Schachfigur Libanon

Noch bis vor Kurzem war der Libanon eines der wenigen Länder im Nahen Osten, das von Chaos und Bürgerkrieg verschont blieb. Dies änderte sich schlagartig mit dem Attentat auf General Wissam al-Hassan am vergangenen Freitag in Beirut. Nach dem Vorfall an der türkisch-syrischen Grenze soll auch dieses Mal Syrien für den Anschlag verantwortlich gemacht werden. Als ob die Syrer nicht schon genug Probleme im eigenen Land hätten, um dann auch noch die Nachbarstaaten anzugreifen. 

Al-Hassan war ein wichtiger Mann im libanesischen Sicherheitsapparat. Demnach wusste er sich zu schützen und war stets sehr wachsam. Auf Reisen durch das Land wechselte er oft das Fahrzeug. Die ganze Zeit war er von Sicherheitsmännern umgeben. Dennoch gelang der Anschlag am Freitag. Al-Hassan und sieben weitere Menschen starben in einem christlichen Viertel in Beirut. Der sunnitische General, der unter Rafik al-Hariri Sicherheitschef war, war bei der schiitischen Hisbollah verhasst und ein erklärter Gegner des Assad-Regimes. Libanons Ministerpräsident Najib Mikati machte Syrien für den Anschlag verantwortlich. Wie erwartet nutzte die Opposition die Lage aus und schloss sich der Meinung Mikatis an.

Eine Logik kann man hier jedoch nicht erkennen. Man konnte sie auch nicht erkennen, als vor knapp zwei Wochen Syrien für einen Granaten-Anschlag auf ein türkisches Dorf verantwortlich gemacht wurde. In Syrien herrscht ein Bürgerkrieg, der sich zu einem Stellvertreterkrieg ausgeartet hat. Warum in aller Welt sollte das syrische Regime plötzlich anfangen, die Nachbarländer anzugreifen? Im Falle der Türkei hat sich schon erwiesen, dass die Kämpfer der sogenannten „Freien Syrischen Armee“ für den Anschlag verantwortlich waren. Das aktuelle Attentat ist jedoch zwei, drei Klassen höher und wurde sicherlich nicht von Amateuren ausgeführt.

Die Situation im Libanon stand schon immer auf der Kippe. Obwohl dort Christen und Muslime hauptsächlich friedlich miteinander leben, flammen immer wieder alte Feindschaften auf. Vor allem Sunniten und Schiiten ließen sich immer wieder instrumentalisieren und für die Zwecke anderer missbrauchen. Seit Beginn des Syrien-Kriegs flammten diese Rivalitäten wieder auf und wurden teilweise auch blutig ausgetragen.

Hauptsächlich profitieren von diesem Attentat nur jene Akteure, die schon 2005 vom Hariri-Attentat profitiert haben. Diese Akteure werden weiterhin alles versuchen, um all die arabischen Staaten im Nahen Osten zu zerschlagen und für ihre Zwecke zu missbrauchen. Der sunnitisch-schiitische Zwist eignet sich da immer wieder als geeignetes Hilfsmittel. Dieser Zerstörungsplan wird schon seit über sechzig Jahren verfolgt. Man darf nicht vergessen, dass es David Ben-Gurion höchstpersönlich war, der von der „Zerschlagung Libanons, Transjordaniens und Syriens“ gesprochen hat. Dennoch gibt es immer noch genug Menschen, die denken, dass eine solch zerstörerische Politik nicht im Interesse der israelischen Regierung liegt. Premierminister Netanjahu ist nicht nur auf einen Iran-Krieg scharf, Bürgerkriege in Syrien und im Libanon würden ihm ebenfalls gut ins Geschäft passen. Nebenbei will er noch illegale Siedlungen im Westjordanland legalisieren lassen. Seine Regierung fördert weiterhin die Apartheid und hat gerade erst wieder einen Hilfsfrachter gestoppt und nach Ashdod umgeleitet.

