Realitätsfremd

Heute veröffentlichte ZEIT-Online ein Interview mit dem Vizedirektor des Simon-Wiesenthal-Centers, Rabbi Abraham Cooper. Dieser verteidigte die vor Kurzem erschienene „Antisemiten-Liste“ und forderte Jakob Augstein auf, sich bei seinen Lesern und dem jüdischen Volk zu entschuldigen. Da einige Aussagen des Rabbis mehr als nur absurd sind, will ich kurz auf diese eingehen.

 

Rabbi Abraham Cooper

Rabbi Abraham Cooper

Auf die Frage, wo die Grenze gelegt werde zwischen Antisemitismus und Israelkritik, antwortete Cooper folgendermaßen:

Wir folgen dabei sehr genau der Definition von Nathan Sharansky, dem Vorsitzenden der israelischen Einwanderungsorganisation. Entscheidend sind demnach Doppelmoral, Dämonisierung und Delegitimierung. Trifft eines dieser drei „D“ zu, handelt es sich nicht mehr um bloße Kritik.“

So einfach wird das also gehandhabt. Die „drei D’s“ sollen’s entscheiden und dann wird ausgerechnet auf Nathan Sharansky Bezug genommen. Vor allem auf den Punkt „Doppelmoral“ sollte man diesbezüglich eingehen. Dem zionistischen Autor und Likud-Politiker Sharansky wurde nämlich in der Vergangenheit des Öfteren vorgeworfen selbst doppelmoralisch zu sein, da er von allen möglichen Menschen die Einhaltung der Menschenrechte verlangt, während er die Verbrechen an den Palästinensern billigt.

Des Weiteren ist Cooper der Meinung, dass Augsteins Aussage bezüglich jüdischer Orthodoxer, auch „Haredim“ genannt, nicht den Tatsachen entspreche und demnach antisemitisch sei.

Er sagt dann über die Haredim: „Diese Leute sind aus dem gleichen Holz geschnitzt wie ihre islamistischen Gegner. Sie folgen dem Gesetz der Rache.“ Bringt Herr Augstein irgendeinen Beweis dafür, dass die Gemeinschaft der Haredim Selbstmordattentäter unterstützt, lehrt, bezahlt, trainiert oder für sie predigt? Die Gemeinschaft mag abgeschottet sein, aber sie ist nicht gewalttätig. Das Gesetz der Rache? Das sind aufwiegelnde Anschuldigungen ohne Grundlage. Ist es nicht an der Zeit, dass deutsche Medien einen der ihren in die Pflicht nehmen, der deutschen Öffentlichkeit Fakten vorzulegen?“

Augstein hat niemals behauptet, dass diese religiösen Fanatiker Selbstmordattentäter ausbilden würden, denn darum geht es überhaupt nicht. Seit wann gelten Gruppierungen erst als „radikal“, wenn sie Selbstmordattentäter in ihren Reihen haben? Des Weiteren ist die Gemeinschaft nicht nur abgeschottet, sondern auch gewalttätig. Immerhin sind jene radikalen Siedler, die des Öfteren Jagd auf Palästinenser im Westjordanland machen, Christen bespucken und Bauern erschießen, ebenfalls Teil dieser extremistischen Abspaltung. Es gibt noch zahlreiche andere Fanatiker, die Gewalt legitimieren und Menschenrechte stark einschränken wollen. Über diese hat Cooper kein einziges Wort verloren. Stattdessen lenkt er vom Thema ab und meint, dass die deutsche Öffentlichkeit Fakten vorlegen muss.

Im Grunde genommen ist diese Aussage richtig. Die deutschen Medien sollten viel mehr Fakten vorlegen, zum Thema religiöse Fanatiker in Israel. Die deutschen Medien hätten sich zum Beispiel ein Vorbild an der israelischen Zeitung „Haaretz“ nehmen können, die im November vergangenen Jahres über jenen radikalen Rabbi berichtete, der zur Ermordung von allen Nicht-Juden aufrief, die Israel bedrohen würden, Kinder und Neugeborene mit eingeschlossen. Es war auch die „Haaretz“, die immer wieder über die rassistischen Aussagen des israelischen Großrabbiners Ovadia Josef berichtete. Dieser behauptete unter anderem, dass alle Nicht-Juden nur auf der Welt seien, um den Juden zu dienen.

Zur Rolle Henryk M. Broders sagte Cooper folgendes:

Wir haben nicht mit Broder gesprochen, er hatte keinen Einfluss auf die Entscheidung. Aber ein Großteil unserer Mitglieder kennt Augstein nicht, deswegen wollten wir Broders Perspektive dazunehmen. Er ist ein in der jüdischen Gemeinde weltweit respektierter Wortarbeiter, und anders als wir ist er vor Ort in Deutschland. Augstein hat auf seine Kritik übrigens nie reagiert, das halte ich für sehr vielsagend.“

Diesbezüglich kann man den Herrschaften des SWC nur raten, sich genauer über Augstein zu informieren und sich nicht nur auf die Beschimpfungen und Diffamierungen eines verbitterten Polemikers zu verlassen.

Zu guter Letzt stellte Cooper noch fest, dass eine Entschuldigung her müsse:

Er sollte sich nicht hinter seiner Funktion als Journalist verstecken, sondern hinterfragen, wofür er kritisiert wird. Israel kann nicht tun und lassen, was es will, ohne sich der Kritik zu stellen – ebenso erhält ein Journalist keinen Freifahrtschein, nur weil er einen Presseausweis besitzt. Augstein sollte sich bei seinen Lesern und dem jüdischen Volk entschuldigen.“

Auch diese Aussage kann man so nicht stehen lassen, denn manchmal fragt man sich, ob der Rabbi es tatsächlich ernst meint oder nicht. Israel kann eben doch tun und lassen, was es will. Es stellt sich der Kritik nicht wirklich, sondern ignoriert diese und macht weiter wie gehabt. Dies wurde wieder einmal klar deutlich, als es vor einigen Wochen um die Fortsetzung des illegalen Siedlungsbaus ging. Ein Journalist muss sehr wohl Verantwortung tragen, die Regierung eines Staates hingegen hat eine viel größere Verantwortung. Netanjahu und Co. besitzen keinen Presseausweis, sondern Narrenfreiheit. Für diese Narrenfreiheit haben sie sich nie bei all den zahlreichen Opfern im Gaza-Streifen und im Westjordanland entschuldigt. Währenddessen verlangt man von einem kritischen Journalisten, der mittlerweile vom Großteil der Bevölkerung, von Politikern aus verschiedenen Parteien und sogar vom Zentralrat der Juden in Deutschland gestützt wird, eine Entschuldigung. Diese Forderung ist nicht nur absurd, sondern zeigt auch, in was für einem realitätsfremden Umfeld sich Organisationen wie das SWC bewegen.

Advertisements

4 Gedanken zu „Realitätsfremd

  1. BRAVO! BRAVO! BRAVO!
    Das beste kaltgepresste Wortöl, das mir in dieser Woche die Kehle heruntergeronnen ist!
    Deine Feststellungen und Fragen, die dir dieses Interview abgerungen hat, hast du von mir geklaut, oh Plagiator! Gib’s einfach zu. 🙂

    Im Ernst: Einfach gut. Punkt.

    Gefällt mir

  2. Pingback: Zum Tod eines Anti-Imperialisten | Emran Feroz's Blog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s