Libysches Chaos

Vor genau einem Jahr wurde der libysche Diktator Muammar Gaddafi von Bewaffneten auf offener Straße in Sirte hingerichtet. Diese bewaffneten Kämpfer wurden vom Westen unterstützt. Schon damals schrieb ich, dass der Tod Gaddafis alles andere als ein Grund zum Jubeln sei. Diese Annahme hat sich nun nach einem Jahr bestätigt.

Mittlerweile ist eines auf jeden Fall klar: Muammar Gaddafi wurde am 20. Oktober 2011 absichtlich auf grausame Art und Weise mitsamt sechsundsechzig Anhänger von den sogenannten Rebellen hingerichtet. Dies geht aus einem Bericht von Human Rights Watch hervor, der vor einigen Tagen veröffentlicht wurde. Das Gerücht, dass es damals zu solch einem Massaker gekommen ist, war schon kurz nach dem Tod Gaddafis im Umlauf. Trotzdem wurde sein Tod von allen gefeiert. Nicht nur arabische Staaten jubelten, sondern auch europäische Politiker gratulierten dem libyschen Volk zu diesem „Erfolg“. Es war abscheulich, wie hier weltweit die Hinrichtung eines Mannes gefeiert wurde.

Gaddafi war alles andere als unumstritten. Der narzisstische Despot wusste, wie er sich zur Schau stellte und ging auch mit politischen Gegnern hart um. Nichtsdestotrotz zählte er zu den besten Freunden von Silvio Berlusconi und wurde von Nicolas Sarkozy in Paris immer ehrenvoll empfangen. Gaddafi wurde stets vom Westen, allen voran von Europa, gefördert. Immerhin war er es, der die zahlreichen afrikanischen Flüchtlinge vom Festland fern hielt. Alle nordafrikanischen Diktatoren waren Marionetten der westlichen Politik. Sie machten die Drecksarbeit und sicherten dadurch nicht nur ihren eigenen Wohlstand, sondern auch den des Westens. Gaddafi war wohl der Temperamentvollste unter ihnen, deshalb konnte er auch unangenehm werden.

Trotzdem hat der „böse Diktator“ zu Lebzeiten gar nicht so wenig für sein Heimatland getan. Als er in Libyen an die Macht kam, war das Land offiziell die ärmste Nation der Welt. Gaddafi brachte den nordafrikanischen Staat auf Platz 63 der reichsten Nationen. Eine lange Zeit waren die 120 libyschen Stämme untereinander verfeindet und bekriegten sich permanent. Gaddafi schaffte es, alle Stämme friedlich zu vereinigen. Zu Zeiten Gaddafis zählte das libysche Gesundheitssystem zu den besten des Nahen Ostens. Außerdem beteiligte er die Bevölkerung an den Einnahmen des Öl-Verkaufs.

Ein weiterer wichtiger Punkt war, dass Gaddafi afrikanische Staaten mit zinslosen Darlehen unterstützte. Libyschen Staatsbürgern standen ebenfalls zinslose Kredite zur Verfügung. Des Weiteren plante Gaddafi, eine einheitliche afrikanische Währung einzuführen, den Gold-Dinar. Der Gold-Dinar wäre mit den Goldreserven des jeweiligen Landes gedeckt gewesen und hätte als Konkurrenz gegenüber dem Euro und dem US-Dollar fungiert. Dies hätte den Finanzherrschern in Washington und London sicherlich nicht so gefallen.

Von all diesem Fakten spricht nun niemand mehr. In Libyen fand nahezu das Gleiche statt, was gegenwärtig in Syrien passiert. Gaddafi und sein Clan wurden zu Teufeln erklärt und die Welt macht mit, indem sie einer einseitigen Medienberichterstattung und gekauften Politikern Glauben schenkt. Gaddafi wurde von jenen Kämpfern ermordet, die schon seit Monaten in Syrien Unschuldige massakrieren, Kulturerbgüter wie den historischen Markt von Aleppo abfackeln und dafür noch gefeiert werden.

