Erdogan und der Alkohol

In der Türkei soll der Verkauf von Alkohol eingeschränkt werden. Kritiker werfen der Regierungspartei eine schleichende Islamisierung vor und tranken in den letzten Tagen aus Protest. Man kann Erdogans Regierung gut und gerne für vielerlei Dinge kritisieren, wer hier jedoch tatsächlich islamistische Einflüsse wittert, ist fehl am Platz.

Türken beim Trinken, diesmal aus Protest. (Foto: AP)

Die türkische Regierung will den nächtlichen Verkauf von Alkohol verbieten. Konkret soll es zwischen 22.00 und 06.00 Uhr nicht mehr erlaubt sein, alkoholische Getränke zu verkaufen. Abgesehen davon soll die zulässige Alkoholschwelle im Straßenverkehr von 1,0 auf 0,5 Promille gesenkt werden. Vor Moscheen soll in Zukunft gar kein Alkohol mehr verkauft werden.

Diese Maßnahmen wurden nicht nur von der türkischen Opposition mit scharfer Kritik aufgenommen. Unter anderem ist die Rede von einer „schleichenden Islamisierung“ sowie das „Aufzwingen eines konservativ-islamischen Lebensstils“. Diesen Eindruck wollen auch westlich-europäische Medien vermitteln, die großteils das Geschehen ebenfalls mit Kritik aufnehmen.

Zugegeben, die türkische Regierung hat seit geraumer Zeit alles andere als einen guten Ruf. Dies betrifft nicht nur außenpolitische Fragen, wie den gegenwärtigen Syrien-Konflikt, sondern auch den Umgang mit Minderheiten sowie der Meinungs- und Pressefreiheit im eigenen Land. Über diese Dinge wird jedoch komischerweise nur selten berichtet. Umso weniger ist es verwunderlich, dass gerade diese Reform von bestimmten Kreisen ausgenutzt wird, um sie mit dem Islam und der Scharia in Verbindung zu bringen.

Was in diesem Kontext oftmals unerwähnt bleibt, ist die Tatsache, dass es derartige Verbote auch in Ländern gibt, die man als „westlich“ und „nicht islamisch geprägt“ bezeichnen kann. Das Paradebeispiel hierfür ist Norwegen. Dort dürfen unter der Woche alkoholische Getränke nur von 8.00 bis 20.00 Uhr verkauft werden. Am Wochenende und an Feiertagen sogar nur bis 18.00 Uhr. Abgesehen davon erhält man in Supermärkten nur Getränke, die maximal 4,5 Prozent Alkohol enthalten. Alles was darüber liegt, sprich, Hochprozentiges, wird in speziellen Alkoholläden verkauft. Die Alkoholschwelle im Straßenverkehr liegt bei 0,1 Promille. Demnach ist die Gesetzeslage im skandinavischen Land sogar um einiges strenger als man es in der Türkei plant.

Nun stellen sich einige die Frage, warum derartig strenge Verbote in Norwegen zum Alltag gehören. Die dortige Regierung ist sicherlich nicht an einer „Islamisierung“ oder ähnlichem interessiert, auch wenn sich vielleicht einige „Verteidiger des Abendlandes“ dies immer wieder einbilden. Viel mehr liegt es auf der Hand, dass man in Nordeuropa – das Alkoholgesetz inSchweden und Finnland ist ebenfalls streng – erkannt hat, was für schwerwiegende Folgen der Konsum von Alkohol für die Gesellschaft haben kann. Damit assoziiert man nicht nur das wöchentliche Komasaufen von Jugendlichen, sondern auch die Tatsache, dass jedes Jahr zahlreiche Menschen durch Alkohol am Steuer den Tod finden.

Nun hat die türkische Regierung ähnlich gehandelt und der Aufschrei ist groß. Natürlich mag es übertrieben sein, dass man in Filmen, Musikvideos und Serien alle Bilder alkoholischer Getränke verpixelt, dennoch ist der Grundgedanke der Alkoholeinschränkung kein falscher. Die Senkung der Alkoholschwelle im Straßenverkehr ist keineswegs „islamistisch“, sondern eine durchaus vernünftige, verkehrspolitische Maßnahme. Auch Warnhinweise auf den Etiketten des mit Abstand gefährlichsten, legalen Rausch- und Suchtmittels erscheinen sinnvoll.

Von all dem wollen allerdings die üblichen „Kritiker“ nichts wissen. Stattdessen wird Stimmung gemacht, indem man ein weiteres Mal islamophobe Vorurteile schürt. Laut dem aktuellen Drogen- und Suchtbericht der deutschen Bundesregierung trinken mehr als 44 Prozent der 18- bis 29-jährigen Männer riskant viel Alkohol. Das Rauschtrinken von Kindern und Jugendlichen ist in Deutschland immer noch verbreitet. An den Folgen übermäßigen Alkoholkonsums sterben jährlich 74.000 Menschen. Über diese Fakten zeigt sich niemand empört. Stattdessen wird mit dem Finger auf die Türkei gezeigt und man empört sich künstlich über Gesetze, die in führenden westlichen Staaten schon längst zum Alltag gehören.

32 Gedanken zu „Erdogan und der Alkohol

  1. Es geht nicht direkt um den Alk, eher um das, was folgt. Jetzt der Fusel, dann kommt die befohlene Geschlechtertrennung, dann die Schleierpflicht, dann vll Musik- und Kinoverbot usw. Wer garantiert, dass es nicht so kommt ?

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  2. Sehr schön zusammengefasst.
    Da versucht man in der TR einfach mal eine Art Angleichung an Gesetze wie sie in anderen Ländern bereits bestehen, und gleich quakt jemand los mit Parolen wie „schleichende Islamisierung“ und so einem Käse.
    Das Alkoholverbot finde ich gut.

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  3. Hat dies auf al-hamdu li-llah rebloggt und kommentierte:
    Ach wenn die Menschen doch nur endlich die Augen öffnen, um zu erkennen, dass diese Droge „Alkohol“ schon längst nicht mehr als harmlos und normal abgestempelt werden sollte. Doch sie wollen nicht sehen, denn sie wollen den Rausch, die Wesensveränderung, die Schädigung im Körper… sie lieben ihr Gift.

