Der Muslim war’s

In den letzten Jahren ereigneten sich zahlreiche Massaker in den USA. Die Täter waren nicht immer aber meistens weiß. In vielen Fällen wurden sie christlich erzogen. Diese Tatsachen wurden allerdings schnell in den Hintergrund gedrängt und spielten zu Recht keine Rolle. Bei den Verdächtigen von Boston ist das Gegenteil der Fall. Plötzlich ist es wichtig, woher sie stammen und an welchen Gott sie glauben.

In den USA stehen wieder einmal alle Muslime unter Terror-Verdacht. Wer fünf mal am Tag betet, gilt laut einigen Medien als besonders radikal. (Foto: John Heller/ Post-Gazette)

Im April 2007 ermordete Cho Seung-Hui an der Virginia Tech in Blacksburg 32 Menschen und verletzte 29 weitere teils schwer. Der zur Tatzeit 23-jährige Student stammte ursprünglich aus Südkorea, genoss eine christliche Erziehung und emigrierte mit seinen Eltern in den frühen Neunzigern in die Vereinigten Staaten. Nachdem Seung-Hui seine Tat beging, die mittlerweile zu den schrecklichsten Massakern der jüngeren, amerikanischen Geschichte gezählt wird, richtete er sich selbst.

Nachdem die Umstände des Massakers weitestgehend geklärt waren, hatten Medien und Politik schnell ihre Antwort gefunden: Der junge Student war ein „einsamer Einzelgänger“, der über Jahre hinweg von seinen Mitschülern gemobbt wurde. Deshalb wurde er als „geistesgestört“ erklärt. Man interessierte sich weder für seine ethnischen, noch für seine religiösen Wurzeln.

Zeuge eines ähnlichen Prozederes konnte man auch im vergangenen Jahr werden. Im Dezember 2012 tötete der 20-jährige Adam Lanza an der Sandy Hook Elementary School in Newtown, Connecticut, 28 Menschen, darunter 20 Kinder. Das Massaker löste eine neue Debatte um das Waffengesetz in den Vereinigten Staaten aus. Lanza, der Täter, war ein gebürtiger US-Amerikaner und wuchs in einem wohlbehüteten Elternhaus auf. Auch er wurde als geisteskranker Außenseiter abgetan und nahm einen Platz in der langen Amokläufer-Liste ein. Um seine Religion scherte sich niemand.

Bezeichnungen wie „Terrorist“ wurden für die genannten Täter so gut wie noch nie benutzt. Auch der norwegische Massenmörder Anders B. Breivik, der 69 Menschen, darunter zahlreiche Jugendliche, regelrecht hinrichtete, wird oftmals nur als vereinsamter Psychopath bezeichnet. Dass Breivik von einem extrem radikalen Weltbild zu seiner Tat angetrieben wurde, scheinen heute noch viele zu verdrängen. Dass er sich selbst unter anderem als „Kreuzritter“ bezeichnete, ebenfalls.

Im Falle der Verdächtigen von Boston reagierten die Medien anders. So gut wie überall wurde regelrecht hervorgehoben, dass die zwei Brüder aus Tschetschenien, einem „Islamistennest“, stammen und dass sie Muslime seien. Daran beteiligten sich auch die meisten deutschsprachigen Medien. So schrieb Spiegel Online unter anderem, dass der ältere Bruder, Tamerlan, nicht trank und nicht rauchte. Außerdem ließ er sich einen Bart wachsen. Was das nun aussagen soll, ist fragwürdig. Ist man etwa ein Terrorist, wenn man gesund und mit Vollbart durch das Leben geht?

Ihren Ursprung hat diese penetrante Berichterstattung vor allem in den USA. Dort wurde immer wieder ausgiebig erörtert, dass der genannte Tamerlan „sogar“ fünf Mal am Tag gebetet habe. Der religiöse und ethnische Hintergrund der zwei Brüder wurde zu den Schlagzeilen zahlreicher amerikanischer Zeitungen und Nachrichtensender. Eine derartige Medienkampagne wäre gegenüber anderer Bevölkerungsgruppen kaum denkbar.

