„Iran will US-Präzenz in Afghanistan loswerden“

Interview mit Ahmad Waheed Mozhdah

2014 ziehen die internationalen Truppen aus Afghanistan ab – und schon vorab kommt in der Region vieles in Bewegung: Die radikal-islamischen Taliban, die von einer US-geführten Koalition 2001 von der Macht vertrieben wurden und seither einen Guerillakrieg gegen die ausländischen Truppen führen, wollen nun mit den USA verhandeln. Doch nicht nur mit ihnen, offensichtlich strecken sie seit geraumer Zeit auch die Fühler in Richtung ihres zweiten Erzfeindes aus, des Regimes im Iran. Teheran soll Ende der 1990er-Jahre sogar erwogen haben, zugunsten der von den Taliban blutig unterdrückten schiitischen Minderheit der Hazara zu intervenieren – und zählte nach dem Sturz der Taliban zu den großen Gewinnern.

EF: Vor Kurzem wurde bekannt, dass die Taliban eine Delegation nach Teheran geschickt haben sollen. Seit wann bestehen die Kontakte zum Iran?

Ahmad Waheed Mozhdah: Man kann davon ausgehen, dass diese Kontakte schon seit 2009 bestehen. 2011 war ich mit Afghanistans Ex-Präsident Burhanuddin Rabbani, der die Friedensverhandlungen mit den Taliban führte, in Teheran. Dort erfuhren wir, dass die Taliban schon seit Längerem Kontakte zum Iran pflegten. Unter anderem haben sie dort auch ein Büro, schon vor ihrer Präsenz in Katar. Im Grunde genommen ist das für uns auch nichts Neues. Es ist nur bemerkenswert, wie sehr die Medien, vor allem die europäischen und US-amerikanischen, das bisher außer Acht gelassen haben.

Die Taliban gelten im Westen als wahhabitisch, also streng sunnitisch nach dem Vorbild Saudiarabien. Wie kann es sein, dass sie nun zum streng schiitischen Iran, dem Erzfeind Saudiarabiens, Kontakt aufgenommen haben?

Das Sprichwort „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ würde in dieser Situation sehr gut den Kern treffen. Jene, die sagen, die Taliban seien Wahhabiten, beweisen, dass sie diese Bewegung nicht kennen. Die Taliban folgen dem strengen Deobandi-Islam, betrachten sich allerdings als Hanefiten wie der Großteil der Muslime weltweit.

Handelt der Iran aus demselben Beweggrund, den Sie genannt haben?

Ja, das tut er. Der Iran will vor allem eines: die US-Präsenz im Nachbarland loswerden. Einst dachte der Iran, dass die Taliban eine Art Marionette Pakistans seien und hielt sich deshalb von ihnen fern. Allerdings erkannte Teheran im Lauf der Zeit, dass die afghanischen Taliban eigenständig handeln und sich als effektiver Gegner im Kampf gegen die westliche Besatzung erwiesen haben. Abgesehen davon will der Iran der islamischen Welt zeigen, dass er nicht nur Schiiten und Alawiten wie das Assad-Regime in Syrien unterstützt, sondern, wenn es darauf ankommt, auch Sunniten.

Die Taliban töten doch in Pakistan, vor allem in der Stadt Quetta, immer wieder zahlreiche Schiiten. Wie kann der Iran es verantworten, diese Gruppierung zu unterstützen?

Hierbei handelt es sich vor allem um die pakistanischen Taliban und um andere radikale Gruppierungen. Man sollte die afghanischen Taliban von den pakistanischen klar unterscheiden. Die Leute um Mullah Omar haben mit den Morden an Schiiten in Pakistan nichts zu tun. Abgesehen davon herrscht dort der sunnitisch-schiitische Konflikt schon sehr lange, schon bevor es die Taliban gab.

Vergangene Woche behauptete der Polizeichef von Kandahar, dass die Taliban iranische Waffen, darunter auch Raketen, benutzen würden und dass davon einiges sichergestellt wurde. Wie glaubwürdig ist das?

Die USA sowie bestimmte Kreise in der Regierung haben dies schon des Öfteren behauptet. Seitens der Taliban wird der Gebrauch von iranischen Waffen jedoch bestritten. Demnach steht Aussage gegen Aussage.

Denken Sie, dass diese Kontakte noch lange bestehen bleiben werden?

Da die USA als Feind des Iran sowie der Taliban gelten, ist es sehr wahrscheinlich, dass diese Verbindung bestehen bleibt. Immerhin haben beide Akteure die gleichen Interessen.

Foto: bamdad.af

 

Ahmad Waheed Mozhdah ist ein afghanischer Publizist und Politologe. In den 1990er-Jahren arbeitete er unter der Taliban-Regierung. Er ist Autor eines in Asien sehr verbreiteten Buches über die Taliban.

 

 

 

*Erstveröffentlichung: DiePresse

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