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  4. Wer eine „schleichende“ oder offene „Islamisierung“ – oder besser Rückkehr zu einer islamischen Ordnung – eines islamisch geprägten Landes mit einer Bevölkerung, die sich mehrheitlich zum Islam bekennt, kritisiert oder ablehnt, gibt damit zu erkennen, daß er entweder gegen den Islam als solchen ist, oder daß die „Re-Islamisierung“ falsch betrieben wird.
    Es gibt im menschlichen Leben kaum etwas Übleres und Schädlicheres als Alkoholgenuß, dessen negative Erscheinungen und Auswirkungen hier nicht erst erörtert werden müssen. Da sich die meisten Menschen nicht beherrschen können und sich beim Trinken in der Regel nicht auf ein geringes Maß zu beschränken vermögen, hat der Islam für seine Anhänger den Genuß von berauschenden Getränken grundsätzlich verboten, woran kein Zweifel besteht. Alkoholgenuß ist auch keine Privatsache, da in der Regel andere Menschen von den Betrunkenen belästigt oder geschädigt werden.
    Die Türken sollten sich offen für oder gegen den Islam entscheiden, und wenn sie sich für ihn entscheiden, dann müssen sie ihn auch mit allen seinen Regeln und Vorschriften annehmen – es gibt dabei keine halbe Sache, wie im säkularistischen System. Was derzeit in der Türkei geschieht, sieht jedoch mehr danach aus, als ob einige Verantwortliche eine Rückkehr zum Islam wollen, aber dies nicht offen aussprechen und nicht durchführen wollen oder können und deshalb einen Eiertanz aufführen, bei dem solch merkwürdige Dinge herauskommen, wie ein nur teilweises Alkoholverbot, das weder religiös begründet ist noch den islamischen Vorschriften genügt.
    Angesichts der im Beitrag erwähnten Einschränkungen des Alkohlgenusses in den skandinavischen Ländern entlarven sich jene Kritiker, die der türkischen Regierung wegen dieser Verbote eine „Re-Islamisierung“ vorwerfen, tatsächlich als Feinde des Islams. Würden sie objektiv urteilen, müßten sie der Türkei für ihre Annäherung an europäische Verhältnisse ein Lob aussprechen.

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    • Diese Antwort von Lynx zeigt ganz gut das Problem vieler religiöser Menschen: ihren Hang zum Illiberalen, zum Undemokratischen, zum Zwang. Lynx sieht ein islamisches Gebot und richtet danach seine Argumentation aus. Das ist aufklärungs- und geistesfeindlich, es ist kindisch. Ob Alkohol gefährlich ist oder nicht, ist nicht die Frage, es sollte dem Einzelnen überlassen bleiben, wie er damit umgeht. Aufklärung seitens des Staates ist sinnvoll, aber keine generellen Verbote.

      „Die Türken sollten sich offen für oder gegen den Islam entscheiden, und wenn sie sich für ihn entscheiden, dann müssen sie ihn auch mit allen seinen Regeln und Vorschriften annehmen – es gibt dabei keine halbe Sache, wie im säkularistischen System. “

      Auch dieser Satz verrät die ganze Problematik des Denkens. „Die Türken“ gibt es nicht und es gibt schon gar keine Pflicht, dass sich eine ganze Gesellschaft für oder gegen eine Religion entscheidet. Und „alle Regeln und Vorschriften“ zeigt mal wieder, worum es geht: Um Gehorsam, um Buckeln vor der Obrigkeit, die in diesem Fall eben Allah und Islam genannt wird. „Keine halben Sachen“: damit begründet übrigens jeder Diktator sein Treiben.

      Hier zeigt sich auch die Problematik des Islam in Deutschland. Solange solche Meinungen vorherrschen, braucht man sich über Angst vor dem Islam nicht zu wundern. Freiheit bedeutet diesen Leuten offenbar wenig, Gehorsam in einem hierarchischen System sehr viel.

      Der Rest des Postings zeigt ebenfalls eine gewisse Beschränktheit, wie ich sie bei Moslems (und generell bei Religiösen) öfter beobachte, ähnlich wie dem, was ich im ersten Absatz schrieb: Das Problem oder der Sachverhalt wird nicht einigermaßen vorurteilsfrei gesehen, sondern es muss immer islamkompatibel sein. Da Mohammed offenbar aus irgendwelchen Gründen keinen Alkohol konsumierte, muss man eben heute Gründe für dieses Verhalten finden (Menschen sind unbeherrscht, andere werden gestört).

      Das Geistfeindliche und die Zwangssysteme in den abrahamitischen Religionen sind das Problem.

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      • Ich gebe Ihnen im vollen Umfang Recht, was die Hauptthesen des aufklärerischen Teils Ihres Kommentars anbetrifft. Verständnis für alles Weitere habe ich sowieso. Ihr Kommentar ist auch in keiner Weise islamophob, was vielleicht @Lynx herauslesen würde.
        Was mir fehlt: Ihre echte Anerkenntnis, dass etwa 3,7 Milliarden Menschen auf diesem Globus eben diesen abrahamitischen Religionen anhängen – und wir mit ihnen, ob gläubig oder nicht und ob es uns passt oder nicht, in gegenseitiger Anerkennung zu leben haben. Respekt wäre dann der Begriff, den ich noch über die Anerkennung setzen würde. Mit Ihrer demokratisch aufgeklärten agnostischen oder atheistischen Haltung kommen wir da wahrscheinlich auch nicht weiter, da Religionen, besonders die abrahamitischen vor allem innerhalb völlig anderer Kontexte in jedem Lebensbereich stattfinden und wir das zu akzeptieren haben. Beide Seiten tun sich mit dieser Akzeptanz leider sehr schwer.
        Allerdings: Diese leider weit verbreitete chauvinistische islamische Weltsicht, wie sie @Lynx vertritt, oder eine us-evangelikale Version davon usw. sind mir ein Gräuel und stellen ein tatsächliches Problem dar.