Im Falle der Tsarnaev-Brüder ist dies anders. Da die Verdächtigen Muslime sind, haben es sich einige Medien zur Pflicht gemacht, dies in den Vordergrund zu stellen. Während die Eltern der zahlreichen Schul-Amokläufer oftmals bemitleidet wurden, wird gemutmaßt, wie radikal die tschetschenische Familie sein könnte. In diversen Nachrichten-Foren wurde sogar gefordert, dass man die gesamte Familie nach Russland abschieben soll. Die rechtspopulistische Autorin Ann Coulter hat vor Kurzem bedauert, dass Tamerlan Tsarnaev 2009 nicht abgeschoben wurde und machte dafür die amerikanische Einwanderungsbehörde verantwortlich. Als der Südkoreaner Seung-Hui mit seinem Massaker Schlagzeilen machte, fehlte von derartig absurden Forderungen und Vorwüfen jegliche Spur.

Man unterstellte auch nicht jedem asiatisch-aussehenden Menschen, ein verrückter Amokläufer zu sein. Muslime hingegen müssen oftmals überall auf der Welt für die Taten Einzelner herhalten. Die Blicke der Massen sind immer auf sie gerichtet. Die Angst vor dem „Fremden“ ist immer da. Und genau diese Angst wird gegenwärtig ein weiteres Mal geschürt, wenn man nach derartigen Anschlägen, deren Umstände bis jetzt in keinster Weise geklärt wurden, hierzulande erneut von „Anti-Terror-Dateien“ und Etwaigem spricht.

15 Gedanken zu „Der Muslim war’s

  1. Ich muss zu Bedenken geben, dass die beiden erstgenannten Amokläufer nun wirklich keinerlei Indiz hergaben, sich aus religiösen Motiven heraus schlimmer als Tiere benommen zu haben. Bei Breivik sieht das natürlich anders aus. Hier ist klar ein fanatisches religiös-rassistisches Weltbild gegeben. Dies wurde geradezu kaschiert. Es kann ja nicht sein, was nicht sein darf. Und auch bei den beiden Brüdern ist – so zumindest die offizielle Version, die sich an angebliche Aussagen aus einem Verhör unter Drogen/Medikamenten, knüpft – das Motiv auch in ihrem verqueren religiösen Weltbild zu finden. Ich muss dazu sagen, dass ich die Ereignisse um das Sprengstoffattentat und die Fahndung, Verfolgung und Festnahme des jüngeren Bruders mitnichten nachvollziehbar finde. Es ist einiges im Argen, vieles sehr undurchsichtig. Auch die Vehemenz mit der die Freunde des Jüngeren für ihn einstehen und eine mögliche Verwicklung seinerseits verneinen, macht zumindest nachdenklich. Ich bin leider generell sehr skeptisch, was die Wahrheitstreue und die Transparenz betreffend der Strafverfolgung und Terrorabwehr seit 9/11 angeht. Das soll nicht bedeuten, dass ich verschwörungsgläubig bin, ich bin einfach nur von unserer (noch) offenen Gesellschaft enttäuscht, weil ernüchtert.

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  2. Er hat ja ausgesagt, dass sie den Islam verteidigen wollten. Das Motiv war also klar islamischer Extremismus. Mal abgesehen von diesem Wahn: Wäre es nicht mal an der Zeit, dass sich Muslime damit auseinandersetzten, woher dieser Wahn kommt ? Man kann ja nicht immer über die Berichterstatter motzen. Die, die den Muslimen sowas einbrocken sind vom Wahn getriebene, ja, Muslime ! Lässt dich das kalt ?

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      • Dieser lapidaren Feststellung stimme ich uneingeschränkt zu! Jeden einzelnen Tag, an dem in einem der sich rasant vermehrenden, von der westlichen Hemisphäre aus geostrategisch-kapitalistischen Interessen entzündeten Konfliktherde der islamisch geprägten Welt ein Unschuldiger ermordet wird, werden zwei neue Dschihadisten daraus hervorgehen. Und das passiert jeden Tag x-fach.

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    • Woher dieser Wahn kommt?

