Taliban mit jüdischen Wurzeln?

Seit längerem gibt es viele Theorien innerhalb und außerhalb Afghanistans, die besagen, dass die Paschtunen Nachfahren der Stämme Israels seien. Demnach würden die radikalislamischen Taliban, die natürlich auch immer wieder gegen Israel wettern, ironischerweise jüdisch-israelitische Wurzeln haben. Auch unter vielen Paschtunen scheint diese Theorie beliebt zu sein, manche zeigen sich dann komischerweise solidarisch gegenüber Israel, andere wiederum wollen davon nichts wissen, während sie von manchen als „Nachkommen der Juden“ beschimpft werden. Gerüchte sagen, dass die israelische Regierung von der Abstammung der Afghanen Bescheid wisse, dies aber verheimliche. Tatsächlich fanden schon DNA-Untersuchungen, die vom israelischen Außenministerium finanziert wurden, statt. Ungeachtet von den Ergebnissen, die noch ausstehen, gibt es ein paar klare Fakten, welche die angeblich israelitische Abstammung der Paschtunen deutlich in Frage stellen.

Die Paschtunen berufen sich bis heute auf einen einzigen Urahn namens Imraul Qais (575 – 661). Qais, auch als „Kesh“ oder „Qesh“ bekannt, kam 575 in der heutigen afghanischen Provinz Ghor auf die Welt. Er war der erste Paschtune, der nach Mekka und Medina reiste, dort den islamischen Propheten Mohammad traf und den Islam annahm. Von Mohammad erhielt er den Namen „Abdur Rashid“.

Angeblich soll Qais israelitische Wurzeln gehabt haben und ein Nachfahre des biblischen Königs Saul gewesen sein. Saul soll um 1000 v. Chr. gelebt haben und soll der erste König Israels gewesen sein. Auch der Quran berichtet über ihn. In arabischen Schriften wird er „Malik Talut“ genannt. Er wird in allen heiligen Schriften der abrahamitischen Religionen erwähnt. Saul soll einen Sohn namens „Afghan“ oder „Afghana“ gehabt haben. Mündlichen Überlieferungen nach soll er das Heilige Land verlassen und sich mit seiner Familie im Gebiet des heutigen Afghanistans niedergelassen haben. Wann dies genau geschah, ist bis heute noch unklar. Die Regierungszeit Sauls ist auch gegenwärtig umstritten und nicht bewiesen. Saul war ein Abkömmling des Stammes Benjamins, einem der „Verlorenen Stämme Israels“. Die Stämme Israels sahen sich als Nachfahren der Söhne Jakobs. Diese werden auch als „Erzväter“ bezeichnet. Durch die jüdische Diaspora, die in der Antike begann, zerstreuten sich die Stämme Israels auf der Erde.

Die Paschtunen haben gegenwärtig die größte Stammesgesellschaft der Welt. Ihr Stammessystem ähnelt dem der Israeliten. Dies ist aber noch lange kein Beweis dafür, dass sie deshalb von ihnen abstammen. Abgesehen davon, dass die Legende von Qais aus historischer Sicht bis jetzt nicht bewiesen wurde, gibt es noch zahlreiche andere Ungereimtheiten. Anfang 2010 analysierte die indische Forscherin Shahnaz Ali Genmaterial von Mitgliedern des Stammes der Afridi. Unterstützt wurde sie von Dr. Navaz Afridi. Die beiden sind davon überzeugt, dass die Paschtunen aus Israel stammen. Laut Dr. Afridi, der die DNA von aschkenasischen Juden aus Haifa mit jener von Stammesmitgliedern der Afridi verglich, haben die Paschtunen nach irakischen und iranischen Juden am ehesten genetische Gemeinsamkeiten mit den Israelis aus Haifa. Die sogenannte Haplogruppe R (Y-DNA) wurde bei sieben Prozent der Paschtunen, als auch bei Juden gefunden.

Kulturell und sprachlich haben die Paschtunen mit den Juden keinerlei Gemeinsamkeiten. Ihre Sprache, das indogermanische Paschto, zeigt keinerlei Ähnlichkeit mit dem semitischen Hebräisch. Beide Völker sind streng patriarchal, doch ein Jude wird erst durch seiner Mutter zum Juden, ein Paschtune hingegen ist ein Paschtune, wenn sein Vater Paschtune ist.

Die Anhänger der Israel-Theorie verweisen immer wieder auf eine berühmte Mauer in der Stadt Kandahar, gegenwärtig bekannt als Taliban-Hochburg. Viele Treppen muss man gehen, bis man die besagte Mauer, die auf einem Hügel steht, erreicht hat. Auf der Mauer findet man hebräische Schriftzeichen, deren Herkunft bis heute nicht geklärt wurde. Die Männer einiger Paschtunen-Stämme bevorzugen es, lange Haare zu tragen. Einige sind der Meinung dass die Männer des Stammes Simeon, einem der verlorenen Stämme Israels, das Gleiche taten.

