Nakba – 65 Jahre Vertreibung

Während man in Israel den Nationalfeiertag feiert, gedenken Palästinenser der Nakba – der Vertreibung. In Tel Aviv und anderswo zieht man es vor, sich als „einzige Demokratie im Nahen Osten“ zu feiern. Zum gleichen Zeitpunkt werden unbequeme Wahrheiten verdrängt.

Palästinensische Flüchtlinge, 1948 (Foto: Wikipedia)

Vor 65 Jahren rief David Ben-Gurion den Staat Israel aus. Die Umsetzung dieses Ziels wurde damals mit vielen Mitteln möglich gemacht, nur nicht mit Demokratie und Menschlichkeit. Als Grundpfeiler diente hierfür vor allem die Vertreibung des palästinensischen Volkes, welche de facto schon 1947, sprich, ein Jahr vor der Gründung Israels, begann. Während dieser Vertreibung spielten radikal-zionistische Terrororganisationen wie Irgun und Lechi eine wichtige Rolle.

Dank ihnen wurden nämlich innerhalb von wenigen Jahren mehr als 500 palästinensische Dörfer dem Erdboden gleichgemacht. Die Namen dieser Dörfer kennt heute niemand mehr. Sie wurden damals umgehend durch hebräische Namen ersetzt. Die ursprünglichen Namen wurden regelrecht aus der Geschichte getilgt und sind auf keiner Landkarte mehr zu finden. Die damaligen arabischen Einwohner wurden entweder verjagt oder ermordet. Tatsächlich gab es zum damaligen Zeitpunkt keinen einzigen Ort im heutigen Israel, der nicht von Arabern bewohnt wurde, wie einst der ehemalige israelische Außenminister Mosche Dajan zugab.

Die zahlreichen Massaker und ethnischen Säuberungen gerieten in Vergessenheit. Wenn man gegenwärtig vom israelischen Nationalfeiertag hört oder liest, werden damit kaum Massaker wie jenes von Deir Yassin in Verbindung gebracht. Damals, am 8. April 1948, wurde das palästinensische Dorf von den bereits erwähnten Terrorgruppierungen Irgun und Lechi eingenommen. Historikern zufolge wurden von den circa 750 Einwohnern des Dorfes 100 bis 120 systematisch ermordet. Einige Tage nach dem Massaker berichtete die New York Times von 254 Toten, darunter zahlreichen Frauen und Kindern.

An derartige Verbrechen will man sich nicht mehr erinnern. Das haben israelische Politiker in der Vergangenheit immer wieder bewiesen. Stattdessen wird jährlich auf Hamas, Hisbollah und Iran gezeigt. Dass einst unter anderem Israels erster Premierminister David Ben-Gurion sowie der spätere Ministerpräsident und Friedensnobelpreisträger Menachem Begin ebenfalls Mitglieder der Irgun waren, interessierte zum heutigen Zeitpunkt niemanden mehr.

Stattdessen erlebt man tagtäglich, wie die israelische Regierung jegliche Menschen- und Völkerrechte mit Füßen tritt. Ob nun in Bezug auf den illegalen Siedlungsbau oder auf die katastrophale Lage der Menschen im Gaza-Streifen. Die Unterdrückung ist da und sie wird von allen Beteiligten, ob nun in Deutschland oder anderswo, stillschweigend geduldet. Politiker aus aller Welt feiern jährlich gemeinsam mit ihren israelischen Kollegen den Nationalfeiertag, während man Veranstaltungen, die die Lage der Palästinenser in den Vordergrund stellen, meidet.

Diese Tatsache hat unter anderem Evelyn Hecht-Galinski, Tochter des verstorbenen, ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Heinz Galinski, festgestellt. Diese war am vergangenen Wochenende Schirmherrin der Internationalen Palästina-Konferenz in Stuttgart. Obwohl viele namhafte Leute aus aller Welt erschienen sind, war sie für viele deutsche Politiker wohl nicht international genug.

Zeuge dieses Phänomens kann man allerdings nicht nur in Deutschland werden. Das Verhalten der Europäer und US-Amerikaner hat maßgeblich dazu beigetragen, dass Israel gegenwärtig eine Narrenfreiheit genießt, die weltweit ihresgleichen sucht. Was übertrieben oder gar extrem klingen mag, ist nichts anderes als eine historische Tatsache. Israel besetzt seit 1967 zahlreiche Gebiete, von den Golan-Höhen bis hin zu Ost-Jerusalem, illegal. Nun sind mehr als vier Jahrzehnte vergangen, doch am Besatzungszustand hat sich nichts geändert. Kritik ist da, jedoch ist sie meistens zu schwach. Ist dem nicht der Fall, so wird die Antisemitismuskeule geschwungen.

