Foltervorwürfe und Soldatenspielchen

In den letzten Tagen und Wochen sorgten israelische Soldaten für negative Schlagzeilen. Nun hat sich auch Israels Inlandsgeheimdienst Schin Bet in diese Liste eingereiht. Agenten sollen den 30-jährigen Arafat Jaradat zu Tode gefoltert haben. Demnach wächst die Wut unter den Palästinensern. Manche haben sogar Angst vor einer dritten Intifada. 

Mehrere tausend Palästinenser nahmen an der Beerdigung Jaradats teil. (Quelle: Ammar Awad / Reuters)

Arafat Jaradat stammt aus der Nähe von Hebron und war Familienvater. Er wurde am 18 Februar von israelischen Sicherheitskräften festgenommen. Der Grund: Er soll Steine auf israelische Zivilisten geworfen haben. Fünf Tage später war Jaradat tot. Er starb in der Zelle eines israelischen Gefängnisses nachdem er von Agenten des Schin Bet, des israelischen Inlandsgeheimdienstes, verhört wurde.

Israelischen Angaben zufolge war die Todesursache ein Herzversagen. Vor der Anhörung soll Jaradat mehrmals von einem Arzt untersucht worden sein. Dieser stellte fest, dass der Palästinenser keine gesundheitlichen Leiden habe. Dies steht jedoch im Widerspruch zu einer weiteren Aussage des Schin Beth, die besagt, dass Jaradat während seiner Haft an Gesundheitsproblemen litt. Die Familie des Verstorbenen ließ verlauten, dass er vor seiner Verhaftung bei bester Gesundheit gewesen ist.

Der Chef-Pathologe der palästinensischen Autonomiebehörde nannte „extreme Folter“ als Todesursache. Auch Jaradats Familie ist davon überzeugt, dass er an den Folgen der Verhörmethoden des Schin Beth starb. Die israelische Seite erwiderte dem Foltervorwurf, indem sie nun behauptete, dass die Todesursache noch nicht fest stehe. Von schweren Verletzungen wollte man nichts wissen. Stattdessen könne es gewesen sein, dass Jaradats Körper „leichte Verletzungen aufgrund der Wiederbelebungsversuche“ davongetragen habe. Der Schin Beth wies jede Verantwortung von sich.

Der Tod Jaradats löste eine weitere Welle der Empörung aus. Im Westjordanland kam es erneut zu zahlreichen Demonstrationen und Ausschreitungen. Fast alle der mehr als 4.500 palästinensischen Häftlinge schlossen sich einen Tag nach dem Tod Jaradats aus Protest und Solidarität einem Hungerstreik an. Währenddessen forderte Benjamin Netanjahu seinen Amtskollegen Abbas auf, für Ruhe zu sorgen. Vertreter der Palästinensischen Autonomiebehörde hingegen verlangten eine unabhängige Untersuchung zum Tod Jaradats.

Israelische Zeitungen warnten vor größeren Unruhen und schrieben von einem „Ausnahmezustand“. Die israelisch-amerikanische Journalistin Ruthie Blum meinte, dass die Palästinenser nichts lieber hätten als tote Körper, um einen Grund für Demonstrationen zu haben. Vertraute von Mahmoud Abbas wiesen darauf hin, dass die Wut innerhalb der Bevölkerung weiterhin wachsen werde. Als Gründe wurden die schlechte Behandlung der palästinensischen Gefangenen sowie die Übergriffe radikaler Siedler genannt. Zum gleichen Zeitpunkt nahmen mehrere Tausend Palästinenser am Begräbnis Jaradats teil.

Der Tod Arafat Jaradats ist ein weiteres Ereignis, welches das Fass langsam zum Überlaufen bringen wird. Die Angst vor einer dritten Intifada ist da. Aufgrund zahlreicher Vorfälle in der Vergangenheit war dies jedoch vorherzusehen. Das Vorgehen der israelischen Armee in den Besatzungsgebieten sorgte immer wieder für Schlagzeilen. Gerade erst vor zehn Tagen machte ein israelischer Soldat mit einem Instagram-Foto auf sich aufmerksam. Im Dezember tötete eine junge IDF- Soldatin einen siebzehnjährigen Palästinenser in Hebron. Beide wurden innerhalb kürzester Zeit zu virtuellen Zielscheiben pro-palästinensischer Aktivisten im Internet. Gerade erst vor einigen Tagen tauchten wieder neue Bilder israelischer Soldaten auf, die mehr als nur fragwürdig sind.

Abgesehen davon befinden sich zahlreiche Palästinenser unter fadenscheinigen Gründen in israelischen Gefängnissen. Unter ihnen sind mehr als zweihundert Kinder. Einunddreißig von ihnen sind unter sechzehn Jahre alt. Auch der illegale Siedlungsbau und die Übergriffe radikaler Siedler sind Gründe dafür, warum die Wut unter den Palästinensern zunimmt. Doch anstatt klare Zeichen zu setzen, wird die israelische Regierung weiterhin von allen Seiten unterstützt. Nun muss sich die „einzige Demokratie des Nahen Ostens“ auch Foltervorwürfen aussetzen.

Von europäischen Politikern wäre es wünschenswert, Netanjahu einmal mit all diesen Tatsachen zu konfrontieren und ihn zu fragen, warum er es für nötig hält, palästinensische Kinder ins Gefängnis zu sperren.

Advertisements

4 Gedanken zu „Foltervorwürfe und Soldatenspielchen

  1. Es gibt kaum ein komischeres Gefühl, als wenn dieser Konflikt plötzlich Teil deines Privatlebens in Deutschlands ist, weil dein bester Freund der Cousin des Verstorbenen ist und direkt nebenan zwei Menschen unendlich traurig und wütend sind… Wenn man plötzlich im Internet Bilder von trauernden Ehefrauen sieht, in Räumen in denen man selbst noch vor kurzem war… Plötzlich ist das alles so schmerzhaft nah…

    Gefällt mir

  2. Mir fällt beim Lesen dieses Artikels wieder ein Zitat von Erzbischoff Desmond Tutu, dem Nobelpreisträger aus Südafrika ein, dass er vor vielen Jahren nach einem Besuch in der Westbank gesagt hat. “ Das hier erinnert mich stark an die frühere Apartheit Politik der weissen Minderheit in meinem Heimatland. “ Wenn man sich z.B. die Wahrheitskommisionen von Tutu gegründet und geleitet anschaut, erkennt man die Grösse dieses Mannes. Diese Einschätzung Tutus ist eine fürchterliche Ohrfeige für den israelischen Staat, die zum Glück für Israel keine grosse Öffentlichkeit bekommen hat.

    Gefällt mir

      • Ist es nicht ein zynischer Zug der Weltgeschichte, dass dieses Land Israel eine solche restritive und in vielen Facetten brutale Politik gegenüber einem, im israelischen Stammland in Minderheit und im besetzten Gebiet in Mehrheit lebendem Volk ausübt. Ein in der Geschichte verfolgtes Volk verfolgt jetzt, wo sie im im Besitz der Staatsmacht sind, selber unnachsichtig! Es ist sehr schade, dass sie nicht besseres aus der Geschichte gelernt haben und bis jetzt nicht versucht haben, aus der Erfahrung von jahrhunderte langer Verfolgung ein Licht der Toleranz in dieser Welt zu sein.

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s