Der pakistanische Journalist und Historiker Salman Rashid, mit dem ich in der Vergangenheit schon in Kontakt stand, hat zu den Wurzeln dieses Volkes eine interessante These, welche auch den meisten Paschtunen eher unbekannt zu sein scheint.

Rashid behauptet, dass der Ursprung des Wortes „Afghane“ im sanskritischen Wort „Ashv“ liegt, was übersetzt „Pferd“ bedeuten würde. Im Altpersischen wurde daraus „Asp“, was heute noch verwendet wird. Der altgriechische Historiker Herodot bereiste zu seinen Lebzeiten, sprich, im 5. Jahrhundert vor Christus, viele Länder. Eines davon lag in den heutigen afghanischen Provinzen Pakita und Paktika. Die dortige Bevölkerung bezeichnete sich als „Pactyan“ und war ein Reitervolk.

Diese Reiter wurden als „Ashvaka“ (Sanskrit) oder „Aspagan“ (Altpersisch) bezeichnet. Das Land in dem die Pactyan lebten, wurde von den alten Persern „Apaganistan“ genannt, was dem Wort „Afghanistan“ sehr nahe kommt. Außerdem würde es die Theorie widerlegen, Afghanistan sei nach einer Person namens Afghana benannt worden.

Salman Rashid geht noch weiter und stellt fest, dass es unter den verschiedenen Stämmen der Pactyan einen Stamm gab, der mit der Reitkultur sehr verbunden war. Dieser Stamm nannte sich „Aspzai“. Aus dem Wort „Asp“ wurde im Laufe der Islamisierung „Yussuf“. Da viele Paschtunen Schwierigkeiten haben, den F-Laut auszusprechen, hört man „Yussuf“ auch als „Essop“ oder „Ussup“. Demnach wird der Stamm der Yussufzai, einer der größten Stämme der Paschtunen, auch „Essopzai“ genannt, was wiederum dem Wort „Aspzai“ sehr ähnlich ist.

Die Anhänger der Israeliten-Theorien behaupten wiederum, dass durch Stammesnamen wie Yussufzai, Barakzai, Musakhel oder Slemankhel die Abstammung von den Juden eindeutig sein muss. Wohl gemerkt, Josef, Barak, Moses und Salomon werden nicht nur im Alten Testament erwähnt, sondern auch im Quran. Demnach könnte diese Namensgebung genauso durch die Islamisierung Afghanistan stattgefunden haben.

Im Laufe der Geschichte bekannten sich immer wieder afghanische Herrscher zu ihren angeblichen israelitischen Wurzeln. So behauptete der einstige Emir Afghanistans, Dost Mohammad Khan, dass sein Volk aus Israel stammt. Eine andere Geschichte, die allerdings nie belegt wurde, besagt, dass Nadir Schah, der Amanullah Khan im 20. Jahrhundert auf dem Thron folgte, einst von den Stammesältesten der Yussufzai mit einer goldenen Thora empfangen wurde. Abgesehen davon, dass so etwas unter Muslimen unüblich ist, fragt man sich, woher die Ältesten solch ein Exemplar hatten. Der letzte König Afghanistans, Mohammad Zaher, behauptete zu seinen Lebzeiten, ein Nachkomme des Stammes Benjamin zu sein. Während seiner Herrschaft wurden die Juden Afghanistans sehr gut behandelt. Mit der Gründung des israelischen Staates zogen es die meisten von ihnen vor, Afghanistan aufgrund des Krieges und der wirtschaftlichen Situation zu verlassen.

Die afghanischen Juden waren jedoch keine Paschtunen, sondern sogenannte Mizrachim, sprich, orientalische Juden. Im zentralasiatischen Gebiet sind sie auch als bucharische Juden bekannt. Sie sprechen Persisch oder „Bukhori“, einen persischen Dialekt, der mit hebräischen Buchstaben geschrieben wird. In Afghanistan gibt es gegenwärtig einen einzigen Juden, der in einer Synagoge in Kabul lebt. Zebulon Simentov stammt ursprüchlich aus Herat, was ein Afghane an seinem ausgeprägten Herati-Akzent schnell erkennen kann. Seine Familie hat er schon längst nach Israel geschickt. Afghanistan betrachtet er als seine Heimat, deshalb will er nicht auswandern.

Fakt ist trotzdem, dass die bucharischen Juden nichts mit den Paschtunen gemeinsam haben. Obwohl es laut Dr. Nawaz Afridi gewisse Gemeinsamkeiten seitens der DNA gibt, sind Historiker wie Salman Rashid davon überzeugt, dass die Paschtunen ein indogermanisches Volk sind mit einer indogermanischen Sprache. Ein Volk, welches schon seit Jahrtausenden in derselben Region lebt, jene Region, die auch einst von Herodot bereist wurde.