Ähnliches geschieht auch mit jenen, die schlicht und einfach auf die Unterdrückung der Palästinser aufmerksam machen wollen. Man wird als „Terroristen-Unterstützer“ und Ähnliches diffamiert. Permanent bekommt man zu hören, wie schlimm die Hamas sei, ja und der Iran erst, der angeblich ganz Israel vernichten will. Anhand solcher Argumente merkt man auch ziemlich schnell, dass gewisse Wissenslücken weit verbreitet sind. Andere wiederum versuchen gezielt Tatsachen zu verdrehen und verdrängen viele Fakten. In beiden Fällen hat die Propaganda mehr oder weniger effektiv zugeschlagen.

Wer jedoch die Taten der Hamas als terroristisch bezeichnet, muss auch anerkennen, dass die israelische Regierung Staatsterrorismus betreibt und für Kriegsverbrechen verantwortlich ist. Dies stellte unter anderem der weltweit anerkannte Jurist und Völkerrechtler Richard Goldstone im sogenannten Goldstone-Bericht fest. Dieser wurde nach dem Gaza-Angriff im Dezember 2008 („Operation Gegossenes Blei“) angefertigt und stellt fest, dass nicht nur Aktionen der Hamas als terroristisch zu bezeichnen sind, sondern eben auch jene Israels. Goldstone, der selbst ein glühender Zionist ist, wurde daraufhin als „sich selbst hassender Jude“ und „Antisemit“ bezeichnet.

Nun feiert Israel zum 65. Mal seine Unabhängigkeit. Die ganze Welt gratuliert und feiert mit, während das Unrecht weiterhin auf der Tagesordnung steht. Landenteignungen, Vertreibungen, verheerende Luftangriffe auf Zivilisten, Verhaftungen von Minderjährigen, Ghettoisierung und Apartheid sind seit 65 Jahren mit dem Schicksal der Palästinenser verknüpft.

2 Gedanken zu „Nakba – 65 Jahre Vertreibung

  1. Lieber Emran, Danke für den ausgewogenen und lehrreichen Beitrag:
    “ Nakba-65 Jahre Vertreibung “
    Hierzu eine Fotoreportage der Arbeiterfotografie und einen Bericht in der NRHZ.
    http://www.arbeiterfotografie.de/galerie/reportage-2012/index-2012-06-11-koeln-nakba-ausstellungseroeffnung.html
    Zum diesjährigen Israel Tag in Köln, hier meine Erlebnisse, die ich dort erlebt habe.
    Wie jedes Jahr, besuchte ich auch in diesem Jahr den Kölner Israel Tag.
    Die Hochglanz Prospekte suggerierten den Besuchern u.a. ein Groß Israel auf einer Landkarte, auf dem Palästina vergebens zu suchen ist.
    ein Land, in dem alle Religionen u. Ethnien mit einander in Frieden u. Freiheit leben, in dem für jedem Einwohner die Gleichen Rechte gelten, in dem sich jeder ungehindert frei bewegen kann, in dem für jedem die gleichen Bildungsmöglichkeiten bestehen und jeder Einwohner dieses Landes das gleiche Recht auf Wohnraum und Bildung hat.
    Blühende Landschaften, in dem Land, wo Milch und Honig fließen.
    Wie verlogen empfand ich daher für mich, den sog. Israel Tag.
    Als ich mich an einem weiteren Stand informieren wollte, wurde ich plötzlich von einer älteren Frau als Nazi angeschrien. Sie schrie laut stark: gebt diesem Nazi von der „Kölner
    Klagemauer“ keine Infos, das ist der Typ der seit Jahren vor dem Dom gegen die Juden hetzt. Als ich mir dennoch ein Flugblatt nehmen wollte, bekam ich zu hören:
    Lassen sie das liegen, sie beschmutzen mit ihren Nazipfoten das Info Material.
    Als ich die Dame über meine Rechte auf Meinungsfreiheit u. Demokratie aufklären wollte,
    wurde ich von immer mehr Leuten lautstark beschimpft, Drohungen wurden gegen mich
    aus gesprochen, ich solle sofort den Platz verlassen, bevor noch etwas passier. Dieser Aufforderung ging ich natürlich nicht nach. Als die Situation für mich immer bedrohlicher wurde, rief ich über mein Handy die Polizei zu Hilfe. Als die Polizei nach einigen Minuten auftauchte, löste sich die Menschen Menge wie von Geisterhand auf.
    Die Polizei machte sich erst mal keine Mühe, mich an zu hören und meinte: für alle Beteiligten sei es wohl das Beste, das ich den Platz verlassen solle.
    Die Polizei ergriff einseitig Partei, für die schimpfende und beleidigende Menschen Menge.
    (Anmerkung) Auf dem Israel Tag, habe ich gelernt, was Demokratie u. Meinungsfreiheit auf israelisch bedeutet. daher werde ich nie wieder einen Israel Tag oder ähnliche Veranstaltungen auf suchen.
    .

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