      Der Islam existiert seit beinahe 1500 Jahren. Wie kommt es, dass in den vergangenen 20 Jahren viele Menschen imWesten den Grund für diesen Fanatismuswahn allein und ausschließlich in der islamischen Religion suchen?
      Weil das die einfachste Erklärung ist und man sich nicht mit seinen eigenen zahlreichen Verbrechen befassen muss?

      All die Raubüberfälle in den muslimischen Staaten. Millionen von Toten, Verstümmelten, Gefolterten, Waisen und Witwen, zig Tausend „Kollateralschäden“ und Verschollene!

      Natürlich ist Terrorismus zu verurteilen! Wenn man aber seine Glaubwürdigkeit, Anstand und Moral nicht riskieren will , muss man auch den Staatsterrorismus verurteilen und insbesondere unterlassen!

      Es macht mich wütend, wenn 3 tote Amerikaner medial und politisch eine Massenhysterie verursachen. Es folgen Schweigeminuten, alle sind „entsetzt“ und „schockiert“, alle verurteilen diesen „feigen Terroranschlag zutiefst“; es folgen Bilder aus allen Perspektiven, Überlebende berichten, Hinterbliebene berichten, Nachbarn berichten, diverse Medien zeigen das Bild des achtjährigen Opfers in Boston und das ganze wird mit „Dieser kleine Junge wird nie mehr nach Hause kehren“ betitelt usw. usw.
      Und die zahlreichen afghanischen, pakistanischen oder palästinensischen Kinder, die bei Drohnenangriffe/Bombardements elendig und GENAUSO UNSCHULDIG ums Leben kommen oder ganze Körperteile, Mutter und/oder Vater verlieren??
      Sie verschwinden namen- und klanglos unter die Erde. Ganz ohne Stories oder Bilder! Wenn sie Glück haben, werden sie kurz als Kollateralschaden unter „Sonstiges“ erwähnt. Das war’s aber auch. Denn dort unten ist „eh Krieg und Chaos“. Was interessieren uns die Opfer?

      Der westliche Staatsterror in den muslimischen Staaten, sei es durch Drohnenangriffe, Bombardierung von Hochzeitsgesellschaften oder dass Soldaten mitten in der Nacht in Häuser reinstürzen und ganze Familien im Schlaf exekutieren (wie in Irak oder Afghanistan), Waffenverkäufe an Diktatoren oder nicht näher definierte „Rebellen“, Völkermord durch Sanktionen (Iraq und aktuell Iran) ist der Hauptgrund für die Radikalisierung der Muslime und der einzige Grund, warum es Rattenfänger leicht haben muslimische Jugendliche für ihre perversen Ziele zu missbrauchen!

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  3. Ich bin selbst aus ägypten. leider gibt es viele radikale muslime. wir sind selbst verantwortlich dafür wie uns der westen betrachtet. wenn viele unserer brüder unseren glaube in den dreck ziehen, ist es kein wunder, dass wir so angesehen werden. es ist an der zeit dass wir uns auch klar distanzieren. ich muss auch gestehen dass ich nicht das gefühl habe, dass jetzt eine hexenjagd auf uns stattfindet.

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    • @ölkj

      Radikale Muslime und alle Radikale – vereinigt euch. Wie die wohl miteinander auskommen?

      Der Westen ist selbstverständlich ausschlaggenend. Ca. 14% der Weltbevölkerung.

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  4. @asdf
    Quatsch. Die Dschihadisten kämpfen gegen westlichen Imperialismus in dem Sinne, dass sie ihr eigenes – theokratisches – Imperium errichten wollen. Schon mal was vom Khilafa (Kalifat) gehört ? Von dem Bild der „Gerechtigkeitskämpfer“ sollteste dich mal frei machen, hat mit der Realität wenig zu tun.

    Was mich betrifft, ich bin gegen jede Form von Globalismus, sei sie pekuniär oder religiös begründet.

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    • was diese leute in ihrem eigenen land errichten wollen, ist dere sache, und es ist ihr gutes recht, eine staatsform in ihrem land zu fordern, die nicht einer westlichen vorstellung entspricht. egal, was du darüber denkst.

      aggression gegen den westen und die usa entsteht durch deren handeln in diesen ländern, und durch nichts anderes.