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      • Reyes,
        3,7 Milliarden. Rein zahlenmäßig stimmt das wohl, aber es gibt ja erhebliche Unterschiede in der Intensität des Glaubens, insofern ist das keine heterogene Gruppe. In Deutschland sind die meisten Christen ja realiter nicht praktizierend. Generell hatle ich alle abrahamitischen Religionen für fruchtbar, für lebenswert, für interessant, aber eben nur, wenn sowohl Bibel als auch Talmud und Torah und Koran nicht ernsthaft als Schriften Gottes betrachtet werden. Diesen banalen Gott, der einem vorschreibt, ob man Alkohohl trinken darf und ähnliches, gibt es natürlich nicht. Das sind schlicht die Vorstellungen der damaligen Zeit, in denen die Werke geschrieben wurden. Der Mensch hat die Anlage, das zu erkennen und spätestens seit Kant kann sich auch niemand mehr herausreden, wenn er aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit nicht herauskommt.

        Wenn man die Werke aber als lesenswerte, interessante, aufschlussreiche, bewegende und wichtige Bücher wahrnimmt, dann ist das schon etwas anderes.

        Es ist diese Art des Argumentierens, die Menschen dümmer macht, als sie sein müssen, wenn man zuerst vom Verbot des Alkohols im Koran liest und sich dann überlegt, welche Gründe heue dafür sprechen. Hätte Mohammed aus irgendeinem Grund gerne einen Raki getrunken, würden die muslimischen Kommentatoren hier im Blog mit der gleichen Inbrunst die Vorzüge des Alkohols beschreiben: lockere Stimmung, wärmendes Gefühl, Entspannung, Menschen kommen zusammen, verstehen sich etc. Alles kein Problem.

        Ich stelle mir einen Moslem vor, der in Deutschland aufgewachsen ist, in einer Weingegend, in der der Wein um das Dorf herum wächst und es schlicht eine gängige kulturelle Angelegenheit ist, ihn zu kosten. Dieser Moslem soll ein Viertel Wein also nicht trinken dürfen. weil jemand vor 1400 Jahren der Meinung war, das man das nicht machen soll.

        Das ist hochgradig absurd. Die Welt dreht sich weiter umd Mohammed ist tot. Egal, wie toll und weise er war, er war nur ein Mensch. Nicht mehr und nicht weniger.

        Das ist halt der Knackpunkt dieser Gläubigen. Ich vermute, sie wissen alle, dass es keinen Gott in dieser banalen Form gibt, der einem das Viertel Wein verbietet. Aber sie wollen sich diese Erkenntnis nicht eingestehen. Denn es würde bedeuten, selbst mehr Verantwortung für sich zu tragen. Das ist anstrengend.

        Schade. Aber die sollen machen, was sie wollen, also eben keinen Wein trinken. Aber bitte nicht anderen das verbieten wollen, und diese Haltung lese ich bei Gläubigen immer wieder heraus. Das liegt vermutlich ursächlich im imperialistischen Charakter von Christentum und Islam, wenn von Mission und Dschihad die Rede ist. Wer sich im Besitz der absoluten Wahrheit wähnt, sieht verständlicherweise kein Problem darin, diese zu verbreiten.

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      • Merken Sie eigentlich nicht, wie chauvinistisch Sie selbst in Ihrer langen Reihe der Argumentation sind? Und zwar ein klassischer Kant’scher Chauvinist, ein Chauvinist der Aufklärung. Sie erheben in einer im Ton ständig Ihren Text begleitenden, zwar milden, aber dennoch mitschwingenden Überheblichkeit den Anspruch, nun Ihrerseits die Wahrheit mit Löffeln gefressen zu haben. Zudem diffamieren Sie hier mit einer geradezu nassforschen Lockerheit alle religiösen Menschen als „dumm“, die sich erlauben, andere Wahrheiten als die der westlichen Aufklärung für sich gelten zu lassen. Ich kann mithin leider keinen großen Unterschied zu einem Christen oder Moslem erkennen, der von seiner/seiner anderen Wahrheit spricht. Und ich würde mir, im Gegensatz zu Ihnen, niemals anmaßen, anderen Menschen eine spirituelle Wirklichkeit abzusprechen, nur weil ich persönlich sie nicht gemacht habe. Wie schräg ist das denn? Last not least schwingt in Ihrem Text auch so eine gönnerhafte Toleranz mit, die mit echter Akzeptanz oder gar mit Respekt vor der jeweiligen Wahrheit des anderen nur wenig zu tun hat.
        Ihrer Analyse selbst ist zu weiten Teilen völlig zuzustimmen, leider demolieren Sie sie durch Ihren überheblichen Aufklärungschauvinismus gewaltig. Auf diese Weise hätte ich als Gläubige allerdings auch keinen Bock auf einen Dialog mit Ihnen. Ist ja wohl klar. Deshalb meinte ich in meinem letzten Kommetar schon, dass es so nicht gehen wird.
        Ach ja: Ich selbst gehöre keiner der genannten und auch nicht genannten Religionen an.

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      • Uiuiui,
        jetzt bin ich also chauvinistisch und so böse wie meine schlimmsten Feinde, radikale Religiöse und wie Sarrazin. Du weißt offenbar ganz gut, wie man den Diskutanden nachhaltig diskreditiert.

        Ich vermute, du hast von Kant nicht viel verstanden. Der erhebt sich nicht über Gläubige, sondern ist nur der Meinung, dass diese nicht über ihre Möglichkeiten hinausgehen sollten. Also nicht im Namen Gottes alles Mögliche auf der Erde fordern und damit andere Menschen beeinträchtigen. Nichts anderes sage ich. Die Forderung, man solle dies oder jenes in der Gesellschaft verändern, weil Gott es so wolle, ist eine, die man in einer Gesellschaft, die aufgeklärt sein will, nicht akzeptieren kann. Da braucht es bessere Gründe. Das ist wohl der fundamentale Unterschied zwischen Religiösen und Leuten wie mir.

