Erdogans Fratze

Als der sogenannte Arabische Frühling ausbrach, gab der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan vor, sich hinter die Demonstranten zu stellen. Mehrmals wiederholte er, dass die Türkei Gewalt gegen friedliche Proteste strikt ablehne. Vor allem in Bezug auf Syrien nutzte Erdogan diese Rhetorik geschickt für seine Interessen. Nun sind es die eigenen Polizisten, die in Istanbul gewaltsam gegen unbewaffnete Menschen vorgehen.

Protestszene in Istanbul (Foto: Reuters/ Murad Sezer)

Am Freitag wurde am zentral gelegenen Taksim-Platz in Istanbul protestiert. Der Grund: Eine der letzten Grünflächen der Stadt, der Gezi-Park, soll umgestaltet werden. Geplant ist der Wiederaufbau einer Kaserne aus dem 18. Jahrhundert, in der unter anderem ein Einkaufszentrum untergebracht werden soll. Damit wollten sich nicht nur Umweltaktivisten nicht zufrieden geben. Mehr als 5.000 Demonstranten hatten sich bis Donnerstagabend versammelt und verhinderten die Arbeit von Bulldozern. Diese waren damit beschäftigt, Bäume zu entwurzeln.

Die türkische Regierung hat sich von Anfang an stur gezeigt und wollte an den Bauplänen nichts ändern. Stattdessen zog man es vor, Polizeieinheiten in den Park zu schicken, um die Demonstration aufzulösen. Die Situation eskalierte, da seitens der Polizei nicht vor Gewalt zurückgeschreckt wurde. Laut der türkischen Zeitung Today’s Zaman wurden bis zu hundert Demonstranten verletzt, mindestens zwölf von ihnen schwer. Es gab zahlreiche Festnahmen.

Laut Augenzeugenberichten soll die Polizei teilweise in einem regelrechten Gewaltexzess gehandelt haben. Die unbewaffneten Demonstranten wurden mit Tritten und Schlagstöcken malträtiert oder mit Pfefferspray angegriffen. Die Bilder der Polizeigewalt in Istanbul haben schon längst weltweit die Runde gemacht. Allerdings muss man hierbei aufpassen, denn auch zahlreiche Fotomontagen sind im Umlauf. Innerhalb der letzten vierundzwanzig Stunden haben vor allem in sozialen Netzwerken Menschen ihre Solidarität gegenüber den türkischen Demonstranten zum Ausdruck gebracht.

Bemerkenswert ist auch, wie schnell aus diesem Protest, der sich erst nur gegen den Bau eines Einkaufszentrums richtete, eine nicht zu unterschätzende Aktion gegen die türkische Regierung wurde. Die Hauptschuld liegt hierbei vor allem bei der Regierung Erdogans. Laut mehreren Menschenrechtsorganisationen ähnelten die Eingriffe der Polizisten jenen eines typischen Polizeistaates. Schnell kamen Erinnerungen an die Anfänge des Arabischen Frühlings hoch. Mehrere Medien assoziierten die Ereignisse in Istanbul mit jenen am Tahrir-Platz in Kairo.

Ministerpräsident Erdogan, der sich in der Vergangenheit mehrmals mit den Demonstranten in arabischen Staaten solidarisierte, wollte von einer Lösung nichts wissen. „Macht was ihr wollt, wir haben uns entschieden!“, waren seine Worte zu den Protesten und zu den Bauplänen im Gezi-Park. Die Aktionen der Polizei hält Erdogan für richtig. Über die Gewaltexzesse verlor der Ministerpräsident so gut wie keine Worte. Stattdessen warnte er vor „Extremisten“.

