Zehn Jahre Chaos

Heute vor zehn Jahren begann die „Operation Enduring Freedom“. Die Amerikaner und deren Verbündete zogen in den Krieg nach Afghanistan. Sie zogen in ein Land, was schon damals zwei Jahrzehnte Krieg hinter sich hatte. Sie zogen in Land, welches den westlichen Menschen mehr als nur fremd war. Und sie hatten nur ein Ziel: Sie wollten den Mann fangen, dessen Namen heute jedes Kleinkind kennt. Jenen Mann, der für all das Leid, welches den Amerikanern widerfuhr, verantwortlich gemacht wurde. Jenen Mann, der einst selber von den Amerikanern nach Afghanistan geschickt wurde, um den Sowjets den Garaus zumachen. Der Saudi-Araber mit dem Namen Osama Bin Laden.
Am Anfang ging es schnell. Die Taliban und deren Anführer Mullah Mohammad Omar wurden binnen kurzer Zeit aus Kabul verjagt. Der frühere Präsident Afghanistans, der Tadschike Burhanuddin Rabbani, wurde als rechtmäßiger Präsident wieder anerkannt. Dieser gab aber schnell sein Amt ab. Der Paschtune Hamed Karzai, der bisweilen in den USA lebte, eine Restaurantkette führte und bei Unocal, einem der größten Energieunternehmen der Welt tätig war, wurde von den Alliierten als neuer „Machthaber“ installiert.
Der Kampf gegen die Aufständischen, die einst von den Amerikanern als „würdevolle Krieger gegen die gottlosen Kommunisten“ gepriesen wurden und die von den meisten Medien nur als „Taliban“ bezeichnet werden, ging weiter. Die USA und der Westen fanden in den Kommandanten der Nordallianz, die schon vor dem US-Einmarsch die Taliban bekämpften, gute Verbündete. Die Kämpfer der Nordallianz bestanden großenteils aus Tadschiken, Usbeken und einigen Hazara. Der Bekannteste unter ihnen war der Tadschike Ahmad Schah Masoud, der am 09.09.2001 von arabischen Selbstmordattentätern ermordet wurde. Masoud genießt in Afghanistan, aber auch im Iran und in vielen anderen Ländern eine Art „Ché-Guevara-Kult-Status“ und wird von seinen Anhängern verehrt. Trotzdem wird auch er, wie viele andere Nordallianz-Kommandanten, auch „Warlords“ genannt, für zahlreiche Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen verantwortlich gemacht. Seine Milizen sollen insbesondere viele Hazara- und Paschtunendörfer überfallen haben. Morde, Vergewaltigungen, Plünderungen, mit solchen Taten haben sich im Prinzip fast alle Kämpfer der Nordallianz befleckt. Diese Herrschaften sind nun also die Verbündeten des Westens. Obwohl die Amerikaner propagierten, dass nun Freiheit in Afghanistan herrsche, zeigt die Realität etwas anderes. Die großen Städte wie Kandahar, Kabul, Mazar-e Scharif, Herat sind zwar „frei“, einige waren es auch schon davor, doch die Macht des Präsidenten Karzai geht nicht über die Grenzen Kabuls hinaus. Der „Bürgermeister von Kabul“, wie er scherzhaft genannt wird, hat keinerlei Kontrolle über „sein“ Land. In all den Jahren wurde nur wenig gefördert, obwohl Massen an internationalen Geldern ins Land flossen. Nur einige Wenige haben sich dadurch bereichert, sind zu großen Unternehmern geworden und kauften sich Villen und allerlei verschiedene Luxusgüter in Dubai oder anderen Weltmetropolen. Die Vetternwirtschaft sowie die Korruption blühen wie niemals zuvor. Karzai „verschenkte“ viele Stellen an seine Brüder und andere Verwandte, wie an seinem Halbbruder Ahmad Wali Karzai. Dieser spielte sich gerne als Wichtigtuer auf und ließ sich seine Hände sogar von den graubärtigen Stammesführern Kandahars beküssen. Vor einigen Monaten wurde er von seinem eigenen Leibwächter getötet. Obwohl die westlichen Medien sofort wieder von einem Anschlag der Taliban ausgingen, steckte wahrscheinlich eine interne Stammesfehde dahinter. Das komplizierte Stammessystem der Paschtunen sowie deren Bräuche und Ehrenkodex sind eines jener Dinge, die der Westen wahrscheinlich nie verstehen wird. Ein anderer Bruder Hamed Karzais, Mahmoud Karzai, ist der größte Drogenbaron Afghanistans und steht unter anderem auf der Gehaltsliste des CIA. Mahmoud ist auch ein Unternehmer. Vor einiger Zeit lieh er sich immense Geldsummen von der Kabul Bank aus, der größten und wichtigsten Bank des Landes, um damit Anteile eben jener Bank zu kaufen. Einige andere taten das gleiche, die Bank entging nur knapp dem Kollaps und hat bis heute noch Probleme. Sowas kann wahrhaftig nur in Afghanistan geschehen. Unter anderem hat Mahmoud Karzai einige Immobilien in Dubai, auch auf der berühmten Insel „Palm Jumeirah“ besitzt er eine Villa. Währenddessen haben die Taliban wieder weite Teile des Landes erobert. Besonders an der Grenze zu Pakistan, an der Durand-Linie, herrschen raue Sitten. Andere Städte wiederum stehen unter dem Einfluss der Warlords der ehemaligen Nordallianz. Wer glaubt, dass das etwas Gutes ist, liegt gewaltig daneben. Einigen Milizenführern, die speziell von den Amerikanern und der „Regierung“ in Kabul in einzelne Gebiete entsandt wurden, ist ihre Macht zu Kopf gestiegen. Sie morden, plündern und vergewaltigen bis auf das Letzte. Als