Auch die Mörder Gaddafis wurden vom Westen gefeiert. Als jedoch vor einigen Wochen der amerikanische Botschafter in Benghazi von genau diesen Leuten ermordet wurde, war das Ganze nicht mehr so lustig. Plötzlich war in den Medien wieder einmal von „Al-Qaida“ die Rede. Umso witziger ist es, wenn die gleichen Personen in Syrien „Aktivisten“ oder „Rebellen“ genannt werden.

Nach der Ermordung Gaddafis sind genau jene bürgerkriegsähnlichen Zustände eingetreten, die ich vorhergesagt hatte. Seit der NATO-Intervention herrscht ein Chaos in Libyen. Milizen bekriegen sich, allein gestern gab es wieder fünfzehn Tote in Tripolis. Jede Woche sterben Unschuldige und die vergrabenen Feindschaften zwischen den Stämmen scheinen wieder aufzuerstehen. Benghazi und andere Städte sind immer noch zerstört. Als im vergangenen Juli die Wahlen zum libyschen Nationalkongress stattfanden, brüstete sich die westliche Staatengemeinschaft damit, Demokratie nach Libyen gebracht zu haben. Dass dort jedoch immer noch ein Chaos herrscht und tagtäglich Menschenrechte gebrochen werden, scheint niemanden mehr zu interessieren.

Advertisements

7 Gedanken zu „Libysches Chaos

    • Aus der Süddeutschen vom 19.10.2012.
      Das können Sie gerne nachschlagen.

      Es wird oft genug erwähnt, dass Gaddafi ein selbstverliebter Despot war, der gegen politische Gegner vorging, sowohl in diesem Artikel, als auch im älteren.

      Gefällt mir

  1. Und schon wieder greifen Sie voll ins Schwarze und nehmen das aufs Korn bzw. buddeln das aus, was am heutigen Tag wichtig ist! Da hat mein Vorposter ganz Recht.

    Diese Doppelmoral um Gaddafi war und ist zum Erbrechen und es ist in der Tat unbedingt wichtig, darauf hinzuweisen, was Gaddafi auch war: ein quasi sozialistischer Despot. Sie zählen ja dankenswerterweise die Dinge auf, die unter seiner Herrschaft zum Wohle seines Volkes geschehen sind. Dafür schon einmal vielen Dank! Hinzugefügt für Deutschland kann vielleicht noch werden, dass die Journalisten Peter Scholl-Latour und Ulrich Kienzle dezidiert gegen diesen Krieg waren und ebenso dezidiert die Art und Weise der Hinrichtung Gaddafis anklagten. Scholl-Latour: „Bei allem, was man ihm vorwerfen mag, das hatte er so nicht verdient!“ Dem schließe ich mich gerne an.

    Andererseits weiß ich nicht, ob Ihre sehr neutrale, knappe und zurückhaltende Feststellung „…er ging mit seinen Gegnern hart um“ (so ganz ohne Adjektiv wie z.B. „sehr“) diesem Herrscher ebenso gerecht wird wie Ihre dann lange und richtige Aufzählung seiner Wohltaten? Wie gesagt, ich weiß es nicht. Aber es gibt glaubwürdige Hinweise (nicht nur von Amnesty) darauf, dass in Libyen systematisch schwer gefoltert wurde, was in keiner Weise hinnehmbar ist und kleingeredet werden sollte. Genau so wenig wie die Menschenrechtsverletzungen unter dem Regime von Herrn Assad. Oder ich sage es mal so platt: Nicht alle Propaganda, die unsere (imperialistischen) Gegner absondert besteht aus Lüge, Verdrehung und Erfindung. Schön wär’s. Aber das wissen Sie ja selbst und was Assad betrifft, hatten Sie auch immer darauf hingewiesen. Ich habe Sie dahingehend natürlich nicht zu belehren, wollte dieses Problem aber trotzdem unterbringen.
    Aber es ist ja auch verdammt schwierig: Wenn sich Herr Todenhöfer beispielsweise zum Fernseh-Interview mit Herrn Assad hinsetzt und es sich herausstellt, dass Assad doch ein vergleichsweise ziemlich vernünftiger Mann zu sein scheint, mit dem es sich durchaus fruchtbar verhandeln ließe, wenn es jemanden gäbe, der ernsthaft verhandeln will, dann wird hinterher Todenhöfer von der gesamten Journaille hier als blauäugige Diktatorenfreundsau durchs Dorf getrieben. Obwohl er nie auch nur den geringsten Zweifel daran aufkommen hat lassen, dass er das Regime Assads unter demokratischen Gesichtspunkten für unerträglich hielt. Doch in diesen Zeiten ging und geht es schließlich um etwas anderes, nämlich um Krieg und Frieden oder sogar um einen riesigen Flächenbrand im gesamten Nahen Osten.
    Aus diesem Grund kann ich es durchaus nachvollziehen, dass Sie Gaddafis positives Wirken und klägliches Sterben eigentlich zwangsläufig weit über die Schatten seines Regimes stellen mussten, um die Sinnlosigkeit dieses imperialistischen Hilfskrieges angesichts der heutigen – von Ihnen vorhergesagten – katastrophalen Zustände herauszuarbeiten.