        Kritik an Kants Positionen kann man sicher auch üben, aber vielleicht eher an dem, was aus Kant gemacht wurde. Vielleicht auch an Kant selbst, ich weiß es nicht. In der Form, in der ich mit Kant hier argumentiere, aber nicht, meine ich.

        Unter „dumm“ verstehe ich nicht die Sarrazinsche Haltung, jemand habe die falschen Gene oder glaube an den falschen Gott, sondern es ist so, dass wir alle dumm geboren werden, manche aber nichts dazu lernen wollen, sich ihres Verstandes nicht bedienen. Religiöse sind für diese Dummheit naturgemäß anfällig. Sie sind aber auch in der Lage, an sich zu arbeiten. Die Verantwortung müssen sie selbst für sich übernehmen.

        Ich bin aber kein genereller Verteidiger der westlichen Aufklärung, die dialektiksch regelmäßig in Irrationalismus umschlug, bis hin zu Auschwitz. Ob Kolonialkriege, Umweltzerstörung, die Anpassung des Menschen an die Erfordernisse des Kapitalismus etc. ist natürlich zu kritisieren. Und Religion kann dabei vielleicht helfen, wenn sie sagt, dass es etwas jenseits der ratio gibt. Aber bitte nicht so, wie das jahrhundertelang lief: Die Katholiken als weltliche Macht, die sich spirituell tarnt, sonst nichts. Bei den Moslems sehe ich das ähnlich, Nordafrika, Saudi-Arabien, Iran, man kann hinschauen, wo man will, überall wird ein Allah instrumental eingesetzt, um Macht zu erlangen.

        Mir war der Islam bei meinen Besuchen in Kairo immer irgendwie sympathisch, weil ich die Menschen dort als angenehm relaxed empfunden habe. Aber eben nur dann, wenn kein Machtanspruch dahintersteht. Gerade dort kann man lernen, wie das läuft: Eine extrem reiche Elite ist westlich orientiert und weist die Ansprüche der Masse auf diesen westlichen Standard ab. Die orientieren sich dann anders, nämlich religiös. Das macht die Religion aber nicht harmloser.

        Das selbstreflexive Moment der Aufklärung gilt es zu stärken, so im Sinne von Adorno und Horkheimer. Und die waren die letzten, die sich gegen Religion generell ausgesprochen hätten. Doch Christentum und Islam sind nun historisch so oft als politisch regressiv aufgefallen, da müssen sich deren Anhänger schon etwas anhören. Das sind keine Unschuldslämmer.

        Aber ich habe meinen Standpunkt nun deutlich gemacht, denke ich. Wenn du, Reyes, das für chauvinistisch hältst, so nehme ich das hin. Vielleicht ist da auch etwas dran. Das kann wohl passieren, wenn mir jemand hier in Deutschland erzählt, was „Gottes Wille“ sei. Ich muss über sowas in der Tat schmunzeln, ohne aber diesen Gläubigen drangsalieren zu wollen.

        Das Schmunzeln aber möge man mir nachsehen. Anders verhält es sich in anderen Gesellschaften und Kulturen. Da ist Respekt auch gegenüber unterkomplexen Ansichten angesagt.

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      • Lieber genova68,

        zunächst (das meine ich völlig jenseits unserer Diskussionsebene) möchte ich nicht, dass Sie mich einfach duzen, wenn ich Ihnen mit einem Sie begegnet bin. Das ist unhöflich. Darüber hinaus bin ich definitiv zu alt dafür.

        Im Ganzen aber vielen Dank für Ihre nun nochmals ausführlichere Argumentation, die ich mit Interesse gelesen habe und die ich in ihrer Differenziertheit, Klarheit und intellektuellem Anspruch wirklich sehr ansprechend finde. Ich stelle mich aber gewiss nicht bewusst doof, wenn ich mich trotz allem frage, von was Sie mich eigentlich überzeugen wollen? Ich hatte in allen meinen bisherigen Kommentaren doch klar zu erkennen gegeben, dass ich Ihre Analyse der Problematik und Ihrer Argumentation an sich nahezu vollständig folge und sie vor allem als richtig anerkenne. Ich wüsste Ihrer Argumentation auch nicht viel hinzuzufügen. Ebenso bin ich, wie wohl auch Sie, im Sinne der Aufklärung erzogen worden und komme aus einem klar religionsfernen Elternhaus. Sie können sich denken, dass die argentinische Linke, aus der ich stamme, namentlich zur katholischen Kirche nicht zwingend ein besonders inniges Verhältnis pflegen konnte oder heute pflegte (den Peronismus sollte man ja schließlich nicht als genuin Links verorten!). Mithin: Alles, was Sie schreiben, ja, sogar auch Kant, mit dem ich mich auch tatsächlich früher auseinandergesetzt habe, sind mir wohl vertraut, selbst Adorno und Horkheimer wurden mir im späteren Leben nach meiner dauerhaften Übersiedlung nach Deutschland zum nicht nur auditiven Begriff.

        Auf der anderen Seite habe ich mich viel mit Religionen, spirituellen Traditionen, überhaupt mit Lebens- und Erfahrungswelten jenseits des Rational-Kognitiven befasst und dabei natürlich viele Menschen aus diesen Bereichen kennen, zu respektieren, auch zu bewundern gelernt. Um es kurz zu machen: Das Ergebnis ist, dass ich alle diese verschiedenen (darunter zutiefst beeindruckende) Wahrnehmungsphänome als völlig gleichwertig neben meinem – sehr politischen – Wahrnehmungsfokus gelten lasse und keine zulasten einer anderen als überlegen akzeptieren kann und möchte. Dazu noch dies: Zwar ist das Gegenstück zur Rationalität die Irrationalität, wobei in der Nutzung dieser Begriffe klar ist, dass der erste überwiegend positiv und der zweite überwiegend negativ konnotiert ist! Dies nur, weil Sie sie verwenden.
        Nun hatte ich bei Ihnen eben doch diesen Aufklärungschauvinismus (es gibt ihn ja wirklich!) herausgelesen, den ich, wie gesagt, als nicht zielführend von „unserer Seite“ aus erachte. Ganz im Gegenteil. Der erste Absatz Ihrer Replik ist sicher Ihrem Unmut über meine Kritik an Ihnen geschuldet, da ich Sie selbstverständlich weder mit den von Ihnen Genannten noch mit irgendwen anderem vergleichen wollte.