Viele Völker Zentralasiens wollen sich höher stellen, indem sie behaupten, sie seien die Nachfahren von Juden oder Araber. Viele von ihnen sehen ihre Vorfahren lieber im Alten Testament oder im Quran und wollen nicht einsehen, dass es einfache Menschen waren. Einfach gesagt, wollen sie ihre Herkunft „veredeln“.

Nichtsdestotrotz sind viele Fragen ungeklärt. Aufgrund der gegenwärtigen Situation in Afghanistan zeigt man wenig Interesse für solche Themen und auch die Paschtunen haben mit anderen Problemen zu kämpfen, als sich um ihre ursprüngliche Herkunft zu kümmern. Man kann nur hoffen, dass sich dies eines Tages zum Positiven ändern wird.

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6 Gedanken zu „Taliban mit jüdischen Wurzeln?

  1. Die Theorie der Stämme Israels als Vorfahren der Paschtunen habe ich schon häufig gelesen und das Interesse zum Ursprung der Vorfahren ist für mich auch verständlich.

    Dieses Höherstellen, also ich bin ein Nachfahre von Juden oder Arabern, erschliesst sich mir
    nicht.

    Ich meine, was ist der Unterschied? Indogermane, Jude, Araber? Offensichtlich kapiere ich Grundlegendes nicht.

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    • Da die Iraner maßgeblich vom schiitischen Islam geprägt wurden, der Großteil des arabischen Volkes hingegen vom sunnitischen, wollen sie gar nicht mit den Arabern in Verbindung gebracht werden.

      „Arab“ ist nicht umsonst ein Schimpfwort im Iran.

      Komisch ist hierbei dennoch, dass jedes Jahr mehrere Millionen Iraner behaupten, „Sayyeds“ zu sein, also Nachfahren des Propheten Mohammad.

      Auch wenn es höchst unwahrscheinlich ist, dass so viele Iraner aus der Linie des Propheten stammen, so kann man nicht leugnen, dass viele von ihnen arabische Vorfahren haben, aufgrund der damaligen Islamisierung des Landes.

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      • Naja so seltsam ist es nicht, da ja dieser Titel vererbt wird und die meisten haben auch einen Stammbaum, welcher nachvollziehbar ist. Du musst auch bedenken vor 100 Jahren gab es im Iran nur 9 Mio Menschen und heute 72 Mio. Dementsprechend gibt es auch viel mehr Seyyeds als früher. Sicher sind viele von ihnen keine Seyyeds und ihre Vorfahren haben das erfunden, aber es ist nicht so das man zur heutigen Zeit einfach hingeht und sagt man ist Seyyed und lässt sich als solchen Ausweisen. Sicher haben viele arabischen Vorfahren. Sowieso gibt es kaum reinrassigen Völker, ausser eben solche die isoliert Leben, wie z.B. früher bei dem Aborigenes.

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  2. 1)Nirgendwo, wo sich Hebräer bzw. Israeliten niedergelassen haben, haben Sie Ihre Sprache vollständig verloren. Es haben sich Mischformen wie Jiddisch etc gebildet.

    2)Desweiteren haben Genetische Test die verwandtschaft der Afghanen / Paschtunen mit semitischen Völkern widerlegt.
    http://www.matthewleeming.com/pages/alexander.pdf

    3)Afghanistan’s Ethnic Groups Share a Y-Chromosomal Heritage Structured by Historical Events
    http://www.plosone.org/article/info:doi/10.1371/journal.pone.0034288

    Diese Studie beweisst indirekt auch das die Merkmal Genen bei Paschtunen und Tadschiken eher zufinden sind, als bei den Turk völker Hazara oder Uzb. also wenn wir juden wären dann wären es meine Bruder Tadschiken auch =)

    4) Kritik Verlorenen Stamm theorie :

    „Neuere Exegeten gehen davon aus, dass Israel als theologische Größe erst nach 722 v. Chr. bestanden hat. Damit wäre der 12-Stämme-Bund eine Fiktion aus späterer Zeit ohne historische Grundlage und die Suche nach den „Verlorenen Stämmen Israels obsolet
    Da die meisten der genannten Gruppen nur vergleichsweise junge Überlieferungen haben, können sie auch auf spätere jüdische Kolonien zurückgehen oder ihren Kultus (nebst der Überlieferung von den verlorenen Stämmen) von diesen übernommen haben.
    Juden reisten in andere Regionen und versuchten Konvertiten zu gewinnen, besonders im Yemen und unter den Berbern in Nordafrika. Jahrhunderte später konvertierte das Volk der Khazaren im Süden Russlands en masse zum Judentum und wurden so der Ursprung der aschkenazischen Juden Mittel- und Osteuropas“ ( Dr. Sand (selbt jude ) )

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  3. wär glaubt dass paschtunen juden sind hat echt keine ahnung von paschtunen. Pashto hat kein einziges jüdisches wort und genetisch gibt es keinerlei Verbindung

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