    Rückblende. Und immer wieder ist die Regie dieselbe. Ich erinnere mich noch gut an die Fernsehbilder von Papa Bushs Golfkrieg I. An diese „grünen“ Bilder werden sich sicher auch noch viele andere erinnern. Grün wegen der Nachtsichtkameras, die das ewige Bombardement auf Bagdad ab Mitternacht im Nachtprogramm live und in – wie gesagt grüner – Farbe miterleben ließen. Und ich erinnere mich an den Golfkrieg II, als dann der lechzend-sabbernde Sohn zeigen durfte, was er drauf hat. Und an die wunderbare Erfindung des „embedded journalism“ – einen krasseren Euphemismus für einseitige Wunschkriegspropaganda kann man sich nicht ausdenken. Und dann Libyen. Es werden gegen Ende des Krieges in der ARD Bilder aus Tripolis eingespielt, einer dieser weltweit berühmt-berüchtigten wackeligen Handyfilmchen gezeigt, der tote Körper, Männer und Kinder in einem Haus und weinende Frauen auf der Straße davor abbildet. Das ganze wird mit schrecklich triefender, getragener Geigenmusik im André-Rieu-Stil untermalt und eine feierliche, fast pastorale Stimme empört sich, dass diese Bilder das grausame Massaker an einer unschuldigen Familie ausgeführt von Gaddafi-Schergen im Blutrausch zeigen. Ein paar Straßen weiter, diesmal eine Live-Schalte von und mit Jörg Armbruster, sieht man leblose Körper an einer Straßenkreuzung liegen. Diesmal hieß es in mitleidlosem Ton, dass es sich dabei um von den „Rebellen“ getötete „vermutliche“ Gaddafi-Anhänger handele… Ja, allein beim Schreiben kommt mir wieder das große Kotzen, denke ich daran.

    Danke für den Artikel, Emran!

    PS. Gerade sehe ich, dass ein weiterer Vorposter Sie ebenso auf das Ungleichgewicht in Ihrer Gaddafi-Darstellung hingewiesen hat und Sie diesem geantwortet haben, Ihrer Ansicht nach hätten Sie die dunklen Seiten des Gaddafi-Regimes ausreichend betont. Nun, wie Sie lesen konnten, sehe ich das nicht unbedingt so und gebe tendenziell Ihrem Kritiker Recht, verstehe Sie andererseits aber durchaus, wie ich ja im Weiteren erläutert habe.

    Gefällt mir

  2. Hallo Solveigh, ich vermisse Sie!

    Ob nun zum beherzten Zustimmen Ihre Kommentare betreffend oder auch für den Widerspruch – jedenfalls ist das Blog ohne Sie ärmer…

    Gefällt mir

  3. Pingback: Wochenrückblick (16.10. – 21.10.2012) | Emran Feroz's Blog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s