        Ich denke, dieser Absatz aus Ihrer Replik verdeutlicht sehr anschaulich das/Ihr Dilemma: „Unter “dumm” verstehe ich nicht die Sarrazinsche Haltung, jemand habe die falschen Gene oder glaube an den falschen Gott, sondern es ist so, dass wir alle dumm geboren werden, manche aber nichts dazu lernen wollen, sich ihres Verstandes nicht bedienen. Religiöse sind für diese Dummheit naturgemäß anfällig. Sie sind aber auch in der Lage, an sich zu arbeiten. Die Verantwortung müssen sie selbst für sich übernehmen.“ Zitat Ende.

        Hier distanzieren Sie sich zwar von einer Sarrazin’schen Haltung (wer hätte das auch nur ansatzweise vermutet?!?), bleiben aber ohne jede Reflektion bei Ihrem, dem aufgeklärt Kant’schen Weltbild, das Sie mal locker so eben als allgemein verbindliche Weltsicht konstatieren. (Obwohl Sie der Aufklärung an anderer Stelle dankenswerterweise auch einige kritische Anmerkungen gönnen!) Das ist chauvinistisch, lieber genova68, seien Sie bitte nicht böse! Sie akzeptieren an keiner Stelle, dass es schlicht und einfach auch andere Wahrheitswelten gibt, die Sie anerkennen können, in denen die Philosophie eines Immanuel Kant keinerlei Bedeutung hat und völlig zurecht nicht hat! Und in denen, nebenbei gesagt, dann Sie der „Dumme“ sind, der „Schlafende“ aufgrund Ihrer singulären und damit defizitären rationalen Wahrnehmung des Lebens. Sehen Sie, es ist eben genau diese (von Ihnen sicher nicht so empfundene, das glaube ich Ihnen ja) Überheblichkeit des dogmatischen (Voraus-)Setzens einer (hier: westlichen) Philosophie, mit der Sie niemals in einen echten Dialog mit denen treten können, die aus einer dieser anderen Lebenswelten oder Kontexten, wie ich schon oben schrieb, kommen – und die, wiederum aus ihrer Perspektive heraus prinzipiell dasselbe tun wie Sie. (Ausgenommen des Buddhismus) Wie sollte das gehen? Es ist dies auch der Grund, warum ich bei Ihnen wirkliche Anerkennung oder gar Respekt diesen anderen Philosophien gegenüber nicht zwingend finde. Und natürlich umgekehrt. Und klar: Ich kenne natürlich keine Kant-Terroristen, die im Namen Immanuel Kants mordend und zerstörend durch die Welt zögen! Deshalb haben Sie auch völlig Recht, dass (vor allem abrahamitische) Religionen und Macht ein ganz und gar gefährliches Gemisch ergeben. Doch dieses Thema bedürfte einer eigenen Erörterung.

        Nun ja, wie wir ja wissen, streiten sich am eitelsten und leidenschaftlichsten immer diejenigen, die eigentlich der gleichen Meinung sind! Zumindest ist das unter Linken so. Ob auch Sie sich (ich sowieso) damit gemeint fühlen, bleibt natürlich Ihnen überlassen.

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    • Zitat:. „Alkoholgenuß ist auch keine Privatsache, da in der Regel andere Menschen von den Betrunkenen belästigt oder geschädigt werden.“

      Das halte ich für eine falsche Verallgemeinerung!

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  5. Die entscheidende Aussage deines Artikels jenseits von gefährlichen Kotzbrocken wie Erdogan und seiner Regierung ist ja klar herausgearbeitet: Jeder Versuch, die Droge Alkohol in einer Gesellschaft zu regulieren ist per se sinnvoll, vernünftig und sogar die Pflicht jeder Politik – und hat zunächst mit dem Islam oder einer Islamisierung selbstverständlich nichts zu tun! Wie das in der Türkei nun genau zu beurteilen ist, das vermag ich nicht einzuschätzen und vertraue deshalb auf dein Urteil, lieber Emran. Allerdings ist diese stereotype Islamdresche schon wieder bezeichnend, die eine solche Meldung aus der Türkei auslöst. „The same procedure as…“ natürlich.

    Fakt ist, dass es so gut wie keine vernünftigen Gründe für sehr alkoholpermitive Gesellschaften wie z.B. auch der unseren gibt, in der in einem südlichen Bundesland Alkohol sogar als Grundnahrungsmittel gilt, aber Dutzendweise Gründe, die für eine noch wesentlich strengere Regulierung bzw. Reglementierung sprechen. Du hast ja die wichtigsten genannt. Und bitte, bitte, nehme niemand diesen seit langem jeder Seriosität beraubten neoliberalen Freiheitsbegriff als ein Argument pro Alkohol! So wie „Freie Fahrt für freie Bürger!“. Wer allerdings will, sollte natürlich jederzeit das Recht haben, sich daheim tot zu saufen. Daheim. Eine Gesellschaft wie diese, in der man erstaunt angeglotzt wird, wenn man nicht mittrinkt, ist auch an dieser Stelle krank, wo sie andererseits wesentlich substantiell harmlosere Drogen wie Marihuana kriminalisiert. Ethylalkohol, mal so nebenbei, ist im selben Konzentrationsvergleich übrigens weit gefährlicher als beispielsweise Heroin. Das heißt, dass Alkohol von Seiten des Staates als gefährliche Droge, die er definitiv ist, behandelt werden muss. Welche Regeln sich dann die jeweilige Gesellschaft gibt, darüber lässt sich trefflich streiten. Die skandinavischen Länder sind aber auf jeden Fall gute Vorbilder. Die Erkenntnis, dass gerade dort auf Teufel komm‘ raus gesoffen wird, hat freilich mit der strengen Reglementierung von Alkohol nichts zu tun. Ein beliebtes Scheinargument. Wer dies oder anderes mehr zum Thema Alkohol wissen will (so wie auch die Widerlegung des Märchens von Marihuana als Einstiegsdroge), findet in Google einen wunderbaren Wegweiser durch die Untiefen dieser legalen Superdroge.