bestes Beispiel hierfür ist der Tadschike Azizullah, der mit seinen Soldaten die überwiegend von Paschtunen bewohnte Provinz Paktika terrorisiert. Der paranoide Kommandant hat es speziell auf Paschtunen abgesehen und tötet jeden, der ihn auch nur auf irgendeine Art und Weise verdächtig vorkommt. Laut Augenzeugenberichten gehen er und seine Milizen sehr brutal vor, auch gegenüber Frauen und Kindern. Azizullah selbst trägt einen Vollbart und eine Uniform der afghanischen Armee und meint, dass das alles Lügen seien, immerhin sei er sehr gläubig und er würde nie auf die Idee kommen, Unschuldige zu töten. Die Bewohner von Paktika erzählen etwas anderes. Sie sagen, dass das Einzige wovor sie in der ganzen Gegend Angst haben, Azizullah und seine Milizen seien. Einige Dorfbewohner haben sich sogar schon den Taliban angeschlossen, um Azizullah zu bekämpfen.
Die meisten Verbündeten des Westens sind wie Kommandant Azizullah oder noch schlimmer. Im afghanischen Parlament sind zahlreiche Mörder und Kriegsverbrecher vertreten. Niemand will auch nur das Geringste gegen diese Herrschaften unternehmen. Währenddessen verschlechtert sich die Lage im Land von Tag zu Tag. Vor einigen Wochen wurde Ex-Präsident Rabbani getötet. Gestern wurde über ein Killer-Kommando berichtet, das es anscheinend auf Präsident Karzai abgesehen hatte. Es gibt immer wieder zivile Opfer, die durch ferngesteuerte Drohnen und Bombardements getötet werden. Dadurch machen sich die Amerikaner nur noch mehr Feinde. Diese Feinde sind nicht fanatische Taliban-Kämpfer, sondern einfache Menschen, wie der Familienvater, der durch einen Drohnenangriff seine Kinder und seine Frau verloren hat. Er will einfach nur Rache. Rache ist ein wichtiger Bestandteil des Paschtunwali, des paschtunischen Ehrenkodex.
Viele Milliarden Dollar wurden in diesen Krieg hineingesteckt. Man hätte lieber den Welthunger bekämpfen sollen, als einen einzelnen Mann, der angeblich im Mai dieses Jahres von US Navy Seals aufgespürt und getötet wurde, und das nicht einmal in Afghanistan, sondern in Pakistan. Osama Bin Laden befand sich auch nicht im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet. Nein, er befand sich in Abbottabad, einer pakistanischen Garnisonsstadt, die an den Provinzen Punjab und Kashmir grenzt und bestens gesichert war. Seine Leiche hat keiner gesehen, er wurde ja angeblich im Meer bestattet. Ob er es wirklich war, das ist stark anzuzweifeln. Man wird es wohl nie erfahren. Hauptsache die Amerikaner haben einen Grund, das Land zu verlassen.
Haben die Amerikaner und der Westen wirklich daran geglaubt, Afghanistan nach ihren Idealen gestalten zu können? Wohl eher nicht, aber falls sie trotzdem so naiv waren, hätten sie lieber einen Blick ins Geschichtsbuch geworfen. Einst fiel Alexander der Große über den Iran nach Afghanistan ein. Er war klug und verließ das Land so schnell wie möglich wieder über den Khyber Pass. Die Engländer versuchten es Jahrhunderte später ganze drei Mal. All ihre Versuche schlugen fehl. Die Russen, die es als letztes vor den Amerikanern versuchten, haben ihr Trauma, „ihr Vietnam“ bis heute nicht überwunden. Das gleiche Schicksal widerfährt den westlichen Streitkräften.
In diesen zehn Jahren wurde nahezu nichts erreicht. Der einäugige Mullah Omar lebt immer noch, die Taliban werden immer stärker. Vor dem Einmarsch der Alliierten gab es kein einziges Selbstmordattentat, was von einem Afghanen begangen wurde, heute assoziieren die meisten Menschen zum Wort „Afghane“ automatisch das Wort „Selbstmordattentat“. Nahezu jeden Tag liest man von Selbstmordanschlägen in Kabul, Kandahar, Baghlan usw.
Die Zukunft Afghanistans ist offen, doch solange das Nachbarland Pakistan nicht dingfest gemacht wird, wird auch Afghanistan nicht zur Ruhe kommen. Karatschi ist gegenwärtig die gefährlichste Stadt der Welt. Viele arabische Extremisten befinden sich mit großer Wahrscheinlichkeit in Pakistan und nicht in Afghanistan. Der Terror wird von Pakistan aus exportiert. Pakistan spielt eine Doppelrolle und ist eine große Gefahr für die Sicherheit Zentralasiens. Falls der Westen Afghanistan einfach so verlässt und Pakistan unbeobachtet lässt, bricht das endgültige Chaos aus, denn dann steht es noch schlechter um jenes Land, was einst bekannt war für seine wunderbaren und einzigartigen Früchte, für seine Dichtkunst und Musik und für seine atemberaubenden Landschaften.

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5 Gedanken zu „Zehn Jahre Chaos

  1. Sehr guter Text. Ich schließe mich meiner Vorkommentatorin an. Inhaltlich gibt es nichts zu verbessern, aber etwas mehr Absätze, so wie gegen Ende des Textes wären gut.

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  2. Ich finde deinen Blog klasse Emran. Weiter so!
    Hättest du mal Lust einen Hintergrundbericht zu Ahmad Schah Massud zu schreiben? Fände ich sehr interessant.

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