Erdogans Haltung bringt eine weiteres Mal seine Doppelmoral zum Vorschein. Diese hatte sich nicht nur im gegenwärtigen Syrien-Krieg verdeutlicht, sondern auch in seinen verbalen Angriffen auf Israel. Der Ministerpräsident ist nämlich vor allem auf Selbstprofilierung aus. Er hat von Anfang an im Kampf gegen den syrischen Machthaber al-Assad Partei ergriffen und kritisierte diesen vor allem für seinen Umgang mit friedlichen Demonstranten. Mit seinem Kollegen Obama ist sich Erdogan schon seit längerem einig, dass al-Assad weg muss.

Des Weiteren unterstützte er die Bewaffnung und Ausbildung von Aufständischen, die plötzlich aus aller Herren Länder in die Türkei pilgerten, um sich für den „heiligen Krieg“ vorzubereiten. Diese Gruppierungen sind nicht nur für unzählige Menschenrechtsverbrechen in Syrien verantwortlich, sondern höchstwahrscheinlich auch für die zwei Angriffe auf türkischem Boden, die dem Assad-Regime in die Schuhe geschoben wurden.

Abgesehen davon hat sich so einiges in zehn Jahren Erdogan getan. Nicht nur die Wirtschaft wurde voran gebracht, sondern auch Meinungs- und Pressefreiheit wurden mit Füßen getreten, während man Minderheiten weiterhin Rechte verweigerte. Zur Krönung des Ganzen stärkte Erdogan während seiner Amtszeit fortlaufend sein eigenes Amt und liebäugelt seit geraumer Zeit mit dem Präsidialsystem der USA.

Für viele Menschen ist Erdogans Machtstreben beunruhigend. Seine Anhänger, unter denen sich auch viele Konservative befinden, feiern ihn hingegen teilweise sogar schon als „Kalifen“. Auch Baschar al-Assad hat in einem Interview gemeint, dass sich Erdogan als „Kalif“ sehe. Vielleicht meint dieser tatsächlich, eine Art „neo-osmanischer Sultan“ zu sein. In weiten Teilen der islamischen Welt genießt er diesen Ruf schon. Es ist kein guter Ruf, denn der „Kalif“ macht schon seit langem die Drecksarbeit des Westens, während er sich als „Beschützer der Muslime“ präsentiert.

Die gegenwärtigen Proteste in der Türkei sind sicherlich nicht mit jenen in Ägypten oder Tunesien vergleichbar. Nur Romantiker sehen hier tatsächlich Parallelen. Erdogan ist kein Diktator wie Mubarak oder Ben-Ali, allerdings sind nicht wenige türkische Staatsbürger mit seinem Kurs unzufrieden. In Istanbul spielt sich keine Revolution ab, jedoch ist die Situation schon jetzt zum Debakel für den Staatschef geworden.

*Veröffentlicht in Hintergrund

16 Gedanken zu „Erdogans Fratze

  1. Pingback: Erdogans Fratze | Schnanky

  2. entschuldige , aber als treue Leserin deines Blogs, distanziere ich mich eindeutig. Hier wird eine eindeutige Unkenntis über die politische Lage in der Türkei an den Tag gelegt.Grobe Fehler, was Vollständigkeit der Darstellung angeht. Dislike.