    Ob nun die Türkei oder wer auch immer: Jede staatliche ideologiefreie (!) Reglementierung von Alkohol ist sinnvoll und Pflicht staatlicher Fürsorge! Mein persönliches Credo nach vielen Jahrzehnten auf diesem Globus inkl. auch mit an Drogen reichem Erfahrungsschatz ist dementsprechend: Nüchternheit ist definitiv der geilste Kick, den man sich reinziehen kann!

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    • soso, erdogan ist ein kotzbrocken. sehr feinsinnige und begründete charakterisierung eines politikers der für die türkei und die region mehr als genug geleistet hat. beindruckend.

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      • Selbstverständlich ist er das, lieber AliBarbar! Ein gefährlicher Machtpolitiker erster Güte! Dass Sie als türkischer Nationalist das anders sehen, das verstehe ich andererseits natürlich.

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    • weit gefehlt. ich bin das genaue gegenteil eines nationalisten. aber sie scheinen mich ja genauesten durchschaut zu haben. dass er sich in der machpolitik bewiesen hat, ist grund, warum er überlebt hat. das rechne ich ihm sogar an, anstatt es ihm anzulasten. er bringt die türkei voran und sorgt dafür, dass das land sich stück für stück von seinen altlasten befreit und zudem souveränität und selbstbewusstsein erlangt. natürlich ist nicht alles gut, das er tut, und er wird es sicherlich nicht allen recht machen. vor allem den ehemaligen eliten und wirklichen nationalisten nicht, aber er hat mehr gutes für das land getan, als die regierungschefs der letzten 30-40 jahre vor ihm zusammen. ihn also als kotzbrocken zu bezeichnen, ist doch etwas sehr kurz gegriffen und genügt seiner strahlkraft und seinem einfluss auf die entwicklung der modernen türkei in keiner weise.

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      • Jetzt seien Sie mal nicht so empfindlich und dünnhäutig, das steht gerade Ihnen nicht.

        Dass Sie ein türkischer Nationalist sind, steht doch für jeden, der des Lesens mächtig ist, völlig außer Frage! Doch das „genaue Gegenteil“ zu sein, flüstert Ihnen Ihre verzerrte Selbstsicht ein. Wie bitte? Sie und ein Internationalist? Das grenzt ja an Beleidigung mir und den anderen Lesern gegenüber. Aber ach, es ist halt immer wieder eine Krux mit dem krassen Auseinanderklaffen von Selbst- und Fremdsicht.
        Schauen Sie, wenn ich Sie einen türkischen Nationalisten nenne, dann ziele ich mitnichten auf irgendeine Gruppe in oder außerhalb der Türkei ab, die sich selbst so nennen mag oder von anderen so genannt wird und die Sie evtl. nicht mögen. Ich meine das völlig neutral und halte mich nur an das, was Sie mir hier in Emrans Blog vorlegen. Und das ist schlicht und einfach nationalistisch. Wie selbstverständlich auch Ihr neuer Text. Ich verstehe auch nicht, was besonders Ehrrühriges und Beleidigendes an einem (türkischen) Nationalisten sein sollte und warum Sie sich überhaupt so dagegen wehren? Sehen Sie, Hugo Chávez, den ich sehr verehre, war ein bekennender venezolanischer Nationalist vom Scheitel bis zur Sohle. Ich habe also überhaupt nichts gegen Nationalisten per se. Alle großen Internationalisten dieser Welt sind gleichzeitig auch immer Nationalisten!
        Ich liebe die Türkei, ich mag das türkische Volk, ich liebe vor allem auch das türkische Essen – und dass ich einige uralte spirituelle Traditionen aus Ihrem Land hoch ehre, das wissen Sie ja schon. Mir gefällt bloß Ihr von Ihnen immer so leidenschaftlich verteidigter Herr Erdogan nicht. Das ist alles. Was Sie oben also alles an Wohltaten aufzählen, die Erdogan über Ihr Land gebracht hat, das mag ich Ihnen alles glauben. Bloß – ich bin keine Türkin. Deshalb kann und soll mir das sogar im Gegensatz zu Ihnen auch völlig gleichgültig sein.

        Erdogan ist für mich ein Kotzbrocken (dies die höfliche Variante!), wenn ich mir nur als Beispiel seine Rolle im Syrien-Konflikt ansehe, verehrter AliBarbar. Seinen allein aus eiskaltem Machtkalkül heraus gepflegten Kuschelkurs mit Israel, seinen Komplott mit den USA und Frankreich, Assad zu ermorden (ich bin kein Freund Assads!), seine ungeklärte Rolle in der Sarin-Sache, sein engen Beziehungen zu den USA oder die lächerlichen, die Öffentlichkeit verspottende Begründung für die Patriot-Anforderung inkl. Soldaten aus Deutschland usw. usf. Dies ließe sich lang fortsetzen.

        Und nochmal: Ich bitte Sie, was sollten mich, jemanden aus dem fernen Südamerika irgendwelche innerstaatlichen Positiva eines türkischen Staatschefs angehen, wenn derselbe auf internationalem (!) Parkett eine gefährliche, unrühmliche und skrupellose Machtpolitik betreibt? Wie gesagt, der Kotzbrocken ist die höfliche Variante! Extra für Sie.

