Die Rache des Afghanen

Vorgestern gab der französische Präsident Nicolas Sarkozy bekannt, dass Frankreich die afghanische Armee in Zukunft nicht mehr fördern wolle und dass die Regierung sogar über einen frühzeitigen Abzug der französischen Truppen nachdenke. Der Grund: Kurz nach dem Aufdecken der Gräueltaten amerikanischer und britischer Soldaten erschoss ein afghanischer Soldat vier französische „Kollegen“. Der Angreifer konnte überwältigt und verhaftet werden. Die Taliban bekannten sich stolz zu ihrem Unterstützer der „aus ihren Reihen stammt und eigens dafür rekrutiert wurde“, wie sie selbst behaupteten. In den vergangenen Monaten kam es immer wieder zu solchen Anschlägen, die mittlerweile 6% der getöteten alliierten Soldaten ausmachen. Obwohl die Taliban immer wieder sagen, dass es „ihre Leute“ seien, liegt es mittlerweile auf der Hand, dass diese Menschen, diese Uniformierten, meistens aus eigener Sache handeln und weder einer terroristischen Organisation, noch den Taliban zuzuordnen sind.
Mittlerweile wurde der festgenommene Soldat verhört. Sein Beweggrund für die Tat waren seiner Aussage nach jenes Video, was US-Soldaten bei jener Schandtat zeigt, über die ich schon berichtet habe. Einfach gesagt: Er handelte aus Rache. Er konnte solch ein Vergehen nicht einfach hinnehmen. Es ist klar, dass die getöteten französischen Soldaten nichts dafür konnten, doch was erwartet sich die westliche Staatengemeinschaft? Bis jetzt wurde immer noch nicht geklärt, ob es sich bei den Getöteten in dem Video um Aufständische oder um Zivilisten handelt. Bis jetzt haben die fremden Soldaten immer noch nicht erkannt, dass ihnen im Prinzip kein einziger afghanischer Soldat mehr vertraut, dass die eindeutige Mehrheit des afghanisches Volkes, egal welcher Schicht und Ethnie, sie hasst.
Rache ist ein wichtiger Bestandteil der afghanischen Gesellschaft. Offenbar haben das die Alliierten immer noch nicht verstanden. Man kann nicht erwarten, die Menschen Afghanistans zu verstehen, indem man sich einen Vollbart wachsen lässt und Frauen nicht die Hand gibt. So einfach ist das nicht. Für die meisten Europäer sind die Afghanen zurückgeblieben. Sie halten sich selber für aufgeklärt und fortgeschritten und die Afghanen für barbarisch. Für die meisten Afghanen wiederum ist die westliche Kultur, wenn man es überhaupt so nennen kann, etwas Unmoralisches, was nicht in ihr Lebensbild passt. Im Prinzip hasst der Afghane den Westen, seit der erste Engländer seinen Fuß in ihr Land setzte. Die Engländer meinten während des Ersten Anglo-Afghanischen Krieges, die Afghanen zu kennen, sie lagen aber falsch. Sie haben die Afghanen nie gekannt, ihre Schreiber und Pseudo-Abenteurer, die das Land zu dieser Zeit bereisten, berichteten nur oberflächlich über die Menschen im Lande. Einige wurden zwar als Gast empfangen, weil auch Gastfreundschaft wie Rache etwas Wichtiges in der Gesellschaft ist, trotzdem wurden sie nie gemocht und ihnen wurde nur Verachtung geschenkt. Der Engländer schätzte damals die afghanische Kultur nicht, er tötete ebenfalls Unschuldige, vergewaltigte Frauen und missbrauchte Kinder. So wie es nun mal im Krieg passiert, wobei man sagen muss, dass die europäischen Kolonialherren in diesen Punkten immer wieder zeigten, dass sie die Grausamsten waren, egal ob in Asien, Afrika oder Südamerika.
Nun passiert das Gleiche noch einmal und der Afghane tritt als Rächer auf. Für die Franzosen in Paris ist er nur ein grausamer Mörder, ein verrückter Amokläufer. Können diese vom Frieden verwöhnten Menschen wirklich so einfach über die Beweggründe dieses Mannes urteilen? Ich denke nicht. Der französische Präsident zeigt sich hart, ohne zu erwähnen, wie viele Menschen schon französische Soldaten in Afghanistan getötet haben. Er bemitleidet die Hinterblieben der toten Soldaten, obwohl er weiß, wie viele Kinder in Afghanistan ihren Vater verloren haben, wie viele Mütter ihren Sohn verloren haben, wie viele Frauen ihren Ehemann verloren haben. Wurden diese auch nur einmal von irgendeinem „europäischen Würdenträger“ erwähnt? Die Antwort liegt auf der Hand. Der Franzose, der Amerikaner, der Brite, der Australier, der Deutsche, der Kanadier, sie sind alle mehr wert als der Afghane.
Solange sich diese Einstellung nicht ändert, werden es sicherlich nicht die letzten ausländischen Soldaten gewesen sein, die durch die Hand eines „afghanischen Kollegen“ starben.

Advertisements

2 Gedanken zu „Die Rache des Afghanen

  1. Ah ein sehr schöner Kommentar zur Sache.
    Ungetrübt von der westlichen Medien-Landschaft wurden hier berechtigte Fragen gestellt.
    Jedem dem Objektivität nicht völlig fremd geworden ist, sollte dieser Kommentar doch zum nachdenken anregen, wenn man es den tatsächlich noch nicht getan hat.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s