Wie dem auch sei, der Syrien-Krieg hat nun offiziell den Libanon erreicht. Im Christen-Viertel von Damaskus explodierte heute eine Autobombe und tötete mehrere Menschen. Die Christen Syriens sind großteils dem Regime gegenüber treu. Der Westen beschwert sich immer wieder über die „katastrophale Lage“ der Christen im Nahen Osten. Im Fall Syrien scheint das Wohl dieser Christen unwichtig zu sein. Währenddessen werden auch sunnitische Geistliche in Syrien und im Libanon ermordet. Im Anbetracht der gegenwärtigen Umstände kann man nur noch feststellen, dass man der Zerschlagung Syriens und des Libanons einige Schritte näher gekommen ist. Genau das liegt im Interesse der Imperialisten in Washington und London. Es liegt auch im Interesse eines Benjamin Netanjahu oder eines Avigdor Lieberman. Die Staaten im Nahen Osten sind allesamt Schachfiguren der Supermächte und die Schachfigur namens Libanon wurde gerade in Bewegung gesetzt.

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2 Gedanken zu „Schachfigur Libanon

  1. Pingback: Wochenrückblick (16.10. – 21.10.2012) | Emran Feroz's Blog

  2. Flashback

    „Noch bis vor Kurzem war der Libanon eines der wenigen Länder im Nahen Osten, das von Chaos und Bürgerkrieg verschont blieb.“

    Bei diesem Ihrem einleitenden Satz musste ich erst einmal schwer schlucken… Huch, der Libanon, „eines der wenigen Länder im Nahen Osten, das von Chaos und Bürgerkrieg verschont blieb“?!?
    Freilich erschließt sich im Weiteren aus den dann folgenden Kontexten, dass Sie natürlich nur die jüngere bis sehr junge Geschichte des Libanon meinen. Und deshalb ist obiger Satz auch völlig gerechtfertigt – natürlich!

    Das was ich meine, ist mein ganz persönliches Flashback, eine Art Dauerschleife in der eigen Biografie, war es doch gerade singulär der Libanon, aus dem gefühlt Jahrzehnte lang sich immer neu wiederholende brutale Bürgerkriegsbilder, Explosionen, Ruß, Asche und Tod in die Köpfe der heutigen Generation 50+ eingebrannt hatten. Und zählt man es zusammen, dann sind es mit allen Konflikten bis heute auch tatsächlich Jahrzehnte, etwa zwei Jahrzehnte. Es gab nicht vorher und es gab nicht nachher bis heute eine so lange und ausgiebige Berichterstattung in der Geschichte der TV-Kriegsberichterstattung (um auf die wichtigen, da immer suggestiven Bilder in der eigenen Biografie einzugehen) wie aus dem Libanon. Mit diesen Bildern beendete ich meine Schulzeit, mit diesen Bildern ging ich auf die Uni, mit diesen Bildern bekam ich mein erstes Kind, mit diesen Bildern heiratete ich, mit diesen Bildern beendete ich mein Studium usw. usw. Egal, wann man den Glotzkasten in diesen vielen Jahren einschaltete, lautete es, je nachdem, was an dem jeweiligen Tag gerade Schreckliches geschehen war als Erst-, Zweit- oder Drittmeldung ein altbekanntes „Beirut…“. Und dies in drei verschiedenen Ländern und zwei Kontinenten. Beirut zog mit um. Und Tod und Verderben aus dieser Stadt und Land genau so. Beirut, das war einer – der natürlich vielen und verschiedensten Soundtracks – meiner Generation. Aber ganz klar einer davon, den man niemals vergisst.

    Diese völlig unpolitischen Erinnerungen wollte ich Ihrem – wie immer wichtigen und sehr guten – Artikel einfach anhängen. Auch für die Jüngeren unter Ihren Lesern. 🙂 Was dieser Libanon erlitten hat in den letzten Jahrzehnten ist mit Worten nicht zu beschreiben.

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