Stephen Hawking und der Israel-Boykott

Der weltberühmte Physiker Stephen Hawking nahm aufgrund der gegenwärtigen Lage der Palästinenser an einer Veranstaltung in Israel nicht teil. Während von der einen Seite der Boykott gefeiert wird, ist man in Israel darüber empört. Hawking wird Heuchelei und Doppelmoral vorgeworfen. Abgesehen davon verlangen einige, dass er auf seinen israelischen Intel-Chip verzichten soll.

Foto: pa

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In der Welt der Physik gilt Stephen Hawking als einzigartiges Genie. Umso weniger hörte man von ihm Stellungnahmen zur Weltpolitik. Dies hat sich jedoch geändert, nachdem Hawking eine Reise nach Israel absagte, um die dort stattfindende Konferenz Facing Tomorrow, die unter der Schirmherrschaft von Staatspräsident Schimon Peres steht, zu boykottieren. Der Physiker entschloss sich eigenen Angaben zufolge, den akademischen Boykott seiner palästinensischen Kollegen zu folgen.

Hawkings Aktion sorgte weltweit für Schlagzeilen. Vor allem in Israel zeigten sich Medien und Politik schockiert. Der linke, israelische Intellektuelle Carlo Strenger warf Hawkings in einem Artikel in der Haaretz Doppelmoral und Heuchelei vor. Strenger, der sich selbst als Kritiker der israelischen Regierung betrachtet, behauptet unter anderem, dass die Menschenrechtsverbrechen von China, Russland oder dem Iran weitaus schlimmer seien als jene Israels und beschwert sich darüber, warum Hawkings sich niemals zu diesen geäußert habe.

Sprengers Logik hat jedoch Lücken. Es liegt auf der Hand, dass überall und zu jeder Zeit auf der Welt zahlreiche Verbrechen gegen die Menschlichkeit geschehen. Dass all diese Verbrechen zu verurteilen sind, sieht sicher Stephen Hawking auch so. Allerdings hat jeder das gute Recht, auf gewisse Verbrechen aufmerksam zu machen. Vor allem wenn diese durch einen Staat passieren, der sich als „einzige Demokratie im Nahen Osten“ ständig selbst lobt, während es seit Jahrzehnten jegliches Völkerrecht mit Füßen tritt.

Wäre dem nicht so, würde man wohl in Südafrika immer noch die Apartheid vorfinden. Zu Zeiten des südafrikanischen Apartheid-Regimes fanden ebenfalls zahlreiche Verbrechen in anderen Ländern und auf anderen Kontinenten statt. Abgesehen von der Frage, inwiefern man überhaupt Massenmorde, ethnische Säuberungen und anderweitige Verbrechen miteinander vergleichen kann, ist davon auszugehen, dass die Zustände in einigen anderen Erdteilen weitaus schlimmer waren als in Südafrika. Diese Tatsache berechtigte jedoch nicht die Existenz dieses Regimes.

Diesen Punkt übersieht Sprenger. Nach seiner Logik sind alle Personen, die sich damals gegen die Apartheid stellten, Heuchler. Dies bestätigt nur, wie verzweifelt immer noch versucht wird, die Realität zu leugnen und Verbrechen zu legitimieren. Dies stellte auch 972mag’s Noam Sheizaf fest. Dieser wies unter anderem auch darauf hin, dass jene Konferenz im Grunde genommen gar keine wissenschaftliche Veranstaltung sei und dass man dort zahlreiche rechte Hardliner der israelischen Politik finden könne.

Dies scheint jedoch die Unterstützer der israelischen Regierung nicht zu interessieren. Deshalb wird auch nicht davor zurückgeschreckt, Hawking als Antisemiten zu diffamieren. Geschmackslos wurde es, als vermehrt verlangt wurde, dass Hawking jenen in Israel gebauten Intel-Chip, der ein Herzstück seines Sprachcomputers ist, nicht mehr zu benutzen. Anstatt solche absurden Forderungen zu stellen, sollten sich jene Personen lieber fragen, warum immer mehr Menschen israelkritische Positionen einnehmen. Dass zu diesem Kreis nun auch Stephen Hawking gehört, mag vielleicht eine Wende sein. Allerdings ist es nichts Neues, dass geniale Köpfe wie Noam Chomsky sowie bekannte Schauspieler wie Robert De Niro oder Dustin Hoffman Israel aufgrund seines Umgangs mit den Palästinensern boykottieren.

5 Gedanken zu „Stephen Hawking und der Israel-Boykott

  1. Prima Artikel! Ja, das ist wieder mal zum Heulen, wie Hawking diffamiert wird und wieder, gähn (wenn’s nicht so schlimm wäre), die Antisemitenkeule geschwungen wird. Ist ja alles nichts Neues, das Drehbuch für diese pathologische Unfähigkeit, mit Kritik auch nur ansatzweise umgehen zu können oder zu wollen, ist halt stets dasselbe.
    Besonders gut finde ich, wie präzise du herausgearbeitet hast, dass man nunmal nicht tagtäglich alle schrecklichen Orte dieser Welt, an denen Menschen menschenunwürdig und weit schlimmer behandelt werden, aufzählen muss, um die Legitimation zu haben, gezielt bestimmte Länder zu fokussieren. Dieser Unsinn ist der ebenso routiniert-regelmäßige Versuch, die entsprechende Kritik zu entwerten, zu verharmlosen oder gar gänzlich zurückzuweisen. Aber selber stürzen sich unsere regierenden, schmachtenden Menschenrechtsfreunde dann auf „Pussy Riot“ oder die schöne, milliardenschwere Julija Timoschenko, um das schreiende Unrecht in Russland und der Ukraine bitterst anzuklagen! Mist, ich muss schon wieder Kotzen gehen…

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    • OT: Karrikaturen anzufertigen, die im Stile des Stürmers den hakennasigen Juden bei Grausamkeiten zeigen ist wohl kaum als berechtigte Kritik zu würdigen. Israelkritik ja, aber bitte keinen Dreck.

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