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    • Zuallererst: Ich komm schon mit Ihrem Vorwurf klar. Ich muss ihn jedoch weiterhin entschieden von mir weisen. Nationalismus ist unvereinbar mit dem Islam. Ich bin ein Muslim, der seine Religion zumindest in den elementaren Dingen erfasst hat. Ich bin allenfalls Patriot, aber auch nicht ausgeprägt, schließlich schlummern zwei „Seelen“ in mir. Ich fühle mich Deutschland in gleicher Weise zugehörig wie der Türkei. Ich weiß ja nicht, was Sie unter Nationalismus verstehen – wobei mich die Gleichsetzung zum Internationalismus geradezu verwirrt -, aber ich habe diese Definition gefunden, die den Begriff sehr gut definiert:
      „Politische Ideologie, die Ruhm, Wohlergehen, Macht und meist auch Überlegenheit der eigenen Nation in den Mittelpunkt stellt“.
      Ich würde EINZIG das Wohlergehen meiner türkischen Heimat für mich als Teil dieser Definition geltend machen. Alles andere ist nicht meine Ideologie.
      Nationalismus geht meist mit Hochmut, Wettbewerb und rassischen Gedanken einher.
      Meine Weltsicht ist verbindend, bejahend, einladend und kompromissbereit.
      Also Patriot ja, Nationalist nein.
      Zu Erdogan:
      Ich habe schon mehrfach angedeutet, dass ich eben nun mal über die türkischen Medien genug an Informationen über den Ministerpräsidenten und seiner Rolle (außen- wie innenpolitisch) habe. Mag ein, dass einige Kapitel seiner Außenpolitik im mindesten aufklärungsbedarf vorweisen. Das klage ich auch an. Ich weiß aber auch um den Umstand, dass sich die Lage im Nahen Osten im letzten Jahrzehnt um einiges undurchschaubarer gestaltet, als sie eh schon immer war, deshalb obliegt es mir nicht in jedem Fall mit dem spärlichen Wissen, das mir eben nur zur Verfügung steht, einen Mann, der sich in meinen Augen zur Genüge in der Innenpolitik bewiesen hat, abzuurteilen. Ich kritisiere das auch an Emran, dass er hier mit Erdogan zu hart ins Gericht geht. Ich sehe ihn wie jemanden, der sein Möglichstes tut, auf dem internationalen Parkett, zwischen all den Supermächten und bei all den Kungeleien und Geheimabsprachen, der neuen Weltordnung, die sich etablierte (etabliert wurde) und allem was auf sein Land einprasselt, den Kopf über Wasser zu behalten, seiner Linie treu zu bleiben, sein Land souverän zu halten und sein Bestes für das Wohlergehen des selbigen zu tun. Beim besten Willen: Erdogan ist kein Engel. Soll er auch nicht sein. Er mag Fehler machen, in einem Moment zu weich, im nächsten zu hart sein, auf dem Parkett dem Teufel vielleicht den einen oder anderen Schritt hinterher sein, aber wenn er das Parkett verließe, was würde das ändern? Nichts. Ich sehe in ihm jedenfalls nicht den Teufel, den Sie schon allein aufgrund eben jener schwer durchschaubaren Ereignisse, die seine außenpolitische Ausrichtung begründen, in ihm ausgemacht zu haben scheinen. Aber gut, ich belasse es gern dabei, ich erkenne Ihre kritische und dennoch offene Weltsicht an und gehe im großen und ganzen mit dem meisten, was Sie schreiben konform. Streit zu suchen, war, ist und wird nie meine Absicht sein.

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      • Für ihre versöhnlichen Schlußtöne will ich mich schon zu Anfang bedanken!
        Leider bin ich aber etwas anders als Sie: Ich bekenne zu meiner Schande, dass ich im Gegensatz zu Ihnen, so ab und an doch Streit suche.🙂 Auf gutem Niveau geführt ist dieser für mich etwas wunderbar Lebendiges! Streit bloß um des Streites Willen ist aber natürlich doof.

        Zur Sache:
        Ihrer völlig richtigen Argumentation dagegen, kein Nationalist, sondern ein Patriot zu sein, kann ich nur zustimmend folgen. In diesem Sinne stehe ich Ihnen auch ganz nah, denn auch ich würde mich weit mehr als argentinische Patriotin denn als Nationalistin bezeichnen. Heimat, Herkunft, Abstammung (nicht rassisch natürlich!) – das sind auch meine Parameter. Aber nochmals zur Begriffsklärung anhand meines Beispiels von Hugo Chávez: die Führungen sozialistisch regierter Staaten bezeichnen sich – vor allem in Südamerika – als nationalistisch, was sich für diese aus der (meist vom Militär erkämpften oder zumindest getragenen) Befreiung des eigenen Volkes ergibt. Dies auch in Abgrenzung zu dem oder den vorherigen Ausbeuterregimen bzw. Diktaturen, die in den Augen der Befreier die Nation verraten hatten. Und Militär, in diesem Fall also eine Volksarmee, ist per definitionem sowieso in der Regel immer nationalistisch. Da ich selbst, wie Sie wissen, eine überzeugte Pazifistin bin, hatte und habe ich auch immer ein Problem damit. Aber das nur am Rande.
        Doch zurück: Dieser gerade im Groben beschriebene Nationalismus hat natürlich rein gar nichts mit dem pejorativen Begriff eines Nationalismus zu tun, den Sie völlig zurecht als hochmütig und rassisch beschreiben. Was wiederum mit dem Internationalismus des sozialistischen Menschen- und Weltbildes zu tun hat, das im Basisgedanken von der Gleichheit resp. Gleichbehandlung aller Menschen auf dieser Erde lebt, also jeglichen staatlichen Chauvinismus per se ablehnt. Dieses also ist im arg Groben die Klammer um das zunächst widersprüchlich erscheinende Begriffspaar Nationalismus Internationalismus.
        Ich wollte Ihnen einfach nicht automatisch einen negativ besetzten Nationalismus vorwerfen. Doch dass Sie sich als Patriot fühlen, ist natürlich umso sympathischer.

        Ich kann, so ausführlich wie Sie heute Ihre positive Haltung Herrn Erdogan gegenüber begründen, sogar verstehen, warum Sie diesen Mann verteidigen. Und es ist auch faktisch viel Wahres in Ihren Argumenten. Ich denke, unsere so arg divergierenden Meinungen liegen einfach im jeweiligen überzogenen Fokus: Sie kommen aus der (logischerweise auch etwas emotionalen) Innenansicht der Türkei und ich aus der (politisch linken) Außenansicht, der Außenwirkung. Und diese beiden Betrachtungsfokusse müssen geradezu aufeinanderprallen. Übrigens hatte ich Herrn Erdogan mitnichten als „Teufel“ betituliert, wenn ich das klar stellen darf. Mit diesem Begriff sollte man nicht inflationär umgehen und ihn nur an jene verleihen, die ihn wirklich verdient haben: Hitler, Stalin, Pol Pot… Erdogan dazu zu rechnen wäre einfach lächerlich und völlig absurd. Was natürlich nichts an meiner Meinung ändert.

