem weitgehend gelockerten Verbot von Frauenarbeit und einer gemäßigten Geschlechtertrennung könnte dort eine vorbildliche islamische Ordnung errichtet werden, die höchstwahrscheinlich von der Mehrheit der afghanischen Bevölkerung begrüßt werden würde, wenn auch die Korruption bekämpft und unter der Herrschaft von Ruhe und Ordnung die Infrastruktur verbessert und die Armut der Landbevölkerung bekämpft werden.

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  3. Der Afghanistan Einsatz war von Anfang an ein Fehler sie sollten lieber mit der Taliban Gespräche führen als sie zu bekämpfen. Man sollte die Meinung der Taliban berücksichtigen sowohl auch von den westen.

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