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  5. Mir ist es völlig egal, was die in ihren Ländern treiben, sie sollen mich damit in Ruhe lassen, das ist alles. Der Haken ist: deren Anspruch ist ebenso global wie der des Kapitals.

    Der politische Islam ist auch eine globalistische Heilslehre, alle sollen mit der Scharia „beglückt“ werden. Der Wunsch nach dem weltweiten Kalifat, nach Rückeroberung Spaniens, z.B., bzw. ganz Europas, ist viel zitiert in islamistischen Internetforen. Das ist nicht bloß Reaktion, das ist durchaus Aggression.

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    • Unsinn. Der politische Islam ist für islamische Gesellschaften bedeutend und nicht für die ganze Welt. Die vereinzelten Weltherrschaftsansprüche von seiten einiger weniger Salafisten sind mitnichten repräsentativ. Der politische Islam(ismus) sucht in erster Linie innenpolitische Machtansprüche. Der kriegerische Islam(ismus) ist in erster Linie eine Reaktion auf bestehende Missstände, Bedrohungszenarien, Entfremdungserscheinungen oder Besatzung. (Dies soll mitnichten eine Rechtfertigung für den Mord an Unschuldigen sein) Es ist einfach nur traurig, uninformiert und unverantwortlich von Ihnen hier ein anderes, realitätsfremdes Bild zu zeichnen.

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  6. @AliBarbar
    Wir müssen zunächst mal klären, wer die Akteure des politischen Islam sind. Ganz sicherlich dazu zählt die Muslimbruderschaft als älteste Bewegung und Vorbild sämtlicher, auch nichtarabischer islamisch-politischer Ideologien und Bewegungen.

    Im südasiatischen Raum waren es v.a. Maududi und die Jamaat-e-Islami, auch die Deobandis, die eine Politisierung des Islam vorantrieben.
    Alle Vordenker dieser Ideologien, von Hassan al Banna, Sayyid Qutb (MB), bis zu Maududi, vertraten globalistische Ideen von einer Art islamischen Weltrevolution auf dem Wege des Dschihad, sei er militärisch oder friedlich mittels Da´wa (Mission). Maududi macht klar, dass alle nichtislamischen Regierungsformen, egal wo, illegitim seien, nur das Recht Allahs, die Scharia, sei auf der ganzen Erde legitim. Ähnlich Qutb und schon al Banna. Der Gründer der MB forderte alle ehemals von der islamischen Scharia beherrschten Gebiete „unter die Flagge des Islam“ zurück, was Spanien, die italienischen Inseln, den Balkan, aber auch Indien mit einschließe. Und letztendlich müsse auch der Rest der Welt irgendwann von der Scharia verwaltet werden.

    Die Keimzellen des politischen Islam sind von imperialistischen Ideen durchdrungen, das war neimals auf muslimische Länder allein beschränkt, schon weil die Sicht auf ehemals islamische Gebiete dort revisionistisch ist.

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    • Soweit haben sie Recht. Was sie jedoch völlig außen vorlassen, ist der imperialistische Anspruch des Westens, sei es heutzutage oder früher (man erinnere an die Kreuzzüge, heutige Beispiele erspare ich mir…).
      Ebenfalls ist der Konflikt zwischen Christen und Muslimen kein neuer, er scheint sich in den letzten Jahren lediglich wieder zu verstärken.
      Glaube ist eben immernoch die effektivste Methode, sich Menschen (und somit Kapital) hörig zu machen – völlig egal, welcher, die sind da alle ähnlich. Und wenn man bedenkt, dass der Islam einiges aus dem Christentum übernommen hat (was dieses sich ja widerum bei Judentum, ägyptischem Götterglauben und Co. angeeignet hat), dann sind wird doch alle nicht so verschieden – uns eint beispielweise die Blendung durch eine sich ständig bereichernde Minderheit…
      Viel sinnvoller wäre es also, diese Naivität über Bord zu werfen und sich weltweit seiner Zusammengehörigkeit bewusst zu werden!

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