        Ich möchte aber mit dem schönsten Satz, den ich bisher von Ihnen gelesen habe, schließen: „Meine Weltsicht ist verbindend, bejahend, einladend und kompromissbereit“. Dem ist nichts hinzuzufügen, sondern als Haltung allen Mitlesern und Kommentatoren dieses Blogs wärmstens anzuempfehlen!

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  6. Also in einem Staat in dem größtenteils Muslime leben, und doch im Islam der Alkohol verboten ist,finde ich es nicht richtig, wenn trotz allem Alkohol verkauft wird, Das hat nichts mit islamisierung oder so was zu tun sondern ist einfach nur korrekt.
    Zumal heute sowieso jeder weiß, wie schädlich dieser Alkohol ist.

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  7. Ich persönlich bin gegen Alkohol und Nikotin, sowie Medikamentenmissbrauch.
    Auch der so viel gepriesene Haschisch, ist nichts anderes, als die Einstiegsdroge zu stärkeren Drogen, bis hin zum Heroin.
    Ich weiß wovon ich spreche. Habe jahrelang in einer Drogenberatung gearbeitet.

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    • Stimmt so nicht, wobei ich damit Ihre wichtige und segensreiche Arbeit in der Drogenberatung keineswegs negieren möchte! Im Gegenteil, meine Hochachtung! Und noch weniger möchte ich Haschisch als harmlos anpreisen!
      Alkohol ist aber die definitiv zerstörerische Droge. Haschisch und Cannabis auf stofflicher Basis als Einstiegsdrogen zu bezeichnen ist eine Jahrzehnte alte Mär, die viel mit tradierten gesellschaftlichen Verhaltenskodexen und nichts mit der stofflichen und abhängig machenden Substanz der Drogen selbst zu tun hat. Man weiß schon seit Längerem, dass der Konsum von Haschisch/Cannabis, der in der Folge den Einstieg zu den so genannten härteren Drogen einleiten kann vor allem dem jeweiligen Milieu und der individuellen Persönlichkeitsstruktur geschuldet sind. Hinzu kommt, dass sich der Haschischkonsument in Deutschland im Gegensatz zum Alkoholkonsumenten zwangsläufig im illegalen Raum und Milieu bewegt und dadurch die Dauerpräsenz auch härterer Drogen vorgegeben ist. Der Alkoholkonsument hat, wie gesagt, mit diesem Milieu in der Regel nichts zu tun.

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      • Trotzdem fragt sich, inwiefern die gewollte Bewusstseinsveränderung geduldet werden kann. Wenn sie sich nur selbst gefährden (obwohl da auch die Gesellschaft für bezahlen muss, wegen Behandlungskosten), wär’s ja wurscht, aber da Haschischkonsumenten nicht in einer einsamen Wüste leben…

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      • Aus meiner langjährigen Erfahrung in der Drogenberatung, beginnt die Drogenkariere eines Heroin Abhängigen, wie folgt:
        1.Nikotin 2.Alkohol 3.Haschisch 4.Heroin.
        Darum ist die Droge Haschisch, genauso wie alle anderen Drogen, nicht zu verharmlosen.

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  8. 76.000 menschen sterben jährlich an alkohol, doch in deutschland gehört es dazu sich bei jedem anlass zu besaufen, alkohol gibts in jedem supermarkt, bier ist teilweise günstiger als limonande und selbst wenn jugendliche u16 mal betrunken sind, schmunzelt man höchstens mal drüber, denn man selbst war ja genauso.
    Hauptunfallursache Nr. 1 ist alkohol.
    Jetzt frage ich die Leser: Wie oft haben sie gehört, dass jemand unter Cannabis-Einfluss totgefahren hat. Müsste ja oft passieren denn es ist ja verboten und jugendliche müssen ja davor geschützt werden.
    Außerdem ist Cannabis an sich nicht fähig dazu einen Meschen zu töten, bei alkohol ist das schon sehr viel einfacher ( denke für einen jugendlichen würde eine flasche in kurzer zeit reichen um ihn das leben zu nehmen, wenn nicht tuen es auch ein paar gläschen am steuer)

    Wegen den o.g. Tatsachen und noch vielen weiteren (siehe http://www.dhv.de oder dhv facebook)
    bin ich für eine totale legalisierung von hanf und hanfprodukten, genauso so wie es mit zigaretten und alkohol gehandhabt wird (auf agressive werbung wie bei alkohol im tv oder zigaretten auf plakaten sollte es nicht geben)

    Fazit:

    GEBT DAS HANF FREI UND ZWAR SOFOR !!!

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  9. Ja so denke ich auch. Gegen ein Gläschen Burgunder spricht grundsätzlich nichts, soll ja auch gesund sein. Es soll nie ein Zugzwang zum Alkohol bestehen sondern der Genuss soll im Vordergrund stehen. Ich bestell mir gerne mal bei meinem Lieblingsweinhändler http://ruli-vins.com/ ein paar Flaschen Burgunder, aber die halten dann aber auch mehrere Monate.

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  10. Die Türkei hat im Gegensatz zu den skandinavischen Ländern kein Alkoholproblem. Regierungen sollten sich beim Erlassen von Gesetzen auf statistische Untersuchungen stützen – und lieber mal stärker im Straßenverkehr regulieren, den öffentlichen Verkehr subventionieren, Sport und Kreativität!!! in den Schulen verankern, die Selbstmordrate bei den Rekruten im türkischen Militär senken, in Kinderschutz investieren, Programme gegen Gewalt beschießen und was der Türkei mehr not täte …
    Menschenfreunde regieren anders!

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