Wo war die Meinungsfreiheit bei Günter Grass?

Die Thematik um den Anti-Islam-Film und den Abdruck der französischen Karikaturen spitzt sich zu. Es gibt anscheinend genug Menschen, die derartige Aktionen verteidigen, indem sie sie in „Kunst- und Meinungsfreiheit“ verpacken. Ich frage mich, wo diese Freiheit war, als ein gewisser Literaturnobelpreisträger sein Gedicht veröffentlichte und dann als „Nazi“ und „Antisemit“ abgestempelt wurde. Letzten Endes durfte er nie wieder nach Israel reisen und man wollte sogar versuchen, ihm den Nobelpreis abzuerkennen.

Foto: cicero.de

Die Rede ist natürlich von Günter Grass und dessen umstrittenes Gedicht „Was gesagt werden muss“. Ungefähr fünf Monate ist es her, als Herr Grass seine „Israelkritik“ veröffentlichte, in der jeder klardenkende Mensch in keinster Weise auch nur einen Hauch von Antisemitismus entdecken kann. Die Kritik an der deutschen und israelischen Regierung war mehr als berechtigt. Auch gegenwärtig ist die Regierung Netanjahus nur auf einen Krieg gegen den Iran aus. Der große Bruder USA will aber noch nicht zustimmen. Das liegt wohl daran, dass sich dort gerade der Wahlkampf abspielt.

Wie dem auch sei, Herr Grass wurde damals von allen Seiten heftig kritisiert und teilweise auch beschimpft. Die Medien zerfetzen den Nobelpreisträger regelrecht. Deutsche Politiker nahmen Abstand von Grass‘ Person und versuchten, ihre Kollegen in Israel zu beschwichtigen. Das Ganze spitzte sich zu, indem der israelische Innenminister ein Einreiseverbot für Grass erhängte und letzten Endes auch noch verlangte, dass man Grass den Literaturnobelpreis aberkennen müsse. Dies wurde aber zum Glück abgelehnt.

Günter Grass veröffentlichte ein Gedicht, was in keinster Weise die jüdische Religion in schlechtes Licht darstellte. Er hat nicht über den Propheten Moses gelästert oder die religiösen Gefühle von jüdischen Gläubigen verletzt. Herr Grass tat nur eines: Er kritisierte die Politik des israelischen Staates. Das war einigen Herrschaften aber wohl zu viel. Der Vorwand der „Kunst- und Meinungsfreiheit“ war verschwunden. Grass wurde zum Antisemiten erklärt. Kanzlerin Merkel meinte, dass das Gedicht nur Grass‘ Meinung sei und nicht jene des deutschen Staates. Sie distanzierte sich gemeinsam mit anderen Politikern wie Joachim Gauck von „Was gesagt werden muss“.

Stattdessen verteidigte die Kanzlerin vor zwei Jahren den dänischen Zeichner jener Karikaturen, die den Propheten Mohammad darstellen sollen. Frau Merkel rechtfertigte dies mit der „Kunst- und Meinungsfreiheit“, während der Karikaturist Kurt Westergaard für „sein Verdienst um die Meinungsfreiheit“ mit dem deutschen Medienpreis M100 ausgezeichnet wurde. „Europa ist ein Ort, in dem ein Zeichner so etwas darf“, meinte Merkel auf der damaligen Festrede.

Man fragt sich, wieso diese „ominöse Freiheit“ nur Bestand hat, wenn es um eindeutige, anti-islamische Hetzerei geht, die nur darauf aus ist, eine gewisse Gruppe zu provozieren, während gerechtfertigte Kritik an der israelischen Regierung sofort mit der Antisemitismus-Keule niedergeschlagen wird. Das ist die andere Seite Europas. Ich würde von Frau Merkel gerne wissen wollen, wo im Fall Grass die „Kunst- und Meinungsfreiheit“ geblieben ist.

11 Gedanken zu „Wo war die Meinungsfreiheit bei Günter Grass?

  1. . . . . wir können wirklich auf unser jüdisch-, christliches – besser: katholisches – Fundament stolz sein. Wir sind uns nicht bewußt, inwieweit unser Denken nicht nur beeinflußt, sondern bestimmt wird.

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  2. Sofern ich mich richtig erinnere, hat Grass das Gedicht in der Süddeutschen Zeitung veröffentlichen können, womit ihm schon einmal von einem der „mächtigsten“ deutschsprachigen Zeitung eine Plattform gegeben wurde, seine Meinung kundzutun. Weiterhin glaube ich, sofern das überhaupt geht, dass der Tenor der Diskussion – ganz vage zusammengefasst – eher darum ging, dass eine Mehrheit derjenigen, die ihn kritisiert haben, eher gesagt haben, dass das, was er meint, mehr oder weniger schwachsinnig/falsch/krud etc. ist, nicht, dass er das nicht sagen darf, auch wenn das natürlich dem Gedicht seines Titels widerspricht.

