Mit blutigen Händen in die Politik

2014 wird in Afghanistan gewählt. Höchstwahrscheinlich werden sich auch zu diesen Wahlen viele afghanische Politiker aufstellen lassen. Bei den meisten von ihnen handelt es sich um ehemalige Warlords und Kriegsverbrecher, die vor allem während des Bürgerkriegs das Leben von vielen unschuldigen Afghanen zerstört haben. 

Als 2001 die Taliban aus Kabul vertrieben wurden, haben die westlichen Besatzer einen folgenschweren Fehler gemacht. Sie verbündeten sich mit den Warlords der Nordallianz, mit Leuten, die das Blut zahlreicher Unschuldiger an ihren Händen haben und bis heute den Drogenanbau, die Korruption und die Kriminalität in Afghanistan fördern.

Die Liste dieser Verbrecher ist wahrhaftig lang. Ein gutes Beispiel hierfür wäre der usbekische Warlord Abdul Rashid Dostum. Dostum erlangte vor allem Berühmtheit durch seine grausamen Hinrichtungsmethoden. Während der US-Invasion im Jahre 2001 richteten seine Milizen zahlreiche Taliban hin, indem sie sie in einen Container mitten in der Wüste einsperrten und durch die Wand Löcher schossen. Dostum beteiligte sich immer wieder an derartige Verbrechen. Abgesehen davon soll er für mehrere Vergewaltigungen verantwortlich sein. Bestraft wurde Dostum für seine Verbrechen noch nie. Stattdessen mischt er in der afghanischen Politik mit. Mittlerweile hat sich Dostum mit Ahmad Zia Massoud, dem Bruder des ermordeten Ahmad Shah Massoud, und Hajji Mohammad Mohaqiq, einem weiteren Warlord aus der Ethnie der Hazara, verbündet. Gemeinsam wollen sie einen Kandidaten für die kommenden Wahlen aufstellen.

Ein weiteres Beispiel ist der gegenwärtige Gouverneur der Provinz Balkh, Noor Mohammad Atta. Dieser verkündete vor einigen Tagen, an den Präsidentschaftswahlen 2014 teilnehmen zu wollen. Atta kämpfte einst als „Mudschahed“ gegen die Sowjets. Es waren jene Zeiten, in denen der tadschikische Warlord noch einen Vollbart trug und seine Kalaschnikow stets bei sich hatte. Damals predigten Menschen wie Atta vom Islam und vom Märtyrertum. Einige Jahre später brach der Bürgerkrieg aus und Atta beging gemeinsam mit seinen Kämpfern zahlreiche Menschenrechtsverbrechen. In den letzten Monaten wurden immer wieder neue Massengräber in Balkh entdeckt. Unter den namenlosen Toten befinden sich auch zahlreiche Opfer Attas. Dieser ist gegenwärtig meistens im Anzug zu sehen. Der Vollbart ist auch weg. Kein Wunder, denn nun will man sich als weltoffener, friedlicher und kultivierter Politiker darstellen.  Als Bundesaußenminister Westerwelle Atta im Jahr 2011 in Mazar-e Sharif „die Verantwortung übergab“, musste er er heftige Kritik einstecken. Viele Medien und Politiker waren empört und konnten nicht verstehen, warum der deutsche Minister einen Kriegsfürsten hofierte.

Ein anderer Kriegsverbrecher, der vor Kurzem Schlagzeilen machte, ist der Energieminister Ismael Khan. Der Tadschike Khan war einst Gouverneur der Provinz Herat und hat dort immer noch viel zu sagen. Nun wollen Khans Milizen Waffen an die Zivilbevölkerung verteilen. Nach Khans Meinung soll sich diese gegen die wiedererstarkten Taliban selbst verteidigen. Im Grunde genommen hätte er auch gleich sagen können, dass er am liebsten einen neuen Bürgerkrieg sehen würde. Nichtsdestotrotz werden solche Personen in Afghanistan zu Ministern ernannt.

Seit der Militärintervention in Afghanistan richtete die Weltöffentlichkeit ihr Augenmerk auf die Taliban. Dank der Medien wurde ein einfaches Schwarz-Weiß-Bild gemalt, so wissen die meisten Menschen außerhalb Afghanistans nahezu nichts von den Taten der genannten Personen. Des Weiteren muss gesagt werden, dass Verbrecher wie Atta, Dostum oder Khan nur die Spitze des Eisbergs sind und es zahlreiche weitere dieser Sorte gibt.

