Der Sündenbock

Vor acht Monaten kam es zu eines der grausamsten Massaker des Afghanistan-Kriegs. In zwei kleinen Dörfern in der Provinz Kandahar wurden siebzehn Zivilisten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen und brutal ermordet. Die meisten Opfer waren Kinder, Frauen und ältere Menschen. Nun hat der Prozess gegen den angeblichen Täter Robert Bales begonnen. Allem Anschein nach wollen die USA den Fall schnell hinter sich bringen. Was wirklich in jener Nacht geschah, soll unter den Tisch gekehrt werden. Das Märchen, dass Bales die Tat allein ausgeführt haben soll, hat sich schon längst durchgesetzt.

Schon damals wurden einige Stunden nach dem Massaker alle möglichen Geschichten, ob sie nun der Wahrheit entsprachen oder nicht, über Robert Bales in Umlauf gebracht. Bales sollte als alkoholkranker, psychisch labiler Mann dargestellt werden, der schwere Zeiten hinter sich hatte. Seine Ehe scheiterte und der Irak-Krieg, an dem er auch teilnahm, traumatisierte ihn. Als sein Kamerad in Afghanistan sein Bein verlor, hielt es Bales nicht mehr aus. Die Nacht darauf schlich er sich aus dem Lager und begab sich in das nahe gelegene Dorf, um dort Amok zu laufen. Nachdem Bales mehrere Menschen im Dorf ermordet hatte, ging er wieder ins Hauptquartier. Dieses verließ er kurze Zeit später ein zweites Mal, um in ein anderes Dorf zu gehen und noch einmal zu morden. So lautet bis heute die offizielle Version.

Diese Version steht im krassen Gegensatz zu den Zeugenberichten aus Kandahar. Ich hatte schon in der Vergangenheit des Öfteren erwähnt, dass die Dorfbewohner berichteten, dass es sich keinesfalls um einen Einzeltäter gehandelt hat. Kinder und Jugendliche erzählten unter anderem, dass ihre Eltern von mehreren US-Soldaten aufgeweckt und per Kopfschuss getötet wurden. Außerdem lag der Verdacht nahe, dass diese Soldaten unter Alkoholeinfluss standen.

Das afghanische Untersuchungsteam, welches damals kurz nach dem Massaker vor Ort war, berichtete, dass mindestens zwei weibliche Opfer vor ihrer Ermordung sexuell missbraucht wurden. Um Spuren zu verwischen, versuchten die Soldaten, die Leichen dieser Frauen zu verbrennen. Die Hinterbliebenen der Opfer verlangen bis heute Gerechtigkeit. Stattdessen hat die US-Regierung sie mit 50.000 Dollar „entschädigt“. Man fragt sich, was Menschen wie Mohammad Wazir, der in jener Nacht fünf Töchter und einen Sohn verlor, mit diesem Geld anfangen sollen.

Shakeba Hashimi, eines der Mitglieder der damaligen Kommission, ist bis heute der Meinung, dass mindestens fünfzehn bis zwanzig Soldaten an dem Massaker beteiligt waren. Zeugenberichten zufolge wurden über dem Gebiet sogar Hubschrauber gesichtet. Auch der russische Nachrichtensender RT berichtete damals von mehreren US-Soldaten. Die Ergebnisse des Untersuchungsteams und die zahlreichen Zeugenaussagen wurden von den USA komplett ignoriert. Robert Bales wurde sofort ausgeflogen und der Weltöffentlichkeit verkaufte man eine Geschichte, die alles andere als der Wahrheit entspricht.

Nun soll diesem Mann in Washington der Prozess gemacht werden. Der Richter hält Bales für zurechnungsfähig, demnach könnte ihn auch die Todesstrafe erwarten. Die Zeugen aus Kandahar werden nicht in den Zeugenstand gerufen. Dies war natürlich vorherzusehen. De facto ist der ganze Prozess bedeutungslos, denn der wahre Tathergang wurde erfolgreich vertuscht. Der Sündenbock namens Robert Bales wird sicherlich bestraft, doch diese Strafe hat nichts mit Gerechtigkeit zu tun.

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