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    • „eher darum ging, dass eine Mehrheit derjenigen, die ihn kritisiert haben, eher gesagt haben, dass das, was er meint, mehr oder weniger schwachsinnig/falsch/krud etc. ist, nicht, dass er das nicht sagen darf, auch wenn das natürlich dem Gedicht seines Titels widerspricht.“
      Das ganze vage Zusammenspiel, das Sie hier anprangern, wirft das Licht auf Ihr Verständnis für die Freiheit/Meinungsfreiheit zurück.
      Wo waren Sie als Westerwelle die Menschen im Wüstenstaat Bahrain beschimpfte, weil sie die Ketten der deutschen Panzer mit ihrem Blut beschmierten als sie über sie rollten!

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  3. I have been paying close attention to the controvery that erupted with the publication of Guenter Grass’s poem warning of the consequences of an Israeli first strike, here the links to the archive for the controversy,

    http://goaliesanxiety.blogspot.com/2012/04/gunter-grass-what-must-be-said.html

    and to various ensuing discussions

    A compendium of critical opinions http://summapolitico.blogspot.com/2012/04/part-synopsis-of-grass-poem-controversy.html

    And of positive takes http://summapolitico.blogspot/05/defense-of-beast-post-mortem-part-ii-of.html

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  4. Wann werde ich endlich in einer intelligenten Welt (IQ > 200) leben ohne diesen jahrtausendealten messianisch-beschnitten-traumatisierten Terror überall, d.h. ohne diesen jüdisch-christlich-muslimisch-kapitalistisch-kommunistisch-faschistisch-nationalsozialistisch-hypersozial-hypermedialen Schwachsinn überall?

    Durchbrecht endlich diesen jahrtausendealten Teufelskreis und seid nicht mehr die Sklaven dieser dummen „jüdischen Tradition“ („Juden“ > „Christen“ > „Marxisten“ > „Nazis“ etc. …).

    Darum hatte Nietzsche recht mit seiner „Verjüdelung und Pöbelisierung“ überall (u.a. durch das jüdische Hollwood) – kein einziges starkes, perfekt ausgebildetes und stolzes Individuum weltweit…

    Der Beweis, dass Beschneidung zur Traumatisierung führt, ist eben diese blutige und dumme jüdisch-christlich-muslimisch-protestantisch-kapitalistisch-kommunistisch-faschistische Geschichte der letzten 2000 Jahre selbst!

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  5. Jeder Körper, der den Mund aufmacht und sagt, es gebe so etwas wie „wir Juden“, ist wohl ein Dummkopf. Denn: es gibt zunächst einmal nur individuelle Körper − von denen die meisten zwar vielleicht sprechen, aber darüber hinaus wohl nicht einmal denken können…

    „Ich habe schon genug mit meinem Menschsein zu tun. Warum muss ich denn auch noch Franzose und Calvinist (etc.) sein?“ (Michel de Montaigne). Wenn also jemand behauptet,
    er sei „Jude“ oder „Deutscher“ (etc.), so ist er letztlich „selber schuld“ (Immanuel Kant, 18.Jh.) − oder noch schlimmer: hat einfach den Montaigne (16.Jh.) nicht gelesen…

    Tja, überall nur noch jüdische „Meme“, die mir meine Welt versauen (=> Christen => Protestanten => Kapitalisten => Kommunisten-Marxisten => Nazis => jüd. Hollywood => …) — und keiner merkt was, weil sie alle schon fest im Griff „jüdischer Meme“ (PI) sind!

    PS: „Verjüdelung“ stammt nicht von mir — das war ein Zitat!

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  6. Der erste „Mensch“, der eine willkürliche Grenze zwischen den Menschen gezogen hat („ich Jude — Du Muslim!“), hat ein noch schlimmeres Verbrechen begangen als jener Rousseausche „Mensch“, der zum Zwecke seines Landbesitzes einen Pflock in den Erdboden gerammt hat…

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  7. Ich gebe Ihnen bei dem Artikel teilweise recht. Auch ich sah in dem Artikel keine antisemitischen Tendenzen, sondern eine mehr oder weniger sachliche Kritik an der deutschen und der israelischen Politik. Das Einreiseverbot, das Israel wegen dieses Gedichtes gegen Grass verhängt hat, widerspricht auch in meinen Augen der Meinungsfreiheit.

    Was ich allerdings nicht verstehe, ist Ihre Frage an Frau Merkel in Bezug auf die Meinungsfreiheit. Soweit ich weiß, wurde das Gedicht in Deutschland weder verboten noch anderweitig zensiert.

    Meinungsfreiheit heißt, dass ich meine Meinung frei sagen darf. Es heißt aber auch, dass sich jeder dazu äußern darf. Auch die Kritik an der Meinungsäußerung anderer ist von der Meinungsfreiheit gedeckt. Voltaire hat einmal gesagt „Ich mag verdammen was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass Du es sagen darfst.“ Das gilt für beide Seiten, sowohl für den, der seine Meinung sagt, als auch für den, der sie kritisiert.

    Günter Grass hatte das Recht dieses Gedicht zu schreiben und zu veröffentlichen und abgesehen von dem Einreiseverbot in Israel hatte es keine rechtlichen Konsequenzen. Sein Gedicht wurde kritisiert und diskutiert und auch dass man das darf, gehört zwingend zur Meinungsfreiheit dazu.

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  8. Pingback: Jahresrückblick 2012 | Emran Feroz's Blog

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