Als Beobachter im Ausland ist es einfach, all diese Personen zu kritisieren. Innerhalb Afghanistans ist dem leider nicht so. Die Macht der Warlords umfasst meistens mehrere Provinzen und Kritiker werden ungern überhört. Trotzdem gibt es Menschen, die in der Vergangenheit den Mund aufmachten und sagten, was gesagt werden musste.

Das beste Beispiel hierfür ist die junge Frau namens Malalai Joya. Sie ist die jüngste und bekanntestes Politikerin, die derzeit im Parlament sitzt. Im Dezember 2003 beschwerte sie sich vor der Loya Jirga über die Zustände Afghanistans. Sie wolle nicht einsehen, wieso immer noch einige Kriegsverbrecher im Parlament sitzen dürfen, obwohl sie für die katastrophale Lage im Land verantwortlich seien, Frauen unterdrücken und den Opiumhandel fördern. Damit gemeint waren tadschikische, paschtunische und usbekische Warlords. Malalai Joya wurde daraufhin des Saales verwiesen, sie erhielt allerdings viel Beifall.

Des Weiteren ist sie eine scharfe Kritikerin der US-Besatzung. Diese habe die Lage der Frauen in Afghanistan verschlechtert. Die westlichen Medien wollen einem weiß machen, dass die Frauen nun befreit sind, da die Taliban „weg sind“. Das stimmt aber absolut nicht. Die Amerikaner haben sich mit den Warlords der Nordallianz verbündet. Diese sind für Drogenschmuggel, Terror und ähnlichem verantwortlich. Immer noch plündern sie Dörfer und vergewaltigen Frauen.

Demnach sind die meisten Feinde Joyas Anhänger jener Personen, die ich anfangs erwähnt habe. Es ist bewundernswert, dass eine Frau in einem Land wie Afghanistan einen derartigen Mut aufweist. Fakt ist, dass Afghanistan nicht zur Ruhe kommen wird, bevor die Warlords entmachtet und vor Gericht gestellt werden. Das Problem ist jedoch, dass die meisten von ihnen immer noch vom Westen, allen voran von den USA, gestützt werden. Es ist unschwer zu erkennen, dass Menschen wie Ismael Khan vor allem eines im Sinn haben: Krieg.

Ein weiteres Problem innerhalb der afghanischen Gesellschaft ist die Heldenverehrung dieser Männer, die durch manche Bevölkerungsschichten in den jeweiligen Provinzen geht. So wird Ismael Khan von vielen Heratis als „Löwe von Herat“ bezeichnet und als tapferer Kämpfer gepriesen. Das berühmteste Beispiel für diesen irreführenden Weg ist der vermeintliche Nationalheld Afghanistans, Ahmad Shah Massoud. Dieser war wie alle genannten Personen ein Warlord, der für zahlreiche Menschenrechtsverletzungen verantwortlich war. Ich habe über Massouds Taten schon mehrmals ausführlich geschrieben, deshalb belasse ich es hierbei.

Man kann nur hoffen, dass irgendwann all diese Personen von der Bildfläche Afghanistans verschwinden werden. Zugegeben, das klingt fast schon utopisch, denn leider haben in diesem Land immer nur solche Menschen das Sagen gehabt.

 

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5 Gedanken zu „Mit blutigen Händen in die Politik

  1. Sehr interessanter Beitrag und leider allzu wahr.
    Man hat 2001 den Teufel mit dem Belzebub ausgetrieben
    und es ist ein Skandal, dass diese Verbrecher, die das Blut
    unzähliger Afghanen an den Händen haben nun im Parlament sitzen.
    Typische Politik des Westen… der Feind meines Feindes ist mein Freund….
    (Ich mag diesen Blog sehr und auch wie du sonst schreibst. Empfand diesen Artikel sprachlich jedoch etwas schwach. Ist nicht böse gemeint aber an manchen Formulierungen sollte vllt. noch etwas gefeilt werden. Lieben Gruß)

    Gefällt mir

  2. Pingback: Wochenrückblick (13.11. – 18.11.2012) | Emran Feroz's Blog

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