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  3. Viel zu kurz gegriffen, aber Emran hat seine Meinung anscheinend schon zur türkischen Regierungspartei. Dass hier eine „Protestwelle“ lanciert und aufgebauscht wird von Seiten gewisser Kreise, dass die Türkei immer noch innenpolitisch fragil ist (die ehemalige Elite und das Militär haben sich noch nicht mit den neuen Gegebenheiten abgefunden und dafür ist Ergenekon nur ein Beispiel), und dass die Proteste eben nicht so friedlich abgelaufen sind, wird gern ausgeklammert. Dies ist sicherlich kein Votum für Polizeigewalt, jedoch bin ich auch nicht so blauäugig, wie manch ein anderer. Sag mal, Emran: Bei den Aufständischen in Syrien scheint dir eine Fremdlenkung und Infiltration ja nicht unmöglich, gar plausibel. Bei den „Protestlern“ in der Türkei jedoch scheinst du diese Option nicht mal zu erwägen. Das spricht nicht für deine Kenntnisse der Lage in der Türkei. Wenn du wüsstest, wie es um die Freiheiten in der Türkei vor der AKP bestellt war, würdest du jetzt nicht die Meinungsfreiheit gefährdet sehen. Das ist alles ein Prozess, das Problem ist eben, dass man hier Feingefühl beweisen muss (was Erdogan nicht immer gelingt), aber du hast ja deine Meinung schon gebildet. Sorry, aber in Sachen Türkei kommen wir nicht überein. Erdogan wird sich eben auch nicht die ganze Welt zu Feinden machen, wäre ja auch schön blöd. Er muss sich nun einmal in den Machtverhältnissen auf der Erde zurechtfinden und er biedert sich mitnichten an. Ihm zu unterstellen, dass seine Kritik an Israels Besatzungspolitik nur leere Worte seien, finde ich schon recht unfair. Naja, meiner Meinung nach einer deiner schwachen Artikel

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  4. Was mir persönlich bei der ganzen Thematik auffällt, ist, dass die Pro-Erdogan-Fraktion keine Kritik ertragen kann. Stattdessen wird hier Emran Unkenntnis vorgeworfen, was ich völlig falsch finde. Er hat doch vor ein paar Tagen auch etwas zum Alkoholgesetz in der Türkei geschrieben und eher zu Gunsten der AKP argumentiert, da wart ihr alle dann ruhig und habt applaudiert. Es waren eher die fanatischen Kemalisten, die die Sache mit dem Alkohol kritisch sahen und immer noch sehen. Und jetzt plötzlich – nur weil euch die Meinung und gewisse Fakten nicht passen – labert ihr irgendwas von “zu wenig Fachwissen”…etc.? Das ist doch ein totaler Witz. Ähnliches hatte gestern Ken Jebsen auf seiner Facebook-Seite geschrieben und prompt reagierten unsere türkischen Freunde (AKP-Fans) mit permanentem Beleidigtsein. Etwas Selbstkritik würde nicht schaden.

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    • „…totaler Witz“? Du bist ja sehr bewandert in dem Themenwelt, was?
      Die Türkei hat eine sehr komplizierte Vergangenheit/Gegenwart. Hast du schon in Erwägung gezogen, dass einige Menschen mehr Fachwissen über die Lage in der Türkei besitzen (Menschen mit türkischen Migrationshintergrund?! – die der türkischen Sprach mächtig sind und Zugang/Kontakt zu mehreren Medien/Informationsquellen/Menschen aus der Türkei besitzen).

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  5. Erdogan macht schon lange die Drecksarbeit des Westens.
    Stimme dem zu.
    Israel braucht sich für den Mord an den 9 Türken auf der Marmaris nach Jahren nur entschuldigen, und schon ist die Angelegenheit verziehen und vergessen.
    Diesen Verrat an dem türkischen Volk, werden die Menschen, Erdogan, NIE; verzeihen und
    vergessen.

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      • Hitler war auch kein Diktator. Seine Partei wurde mehrmals mit Werten zwischen 33 und 44 % gewählt. 1935 hatte er traumhafte Zustimmungswerte von 60%. Als Erdogan zurück in der Türkei war haben ihn seine Fans wieder als wahren Meister und Führer gepriesen. Dazu kommen noch Verschwörungstheorien von ausländischen Agenten, die jetzt verbreitet werden. Falls es dort noch kritischer wird hoffe ich dass es einen türkischen Georg Elser gibt. Und das er erfolgreicher ist als der deutsche Elser.

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    • ich brauche deine ausflüchte nicht weiter mit worten zu beachten, denn dein vergleich mit hitler hat dich zur genüge diskreditiert. dass du sowas hier überhaupt stehen lässt, emran. irgendwann ist auch gut.

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